Ich bin ein Kind der Alternativbewegung. Dennoch gehen meine Kinder nicht in die Alternativschule. Warum?

Eine Gewissenserforschung für den Falter

Es begann ganz harmlos. „Wir sind jetzt in dieser tollen Alternativschule“, sagte neulich eine Bekannte, nennen wir sie Julia. Ob das nicht auch für uns etwas wäre, und unseren 6jährigen Sohn? Hm. Ich klicke mich durch die Homepage. Klingt super. Alles Montessori, ziemlich teuer, basisdemokratisch, selbstverantwortlich, angstfrei. Es wird gemeinsam geputzt, man isst vegan. Die Kinder auf den Bildern lachen, sie haben Gatsch oder Fingerfarben auf der Haut. Die Eltern der Gründergeneration sind ebenfalls abgebildet, sie haben Stolz im Blick und zerzauste Haare, sie tragen Gummistiefel, bauen Mäuerchen und kochen in großen Kesseln.

Lauter patente Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Scheiß auf die Obrigkeit, wir machen unser eigenes Ding: Ich erkenne diese Leute. Ich erkenne diese Worte. Es sind meine. Und ich dachte auch, dass es meine festen Überzeugungen sind, seit dreißig Jahren. Ich klicke weiter, doch seltsamerweise will mir nicht recht warm werden. Es fremdelt. Und dann stolpere ich über diesen Satz, der schlagartig mein Unbehagen auf den Punkt bringt: „Wir nehmen keine Kinder, die länger als ein Jahr die Regelschule besucht haben“, steht da.

In meinen Ohren bekommt das plötzlich einen verkniffenen Klang. Etwa so: Wir lassen uns unsere schöne, helle, heile Welt nicht von der hässlichen, finsteren, kranken Wirklichkeit beschmutzen. Wir bauen uns unsere kreative Zelle, Stein auf Stein, voller angstfreier, selbstbestimmter, kreativer Menschen, doch das geht nur, wenn wir niemanden von draußen hereinlassen. Wir sind die Besonderen, mit den besonderen Kindern. Die Normalen, das sind die anderen: die Gebeugten, Beladenen, Beschädigten, Autoritären, Verbogenen, Abgestumpften, samt ihren beschädigten, verbogenen, abgestumpften Kindern. Bloß nicht anstreifen, an die. Wer weiß, was die uns einschleppen.

Keine Ahnung, ob dieser Satz genau so gemeint war. Für mich jedenfalls markierte er den Endpunkt einer Sackgasse. Und mir war klarer denn je zuvor, dass mein Sohn dort, wo er derzeit ist, tatsächlich hingehört: in die öffentliche Volksschule ums Eck.

Die Entscheidung dazu war spontan gefallen, ohne viel Nachdenken. Es war die einfachste, billigste Lösung. Wir wohnen in einem Teil des zweiten Bezirks, die (noch) nicht zu Bobostan gehört. Die öffentliche Schule hier ist eine Ganztagsschule. Die Lehrerinnen sind ziemlich normal, die Kinder ziemlich verschieden, das Essen nicht vegan, die Gebühr dafür bucht die Magistratsabteilung direkt vom Konto ab. Mitreden oder mitputzen muss hier niemand.

Versagt man seinem Kind etwas, in dieser Umgebung? Betoniert man seine Kreativität, hindert man es daran, sich zu entfalten? Früher hätte ich das befürchtet. Heute nicht mehr. Ich weiß nämlich, offen gesagt, immer weniger, worauf es in der Schule ankommt. Welche Erfahrungen wertvoll sind, welche weniger. Ich kann bloß zuschauen, was mein Sohn lernt. Er lernt zum Beispiel, dass Kinder, die anders ausschauen und anders aufwachsen, genau gleich empfinden können wie er. Mit Yasemin, einem pummeligen türkischen Mädchen, teilte er seine panische Angst vor dem Eislaufen; gemeinsam haben sie die überwunden, seither verbindet die beiden etwas. Er erfährt, dass manche Familien auf vierzig Quadratmetern leben, und es welche gibt, die gar kein Zuhause haben. Neben ihm sitzt Ruslan, ein Flüchtling aus Tschetschenien, manche Kinder lassen Ruslan nicht vom Jausenbrot abbeißen, weil er ganz schwarze Zähne hat, und unser Sohn hadert gerade damit, auf welche Seite er sich in solchen Momenten schlagen soll.

