Eine „Falter“-Reportage

Plötzlich Unruhe. Eine Frau krümmt sich, hält sich den Bauch, sie gleitet vom Sessel auf den Boden herunter, ächzt, stöhnt, jammert. Jetzt liegt sie schon ganz ausgestreckt da, in ihrem langen schwarzen Mantel und abgewetzten Kunststoffslippern, das Kopftuch ist halb verrutscht. Sie wird um die fünfzig sein, fleckiges Gesicht, zusammengekniffene Augen. Jemand legt ihr eine Jacke unter den Kopf, hält ihr die Hand, eine andere bringt ein Glas Wasser, aber die klagenden Geräusche hören nicht auf.

Es tue ihr alles weh, erklärt eine Verwandte entschuldigend. Es tue ihr ständig alles weh. Hier, das Sackerl aus der Apotheke, das haben die beiden eben erst geholt: Schmerzmittel sind drin, Schlafmittel. Die nimmt sie, aber die helfen nichts. Ändern nichts. Es tue weiterhin weh, beim Aufwachen, beim Einschlafen, und auch die ganze Zeit dazwischen. Was kann man da bloß tun?

Die Ärztin Christine Scholten hat mit solchen Frauen öfters zu tun. Sie kommen zu ihr in die Kassenpraxis, in Favoriten. Frauen mit chronischen Schmerzen, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen, Diabetes. Frauen, die kaum jemals das Haus verlassen, die nicht arbeiten gehen, und dennoch auf Schritt und Tritt diesen diffusen Druck spüren auf der Brust. Die nicht zurechtkommen mit ihrem Körper. Die Signale, die er aussendet, nicht deuten können. Und von der Ärztin ein Rezept, eine Pille oder eine Spritze wollen, die einfach alles wegzaubert.

Diese Pille gibt es nicht, muss Scholten diesen Frauen dann sagen. Es ist das Leben, Ihr Leben, das Ihnen weh tut, und wenn Sie wollen, dass Ihnen besser geht, müssen Sie an diesem Leben etwas ändern.  „Es muss in der Seele und im Körper stimmen“, sagt sie. Das verstehen die Patientinnen manchmal. Aber nicht immer. „Ich merke, dass ich mit meinen Worten oft an eine Grenze stoße“ sagt Scholten. „Und das hat nicht nur mit der Sprache zu tun.“

Auch die Sozialarbeiterin Renate Schnee kennt solche Frauen. Sie wohnen hier, in der großen Gemeindebausiedlung am Schöpfwerk, in den Mehrzimmerwohnungen, die jenen Familien vorbehalten sind, die viele Kinder haben. Sie sitzen hinter den Gardinen, den ganzen Tag, und warten, dass die Kinder von der Schule kommen. Sie kennen weder den Stephansdom noch den Wurstelprater, sie gehen in kein Kaffeehaus, sie bewegen sich bloß im engen Radius bis zum nächsten Lidl-Markt. Sie nehmen nicht teil an den zahlreichen Angeboten, die es in Wien theoretisch gibt, an Sportkursen, Berufsberatung oder Fortbildungen. Wenn die Schule eine Einladung zum Elternsprechtag schickt, reagieren sie nicht. Sie kommen nicht zur Mieterversammlung, nicht zum Osterflohmarkt und nicht zur Schuldnerberatung. „Wir versuchen vieles, aber es gibt eine Gruppe von Frauen, an die wir einfach nicht herankommen“, sagt Schnee. „Und das hat nicht nur mit der Sprache zu tun.“

In der Integrationsdebatte kommen solche Frauen bisher allenfalls als Problemfälle vor. Als „integrationsunwillig“ oder „intergrationsunfähig“. Man identifiziert sie als Schuldige, wenn Kindergartenkinder kaum deutsch sprechen, wenn die PISA-Ergebnisse schlecht sind, wenn Kinder übergewichtig sind, schlechte Zähne haben, wenn sie schwänzen oder ohne Abschluss die Schule verlassen. Man hält sie für Opfer – weil man vermutet, sie würden von ihren Ehemännern eingesperrt. Oder für Täterinnen, die sich ganz bewusst den Annäherungsversuchen der Mehrheitsgesellschaft verweigern.

