Zwitscherfeminismus, yeah!

Hier ein Pograpscher, dort ein anzüglicher Witz vom Chef: Tausende Frauen deponieren auf Twitter ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus. Die Anatomie einer Erregung.

1. Ist es grundsätzlich wichtig, über Sexismus zu reden? Ja. Sexismus hat, anders als das Wort vermuten ließe, wenig mit Sex zu tun, aber viel mit Macht. Die einen (meistens Männer) versuchen dabei, anderen (meistens Frauen) eine Rolle zuzuweisen, in der sie gefallen und jederzeit zur Verfügung stehen sollen. Frauen, ihre Körpermerkmale und Verhaltensweisen werden taxiert, bewertet, benotet. Schlüpfrige Witze, zweideutige Angebote, unerwünschte Berührungen  – all das dient, um Hierarchien zu zementieren. Solche Übergriffe und Grenzüberschreitungen kommen im Alltag täglich tausendfach vor.

2. Warum reden Frauen normalerweise so wenig darüber? Gute Frage. Früher, als Sexismus noch nicht „Sexismus“ hieß, sondern normaler Bestandteil des patriarchalen Geschlechterverhältnisses  war, war die Anwort klar: Weil sie Angst hatten. Wer aus der Rolle fiel, musste damit rechnen, bestraft zu werden. Recht geschieht ihr, hieß es dann. Die Serie „Mad Men“ gibt uns eine kleine Ahnung von diesen Mechanismen.

Heute ist die Antwort komplizierter. Wahrscheinlich lautet sie: Weil viele Frauen fürchten, als prüde, verklemmt und unsouverän dazustehen. Wer cool ist, lässt sowas abtropfen. Man will kein Opfer sein. Man will nicht als hysterisch gelten. Und will man sich wirklich über eine Berührung, eine blöde Bemerkung aufregen, solange anderswo Frauen vergewaltigt, gesteinigt, ermordet werden? Nein. Der antifeministische Diskurs der vergangenen Jahre hat eines geschafft: Dass Frauen sich zu Dank verpflichtet fühlen, nicht unter den Taliban zu leben. Denn, klar: Männer könnten auch noch ganz anders. Und daran erinnern sie einen gern.

3. Warum dann #Aufschrei, gerade jetzt? Gerade jetzt ist der ebenso passende Zeitpunkt wie vor drei Wochen oder in drei Monaten. Weil beinahe jede Frau 1. und 2. schon erlebt hat, manchmal hat man sich gewehrt, manchmal nicht, jedes Mal blieb ein Rest an Zorn. Man ahnt zwar, dass man damit nicht allein ist. Aber erst wenn alle gleichzeitig damit rausrücken, fühlt man sich sicher. Was in der Semi-Anonymität von Twitter besser geht als in anderen Foren der Öffentlichkeit: Hier muss man nicht unter eigenem Namen sprechen, hier sieht man sein Gegenüber nicht, hier wird man nicht rot, und man muss nicht antworten, wenn man nicht will. Der Schneeballeffekt sorgt dafür, dass aus tausenden Einzelfällen eine Lawine wird.

4. Warum interessieren sich plötzlich auch Fernsehen, Talkshows, konservative Zeitungen und Mainstream-Magazine dafür? Das ist tatsächlich interessant – und verrät mehr über das Weltbild konventioneller Medienmacher als diesen lieb sein kann. Wer in einer Redaktion Sexismus oder sexuelle Belästigung zum Thema machen wollte, musste bisher stets damit rechnen, in die feministische Ecke gestellt – und dort auf ewig eingemauert zu werden. Es galt als Sache für „Emma“. Für alternde, lustfeindliche Frauen. Für beamtete Genderbeauftragte in der Gleichstellungsbürokratie. Jedenfalls nicht für die junge, schicke, allzeit flirtbereite Leserschaft, die Chefredakteure herbeiphantasierten, wenn sie über ihre werberelevanten Zielgruppen nachdachten.