Nein, heil, basisdemokratisch oder gar „angstfrei“ ist die Wirklichkeit, an der er da anstreift, nicht. Mit erscheint dennoch wichtig, dass er es tut. In der Alternativschule könnte er das nicht. Schon allein deshalb, weil es dort keinen Ruslan gibt.

Alternativschulen haben mit den anderen Privatschulen eines gemein: Sie entstehen aus dem  Bedürfnis von Eltern, sich mit Ähnlichen zu umgeben, und von Anderen zu unterscheiden. So landen, wie von Zauberhand sortiert, immer wieder die Schriftstellerkinder mit Schriftstellerkindern in der Klasse, und die Friseurinnenkinder mit Friseurinnenkindern. Nein, es ist kein ausgeklügelter Masterplan, dem Eltern hier folgen. Man rutscht irgendwie hinein, geschubst von Gerüchten, die am Spielplatz kursieren, Gruppendruck, Medienberichten, uneingestandenen Ängsten, und dem vagen Wunsch, alles richtig zu machen. Bloß mit den konkreten Kindern hat es wenig zu tun.

Wie genau dieser Mechanismus abläuft – das sieht man manchmal erst im Nachhinein klarer. Auch ich. Unsere heute zehnjährige Tochter ging in eine andere Volksschule, eine private. Es war die nächstgelegene Schule, direkt gegenüber, mit Ganztagsbetreuung und einem großen Garten. Sie nehmen dort nicht alle. Unsere Tochter nahmen sie. Wir fragten nicht genau nach, warum. Wir schrieben sie ein, ohne uns die öffentliche überhaupt nur anzuschauen.

Sie ist wegen der Ganztagsbetreuung dort, und wegen des Gartens -  ich habe das oft gesagt in jenen vier Jahren. So oft, bis es sich in meinen eigenen Ohren seltsam anhörte, und ich begann, unseren eigenen Motiven zu misstrauen. Wegen der Ganztagsbetreuung, wegen des Gartens, wegen der Montessori-Materialien – das sagen sie nämlich alle, immer. Jene Eltern, die täglich durch halb Wien fahren, um ihre Kinder hierherzubringen; jene, die von hier in andere Bezirke zu anderen Privatschulen pendeln; und sie sagen es auch dann, wenn der Garten winzig ist und niemand je die Montessori-Materialien anrührt.

Warum eigentlich geht kaum ein Kind aus unserem Bekanntenkreis in die öffentliche Schule ums Eck? Immer penetranter stand diese Frage im Raum, wie ein dicker weißer Elefant, aber jeder redete demonstrativ unangestrengt weiter, als sei der weiße Elefant gar nicht da. „Zu viele Ausländerkinder“ – nein, so hätte das nie jemand formuliert, das war die Diktion der FPÖ, und „Ausländerkinder“ gab es schließlich auch in den Privatschulen, nur andere halt.

Man entwickelte jedoch subtile Narrative, die ähnliches meinten. Eine Bekannte erzählte mit schreckgeweiteten Augen von den vielen dicken Kindern in der öffentlichen Schule.  Davon, wie die sich mit Fanta, Chips und Schokoriegeln vollstopfen. Dass das eigene Kind auch so verfette – nein, das könne man nicht verantworten. Eine andere Geschichte ging so: Da sei ein Türkenbub zu Besuch gewesen, und man sei von diesem mit den Worten „Du Frau, du geh’ in die Küche“ zurechtgewiesen worden. Von einem kleinen Macho vom eigenen Sofa verscheucht zu werden, man stelle sich das vor!

Ich hörte diese Anekdote zweimal, in fast identischen Worten, von zwei verschiedenen Müttern. Ich halte sie mittlerweile für einen urbanen Mythos; ein bisschen zu plakativ in seiner Entlastungsabsicht. Ich wurde immer allergischer auf solche Geschichten, und immer drängender wurde der Verdacht: Das gesunde Essen und die Frauenrechte sind offenbar die einzigen beiden Felder, auf denen man sich heute Überlegenheitsgefühle gönnen darf. Wo man eine dicke Sperrlinie gegen die Unterschicht ziehen kann, ohne schlechtes Gewissen.

Den Rest erledigen dann die Medien – und ein Schuldiskurs, in dem stets von „Problemschulen“ und „Problemkindern“ die Rede ist; so als könne man die anhand fixer Merkmale eindeutig identifizieren. Probleme kann man von sich fernhalten, hoffen Eltern dann. Indem man die Kinder in sicheren Zonen unterbringt, und rundherum einem Zaun baut. Bei konventionellen Privatschulen besteht der Zaun aus Schulgeld, Milieu und Information. Bei alternativen ist er noch höher; da kommt noch die Überprüfung der Weltanschauung dazu, sowie die Eigenleistungen, die verlangt werden. Wer hat denn Zeit und Lust, in der Schule zu putzen? Die hauptberufliche Putzfrau wohl eher nicht.