Doch wie holt man sie aus ihrer Ecke heraus? Dafür reichen die Ärztin und die Sozialarbeiterin nicht. Dafür braucht Wien Menschen wie Gül Ekici.

Frau Ekici ist 37 Jahre alt. Sie hat zwei Kinder, die Tochter ist 14, der Sohn 7. Tagsüber arbeitet sie bei ihrem Ehemann in einer Bäckerei am Brunnenmarkt, und auf den ersten Blick schaut sie genauso aus wie die Frauen, von denen hier die Rede ist. Sie trägt weite graue Pluderhosen, darüber eine Tunika und ein Kopftuch. Was sie unterschiedet, ist ihr direkter Blick. Ihre selbstbewusste Körperhaltung. Ihre feste Stimme. Ihr lautes Lachen. Und ihre Klarheit. Gül Ekici hat sich immer schon eingemischt und geholfen – wenn eine Schwiegermutter ein Visum oder einen Arzttermin brauchte, eine Kundin mit einem behördlichen Schriftstück in die Bäckerei kam, weil sie es nicht verstand, oder eine Nachbarin Schwierigkeiten mit dem Vermieter hatte. Gül fürchtete sich nicht. Sie packte die Betroffene einfach am Arm, ging mit, und fragte nach.

Gül Ekici wird genau das auch weiterhin tun – allerdings offiziell, professionell, mit Halbtagsanstellung und Bezahlung. „Ich wurde entdeckt“, sagt sie strahlend. Gemeinsam mit 16 anderen Frauen türkischer und arabischer Herkunft macht sie seit Anfang März eine Ausbildung zu einer speziellen Art Sozialarbeiterin. „Nachbarinnen“ heißt das Projekt. Christine Scholten und Renate Schnee haben es sich ausgedacht, nach Berliner Vorbild, dort wurde so etwas ähnliches unter dem Namen „Stadtteilmütter“ berühmt. Ab Juni, wenn der Lehrgang fertig ist, werden die Nachbarinnen im Einsatz sein – neun Stellen wurden öffentlich und von Sponsoren bereits finanziert, das Geld für eine zehnte Stelle kam über respekt.net zusammen (siehe Randspalte).

Jede der Nachbarinnen soll fünf Familien betreuen, in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, jeweils acht bis zwölf Wochen lang. Sie soll sie zu Hause besuchen und nach draußen begleiten, zum Arzt, zum Amt, in die Schule, oder auch ins Sissi-Museum. Nachfragen, Hilfe anbieten, telefonieren, und dranbleiben, auch dann, wenn sie zunächst abgewiesen wird. Gibt es etwas, wovor sich die Frau fürchtet? Woran liegt es, dass sie jetzt schon zum dritten Mal den Deutsch-Anfängerkurs belegt, und dennoch kaum ein Wort versteht? Ist hier Gewalt im Spiel? Wer könnte dem Kind bei den Aufgaben helfen? Wie könnte man sich gesünder ernähren? Und wie funktioniert eigentlich e-mail?

In den Augen vieler Österreicher sind das dumme Fragen. Wissenslücken, für die man sich schämt. Es ist schwer, sie zu offenbaren, umso mehr, als man ohnehin schon fürchten muss, als permanenter „Problemfall“ wahrgenommen zu werden. Sozialarbeitern Schnee hat hier oft Zurückweisung erlebt: „Es kommt vor, dass Frauen einfach ja sagen, aus purer Höflichkeit. Oder dass sie nicht mehr kommen, aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen oder jemanden zu enttäuschen.“ Gül Ekici tut sich da leichter. Sie kennt die Codes, die Rituale. Sie kann die Gesten richtig deuten, und weiß, wann man besser schweigt.

Jetzt ist es Donnerstag, 10 Uhr im Schöpfwerk, und Ekici, Scholten und Schnee sitzen in  der Bassena. Sie haben eine Frauenrunde zum Thema Gesundheit versammelt. In den Buggies schlummern dick eingepackte Babies, zwischen den Füßen krabbeln Kleinkinder und ziehen sich an den Sesselbeinen hoch. Zwanzig Frauen sind gekommen. Ägypterinnen, Libanesinnen, Pakistani, eine arbische Dolmetscherin ist da, eine türkische, doch wo sind die Türkinnen?