Wahrscheinlich lagen die Medienmacher mit diesen Phantasien immer schon daneben. Doch erst Twitter, dieses neue, rätselhafte Medium, hat sie mit der Nase drauf gestoßen: Womöglich denken die jungen Frauen dort draußen ganz anders als wir hier drinnen meinen? Wie ist es möglich, dass bei ihnen ein Thema brennt, dessen Relevanz wir seit Jahren hartnäckig bestreiten? Die Erkenntnis muss ein ziemlicher Schreck sein: Die werbereleventen Zielgruppen sind dem Feminismus inhaltlich wahrscheinlich viel näher als vermutet. Aber weil sie in den Medienhierarchien zu wenig zu sagen haben, kriegt das halt keiner mit.

5. Wie sollen wir mit Alltagssexismus künftig umgehen? Jedenfalls nicht mit obrigkeitsstaatlicher Kontrolle, Überwachung und Strafe. Anders als polemische Kommentare unterstellen, geht es nicht darum, zwischen jeden Mann und jede Frau eine Tugendwächterin zu stellen oder ein generelles Flirtverbot zu verhängen. Es geht um Respekt. Darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Arten der Annäherung erwünscht sind und welche nicht.

Das ist, wie so vieles, vor allem eine atmosphärische Frage. Auf einem marokkanischen Marktplatz gelten andere Regeln als auf einem schwedischen, und in einem Büro andere als in einem Nachtclub. Die Etikette zwischen den Geschlechtern, das Gefühl dafür, was okay ist und wo ein Übergriff beginnt, verändert sich ständig. Sie bildet sich im gelebten Alltag heraus – durch tausende tägliche Bemerkungen, Beobachtungen, Handlungen, durch die stete Abfolge von Aktion und Reaktion, Belohnung und Zurückweisung. Diese Feedbackschleife bedeutet: Jeder Mensch, der einen Übergriff zulässt, ohne sich zu wehren, trägt dazu bei, dass der Täter sich bestätigt fühlt und weitermacht. Jahrhundertelang hat das – siehe 2. – funktioniert. Im Zeitalter der Gleichberechtigung gibt jedoch keinen Grund mehr, sich damit abzufinden.

Womit wir, 6., beim Anlassfall wären. Beim FDP-Politiker Rainer Brüderle, der „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich, an der Stuttgarter Hotelbar vor einem Jahr. Dass ein 67jähriger den Brustumfang einer 29jährigen begutachtet, ist in seiner Alltäglichkeit eher banal. Aber der Fall zeigt auch, wie brüchig die Hierarchien im Geschlechterverhältnis bereits geworden sind: Ein alternder Politiker muss sich gegen eine übermächtige Kanzlerin beweisen. Eine Journalistin geht beruflich auf ihn zu und weist ihn sexuell zurück. Eine Pressesprecherin schließlich schickt ihn mit mütterlicher Rüge ins Bett.

Vielleicht hat Brüderle es in jenem Moment gespürt: Der geschützte Raum für Anzüglichkeiten, sexuelle Machtspielchen  und Herrenwitze ist verdammt eng geworden. Überall stehen neuerdings Frauen herum und geben Feedback. Was für alle, inklusive der Herren, eigentlich eine gute Nachricht ist.

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15 Responses to Zwitscherfeminismus, yeah!

  1. […] Hier lässt sich Sibylle Hamann sehr prägnant zum Thema aus. […]

  2. […] sie sich hätten wehren sollen Malte Welding: Männer, gebt die Herrschaft auf! Sybille Hamann: Zwitscherfeminismus, yeah jawl: Es sind die anderen (Ja?) Wolfgang Lünebürger-Reidenbach: Derailing und die Lämmerfrage […]

  3. […] aus „Internet-Tsunamis“ lernen, wie die österreichische Journalistin Sibylle Hamann in ihrem lesenswerten Kommentar zum jüngsten Sturm #aufschrei analysiert: „Doch erst Twitter, dieses neue, rätselhafte Medium, […]

