Ein ehemaliges Kind aus der Mühl-Kommune erforscht seine Vergangenheit – und schaut dabei in menschliche Abgründe hinein. Großes Kino, jetzt zu sehen.

Über den Film „Meine keine Familie“

Ungefähr acht Jahre alt wird der Bub sein. Dunkle Locken hat er, einen wachen Blick. Er wird auf die Bühne geholt. Er soll Mundharmonika spielen, sagt der Chef, aber der Bub will nicht. Er soll lachen und tanzen, sagt der Chef, aber der Bub will nicht. Trotz steht in seinen Augen, Stolz. Hundert Augen starren ihn an. Los, schallt es von allen Seiten. Los, lachen, tanzen, wird’s bald, sagt der Chef, er ist es gewohnt, dass jeder sofort spurt, wenn er sich etwas wünscht.

Die hundert Augen im Saal werden immer höhnischer. In den Stolz des Buben mischt sich wachsende Verzweiflung. Er kneift die Lippen zusammen, aber ihm stehen schon Tränen in den Augen, er schaut sich um, aber keiner hilft ihm. Gleich wird der Chef auszucken. Er greift sich eine Flasche und leert sie dem Buben über den Kopf. Das Wasser rinnt über die Locken, auch die Tränen rinnen inzwischen hemmungslos, zwischen zwei Schluchzern führt der Bub die Mundharmonika schließlich zum Mund und bläst hinein. Der Bub war tapfer, aber er hat verloren. Der Chef hat gewonnen. Wie immer in der Kommune Friedrichshof.

Die Szene stammt aus „Meine keine Familie“, einem Dokumentarfilm, der eben in unseren Kinos läuft. Der Regisseur, Paul-Julien Robert, ist dabei seiner eigenen Kindheit auf der Spur. Er wurde in der Kommune geboren, wuchs dort auf, bis er zwölf war. Mit der Kamera fragt er seine Mutter: Was hast du dort gesucht? Hast du es gefunden? Und was habt ihr dabei mit uns, den Kindern, gemacht? Er fragt auch jene Männer, die als Väter in Frage kamen. Doch wirklich verstanden fühlt er sich nur von seinen Kommunengeschwistern, die seine Erfahrungen teilen: Die permanente Überwachung. Die Willkür. Die Schutzlosigkeit. Die Einsamkeit inmitten so vieler Menschen.

Es hätte ja eine Umgebung für eine freie, lustvolle, kreative Kindheit sein können, theoretisch. Befreit aus der gesellschaftlichen Gewalt, aus den Zwängen der Kleinfamilie, aus der patriarchalen Autorität. Doch so kam es nicht. Man teilte zwar Gewand und Essen, man hatte viel Sex, man malte und brüllte und tanzte und wälzte sich im Schlamm. Aber am Ende ging es ähnlich autoritär zu wie draußen in der normalen Welt: Wenn du nicht bist, wie alle sind, wirst du geschnitten. Wer sich anpasst, wird belohnt. Eigensinn wird bestraft.

Genau das kannten die Kommunarden von zu Hause, von ihrer Elterngeneration aus der Nazi-Zeit: die willfährige Unterordnung, die Feigheit. Genau dagegen hatten sie sich aufgelehnt. Genau davor waren sie davongelaufen, in die Kommune. Und konnten doch nicht anders, als hier in der Kommune ähnlich zu handeln: sich willfährig unterzuordnen; feig gegen jene zu treten, die noch schwächer waren, in der Hoffnung, die eigene Position in der Hierarchie damit ein bisschen zu verbessern.

Das alles ist dokumentiert, in tausenden Stunden Videobändern. Am Friedrichshof wurde ja beinahe rund um die Uhr gefilmt; aus therapeutischen Gründen, oder schlicht aus Eitelkeit. Filmemacher Robert hat einige, aber längst nicht alle dieser Filme ausgewertet. Was hier noch an Material schlummert, wäre es wert, herausgeholt und im Detail analysiert zu werden: Als Lehrstück darüber, wie Macht funktioniert. Wie man Menschen gefügig macht. Wie sich solche Verletzungen einschreiben, und über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Und wie wenig das alles wahrscheinlich  mit „rechts“ und „links“ zu tun hat.

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