Gül weiß es. Täglich zwischen 9 und 12 läuft im türkischen Satellitenfernsehen die Serie „Müge Anli“. Die Starmoderatorin ist blond in der Türkei bekannter als Armin Assinger und Vera Russwurm zusammen, sie präsentiert in dieser TV-Show wahre Krimnalfälle, die mit Schaupielern nachgestellt werden. Zwischen 9 und 12 sitzen sämtliche türkische Hausfrauen da vor dem Fernseher – in Istanbul ebenso wie im ostanatolischen Dorf und im Meidlinger Gemeindebau. „Sie haben mir erklärt, welche wichtgen Dinge sie zu erledigen haben, aber sie müssen einfach dringend fernsehen“, sagt Frau Ekici grinsend. Es muss schwer sein, sie anzuschwindeln.

Es geht um Blutdruck und Blutzuckerwerte, um Verhütung und Rückenschmerzen. Übergewicht und Diabetes sind unter Migrantinnen ein großes Problem. Gül zieht die Nordic-Walking-Stöcke hervor, und marschiert vor der kichernden Runde fest stapfend einmal quer durch den Raum: „Das ist ganz einfach“, sagt sie auf türkisch. „Wir gehen auf den Wienerberg, eineinhalb Stunden, da sehen wir was von Wien, und reden dabei deutsch. Ich hab schon sieben Kilo abgenommen“, grinst sie. Eine wöchentliche Turnstunde im Turnsaal gibt’s auch, „dort drin könn wir das Kopftuch abnehmen, keiner sieht uns.  Kostet drei Euro. Keine Ausreden!“

Das Schöpfwerk ist ein Terrororium, das Gül Ekici schon länger bearbeitet. Eine Gemeindebausiedlung mit 5000 Menschen, gebaut für die Babyboomer in den Siebzigerjahre. Auch heute leben hier viele kinderreiche Familien, heute allerdings kommen sie aus 26 Ländern. Das Schöpfwerk ist ein Denkmal, wie man sich in den Siebzigerjahren die Moderne vorstellte. Getreppte Wohnblöcke, quadratische Rasenflächen,  enge Gänge, finstere Stiegenhäuser. Einige Grafitti, Renovierungsarbeiten, Bauzäune überall. Die Volksschule der Siedlung wurde stadtbekannt, als sie sich mit übermannshohen Zäunen gegen angeblichen Vandalismus abzuschirmen versuchte. Jahrelang gab es einen Krieg um die Waschküchen: Die einen warfen den anderen vor, für die ganze Verwandtschaft von  außerhalb die Wäsche mitzuwaschen.

Das Schöpfwerk ist kein Slum. Es Betriebskostenabrechnungen, eine Siedlungszeitung, Hausmeister, Sprechstunden von Wiener Wohnen. Es gibt Angebote, Institutionen und Infrastruktur. Aber es gibt nicht, was viele dieser Frauen daheim im Dorf hatten: Schwestern, Schwägerinnen, Nachbarinnen denen man vertrauen, und von denen man sich informelle Tipps holen kann. Was, wenn man einfach nicht weiß, wen man fragen soll, und mit welchen Worten?

Gül Ekici kann sich gut daran erinnern, wie sich diese Ratlosigkeit anfühlt. Sie hat es am eigenen Leib erlebt, als sie mit sechzehn nach Wien kam. Der Vater, Arbeiter am Bau, hatte sie, die älteste Tochter, nach Wien geholt. Er arbeitete den ganzen Tag, und übertrug ihr die Aufgabe, das Visum für meine Mutter zu organisieren, damit sie nachkommen kann. „Ich wusste nicht, wie das geht, mein Vater auch nicht. Die einzigen, die ich fragen konnte, waren andere Türken, aber die wussten halt auch nicht viel.“