  4. […] Hamann: Zwitscherfeminismus, yeah! schreibt eine sehr pointierte Anatomie einer […]

  5. Sathiya sagt:

    “Ja, und wie froh ich bin, nicht unter dem Tschaddor zu stecken und unter der Androhung von Steinigung bei männlich interpretiertem Fehlverhalten zu leben, ich muß jedem Mann, der mich als Frau begreift und verbal oder handgreiflich begehrt, zutiefst dankbar dafür sein, als weibliches Lustobjekt wahrgenommen/benutzt zu werden. Das Ja-Wort, in zu vielen Filmen verklärt, die lebenslustige sexuell ungebremste Frau – das Ideal aller jungen Frauen und Selbstverständlichkeit für viagrakonsumierenden Männer aller Altersstufen.”
    (Ironie Ende)

    Danke für den hervorragend niedergelegten Gedankengang.
    Und ich bitte um Entschuldigung für meinen verbalen Ausbruch. Ich fühle mich so ohnmächtig.
    Ich stimme allen Kommentaren, und vor allem der letzten Kommentatorin aus tiefster Seele zu. Es muß hier und jetzt beginnen, in den Köpfen der Kinder und mit ihnen in den Köpfen der Eltern, Lehrer, … Respekt vor dem Mitmenschen, vor allen Mitmenschen.
    Sathiya

  6. […] kann. Denn ich fürchte, Verbote helfen nicht. Ein Diskurs hilft. Sibylle Hamann beschreibt in diesem lesenswerten Beitrag, warum der auf die Art und Weise und mit den AkteurInnen, die ihn führen, so gut für das […]

  7. N. sagt:

    “Warum interessieren sich plötzlich auch Fernsehen, Talkshows, konservative Zeitungen und Mainstream-Magazine dafür?”

    Weil ein gewisser Herr Brüderle nicht ganz unbeteiligt war, und man kollektiv aufs Herrlichste auf den losgehen konnte? Ähnliche Situationen wie mit diesem FDP-Promi gibt es in deutschlands Kneipen sicher täglich, aber darüber würde keine Zeitung was drucken wollen.

  8. Oliver Reischl sagt:

    Liebe Frau Hamann, das war ja jetzt nicht wirklich guter Artikel. Das klingt doch alles wieder nach diesem Kampf-Feminismus, der die Geschlechter gegeneinander aufzwirbelt. Ihr Anliegen ist absolut berechtigt, aber ihr Denkmodell ist verschroben und wirkt fast verbittert. Wieso muss Feminismus immer so aggressiv und kampfbetont rüberkommen? Allein das Wort “Täter” klingt, als hätt man’s hier generell mit Schwerverbrechern zu tun anstatt mit gealterten Pupertierenden ohne Erziehung.

    Zumindest Punkt 5 klingt okay, ist aber sehr wischiwaschi definiert im Vergleich zu den Punkten 1-4, wo sie ziemlich klar vorgehen. Sie scheinen jedoch die alleinige Verantwortung den Männern zuzuschieben. Wir sind die Schweine, also müssen wir uns zusammenreissen. So wird daraus auch kein Schuh. Das Problem ist ihre Definition von Sexismus. Sie sehen sexistische Handlungen wie schon gesagt als Verbrechen. Ich seh es eher als schlechte Erziehung. Sprich: Noch nicht erwachsen in ihrer Beziehung zum andern Geschlecht. (Ja, sowas kann tragischerweise bis ins hohe Alter fortbestehen und manchmal erschreckende Formen und Ausmaße erreichen, keine Frage.)

    Ich bin der Meinung, dass meine Ansicht die weitaus bessere Herangehensweise ist. Im ersten Moment klingts vielleicht nach Bagatellisierung. Aber sie gibt dem Mann durchaus auch eine Möglichkeit, nicht wie ein komplettes Arschloch darzustehn. Und der Frau ermöglicht es eine aktive, positive und stärkere Position einzunehmen gegenüber dem Grabscher. Eben die des Erziehers, Lehrers, Mutter, was auch immer. Sie lehnt ja nur sein Verhalten ab, nicht den kompletten Menschen. Damit dreht sie den Spiess um und erniedrigt, aber kriminalisiert nicht. Also statt “Sie dreckiger Sexist!” eher was in die Richtung “Na geh, hams keine ordentliche Kinderstube gehabt?”.

    Im Endeffekt würde das zu einer weitaus selbstsicheren und trotzdem femininen Einstellung jeder einzelnen Frau führen. Und so zu einer besseren Gesellschaft als dieses ständige “Böse, böse Männer”-Fingerzeigen. Genau das hängt mir (und praktisch allen mündigen Männern die ich kenne) schon dermaßen beim Hals raus. Genau sowas provoziert nur noch mehr sexistische Kommentare von Männern, deren Hirn noch teilweise in ihrer Teenager-Zeit festhängt.

    Also, besser Peitsche weglegen und ein bissl selbstbewusster den zurückgebliebenen Männchen den Weg weisen. Denn Kampf-Feministinnen erscheinen mir persönlich eher so, als ob sie das selbe Problem haben, dass sie uns Männern vorwerfen: Sie haben nicht ordentlich gelernt mit dem anderen Geschlecht eine positive Beziehung zu führen. Anstatt das zu lernen rennen sie lieber mit dem Kopf gegen die Wand und schieben die Schuld für die Kopfschmerzen den pösen, pösen Männern in die Schuhe. Und das wäre doch das letzte, was eine gestandene Feministin sich eingestehen möchte, oder?

    Und bei Punkt 6 … Da fehlt doch ein halber Satz? Was hat der böse Brüderle denn genau getan?

  9. Fabian sagt:

    Schön unaufgeregter Beitrag ohne Überspitzungen in die eine oder andere Richtung. Danke!

  10. Moritz sagt:

    “Der antifeministische Diskurs der vergangenen Jahre”

    Ist dieser Satz ernst gemeint? Kann er belegt werden? Oder wäre das dann fakten-normativ & sexistisch?

  11. anonjum sagt:

    Danke, endlich ein Kommentar, der die Debatte etwas differenzierter bearbeitet. Eine Freude das zu lesen!

  12. Hugo Gold sagt:

    Was ich trotzdem noch immer schlimmer finde als so einen senilen Knacker wie diesen Brüderle, der die Welt halt nimmer so richtig wahrnehmen kann, und der am besten als Fossil nicht ernst genommen wird, sind Frauen wie die p.t. Frau Justizministerin Karl, die meint, dass es für Po-grapscher keiner besonderen Strafen bedürfe und eh alles in Ordnung sei.

  13. Lilith Acab sagt:

    “…das Gefühl dafür, was okay ist und wo ein Übergriff beginnt…”
    Ganz genau und ich würde mir wünschen, dass dieses Gefühl bereits im Elternhaus, in Kindertagesstätte und in Schulen vermittelt wird. Vor allem im Umgang mit allen Menschen !!!
    Viele Kinder würden nicht ein Leben lang schweigen wenn ihnen beigebracht wird, dass eine Ohrfeige (eine unangemessene Berührung u.s.w.) nicht normal, sondern ein Übergriff ist. Viele Mitmenschen mit Migrationshintergrund würden nicht täglich einer Sprache ausgesetzt sein die mehr als verletzend ist und Menschen die eine sogenannte “niedere” Arbeit verrichten bräuchten nicht schamvoll schweigen, wenn sie nach ihren Beruf gefragt werden. Es geht um den Respekt und der muss für alle Menschen gelten.

  14. […] aus „Internet-Tsunamis“ lernen, wie die österreichische Journalistin Sibylle Hamann in ihrem lesenswerten Kommentar zum jüngsten Sturm #aufschrei analysiert: „Doch erst Twitter, dieses neue, rätselhafte Medium, […]

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