Der Vater wusste auch nichts über das österreichische Schulsystem. „’Hauptschule’, das klang für ihn wie ‚die beste Schule’, da schickte er mich hin, weil ich so gescheit war“, sagt Frau Ekici, es folgten, mangels anderer Informationen, ganz selbstverständlich Polytechnikum und Friseurlehre. Erst viel später erfuhr sie von den vielen anderen Optionen, die ihr theoretisch offengestanden wären – hätte sie davon bloß gewusst. Sie machte die Matura nach, das nächste Ziel ist ein Studium an der FH. „Ich musste kämpfen, um alles“, sagt sie. Doch als sie meinte, es habe mit dem Kämpfen endlich ein Ende, und es habe sich seit den 1990er Jahren viel geändert in Wien, da erlebte sie mit ihrer Tochter ein Flashback. Wie man ihr in der Volksschule den Übertritt ins Gymnasium ausreden wollte, mit dem Argument, sie als Ausländerin würde das nicht schaffen. Und wie die Tochter, Tränen in den Augen, trotzig die Geburtsurkunde in die Schule trug, um zu beweisen, dass sie gar keine Ausländerin ist.

Da war sie plätzlich wieder, die Mehrheitsgesellschaft von ihrer igoranten, abweisenden, misstrauischen Seite. Ein Umfeld, in dem es schwer fällt, sich zu öffnen, Unsicherheiten zuzugeben, Fragen zu stellen, speziell in intimen Dingen. Zum Beispiel: Was passiert eigentlich auf einer Landschulwoche? Kann beim Turnen das Jungfernhäutchen reißen? Und bekommt man Krebs, wenn man verhütet?

Eine junge Frau, 29 Jahre alt, sucht in der Bassena-Runde Rat. Sie will nicht mehr schwanger werden, ihr Mann hingegen wolle noch ein Kind. Ob sie sich heimlich sterilisieren lassen solle? Christine Scholten, die Ärztin, hört zu und nickt. Eine wichtige Frage, sagt sie. Aber lieber nicht. Lieber heimlich eine Spirale einsetzen lassen. Heimlich sei schon ok, sagt sie, schließlich werde ja sie und nicht ihr Mann schwanger. Aber wer könne mit 29 schon wissen, was das Leben noch bringt – vielleicht doch noch einen Kinderwunsch? Die Runde nickt zustimmend.

Scholten ist eine großgewachsene, sportliche Frau. Sie trägt enge Jeans und eine große Brille, sie schaut nicht aus wie die Frauen hier und behauptet nicht, dasselbe Leben zu leben. Aber sie erwähnt ihre Geburten und ihre Wechselbeschwerden mit derselben Selbstverständlichkeit wie alle anderen. „Frauen reden über diese Dinge völlig offen, wenn sie unter sich sind“, wird sie nachher erklären. „Sie wissen, dass sie für die Familie Verantwortung tragen. Genau dabei muss man sie packen – und sie dran erinnern, dass sie für sich selber ebenso verantwortlich sind.“

Als es fast vorbei ist, die Kinder quengelig werden, fasst sich endlich jene Frau ein Herz, die schon seit einer Stunde nervös aus dem Sessel herumrutscht und auf den richtigen Moment wartet. Sie hat einen Zettel mitgebracht, mit klammen Fingern und fragendem Blick hält sie ihn Gül Ekici und der Ärztin hin. Es ist ein Befund aus dem Spital: Verdacht auf Schilddrüsenkarzinom. Ein paar lateinische Worte, ein paar dürre Zahlen, ein paar Abkürzungen, die man auch dann nicht versteht, wenn man den Deutsch-Fortgeschrittenenkurs belegt hat. Seit mehreren Wochen schon muss die Frau über diesem Zettel gebrütet haben, mit einer diffusen Ahnung, immer knapp an der Kippe zu akuter Todesangst, ohne zu wissen, wohin damit.

Sie haben viele Untersuchungen gemacht im Spital. Sie haben die Frau medizinisch erstklassig versorgt, ihr alle Befunde in ein Kuvert gesteckt, und sie geschäftsmäßig korrekt gefragt, ob sie alles verstanden habe. Sie hat „ja“ gesagt, mehr fiel ihr gerade nicht ein, dann hat man sie knapp verabschiedet.

Gül Ekici und Christine Scholten schauen sich den Zettel an. Sie nicken, schauen der Frau fest in die Augen,  erklären ihr die Zahlen und Abkürzungen auf dem Papier, und können ihr die Angst nehmen: Nein, so schnell wirst du nicht sterben.

Es ist zwar nicht alles gut. Aber man kann noch sehr viel tun, damit es besser wird.

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