Dass man seine Kinder schützen will, verstehe ich. Aber ich weiß immer weniger, wie das geht. Probleme tauchen nämlich selten an jenen Stellen auf, wo man sie vermutet, sondern verlässlich ganz woanders; und „Problemkinder“ schauen selten so aus, wie man sie sich vorstellt. Jene, die ich in den vergangenen zehn Jahren kennengelernt habe, hießen nicht Ruslan. Die hatten oft fortschrittliche Akademikereltern mit hehren Erziehungsidealen. Mütter wie mich.

Man lernt Demut in solchen Momenten. So wie man überhaupt immer stärker zweifelt, ob man Kinder überhaupt nach den eigenen Idealen formen kann und soll. Erzeugt eine freie Schule freie Kinder? Eine fromme Schule fromme? Eine liberale Schule liberale? Manchmal ja, manchmal im Gegenteil. Eines zumindest halte ich mittlerweile definitiv für einen Irrtum: Dass das Formen umso besser gelingt, je mehr sich Eltern dabei anstrengen, je mehr Zeit und Geld sie investieren, und je mehr Opfer sie bringen. Eher ist es wohl umgekehrt: Je stärker der Ehrgeiz, desto eher macht man etwas kaputt.

Kinder haben ihre eigenen Vorlieben und Sympathien, die sich selten mit jenen der Eltern decken. Ich weiß nicht, ob ich Ruslan als Sitznachbarn für meinen Sohn ausgesucht hätte, aber ich bin froh, dass ich das gar nicht entscheiden muss. Denk nicht so viel nach, hat mir eine erfahrene Pädagogin einmal gesagt: Ein stabiles Kind holt sich aus jeder halbwegs anregenden Umgebung genau jene Anregungen heraus, die es gerade braucht. Es hat seinen eigenen Kompass. Es war ein Satz, der schlagartig alles leichter gemacht hat.

Es mag ein Zufall sein – aber wir sind mittlerweile nicht die einzige Familie in unserem Umfeld, deren erstes Kind in eine private und deren zweites in eine öffentliche Schule geht. Was wohl nicht daran liegt, dass man das erste mehr liebt. Sondern eher daran, dass man mit jedem Kind eine Schicht Unsicherheit abstreift. Unsere Kinder werden in der Volksschule beide lesen und schreiben gelernt haben, und einen Haufen Erfahrungen mitnehmen. Sehr unterschiedliche. Aber welche davon sich in ihrem späteren Leben wie auswirken werden? Keine Ahnung, ehrlich.

Liebe Julia also: Eure Alternativschule ist sehr schön. Ich finde Reformpädagogik gut, Montessori wichtig, Freiräume und große Gärten ebenfalls. Aber mir scheint es mittlerweile wichtiger, all diese Dinge in die normalen Regelschulen zu tragen, statt sie weiterhin in besonderen Zonen unter besonderen Menschen zu pflegen. Zumindest die Volksschulen haben sich in den vergangenen dreißig Jahren so sehr verändert, dass sie dafür bereit sind. Und mir scheint: Die brauchen uns dort.

Gut möglich, dass ich in euren Augen jetzt nicht mehr zu den Kreativen, Selbstbestimmten, Unbeugsamen gehöre, sondern zu den Gebeugten, Beschädigten, Normalen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto absurder kommt diese Unterscheidung vor.

 

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2 Responses to Die netten ins Töpfchen, die fetten ins Kröpfchen

  1. [...] “Versagt man seinem Kind etwas, in dieser Umgebung? Betoniert man seine Kreativität, hindert man es daran, sich zu entfalten? Früher hätte ich das befürchtet. Heute nicht mehr. Ich weiß nämlich, offen gesagt, immer weniger, worauf es in der Schule ankommt. Welche Erfahrungen wertvoll sind, welche weniger. Ich kann bloß zuschauen, was mein Sohn lernt. Er lernt zum Beispiel, dass Kinder, die anders ausschauen und anders aufwachsen, genau gleich empfinden können wie er. Mit Yasemin, einem pummeligen türkischen Mädchen, teilte er seine panische Angst vor dem Eislaufen; gemeinsam haben sie die überwunden, seither verbindet die beiden etwas. Er erfährt, dass manche Familien auf vierzig Quadratmetern leben, und es welche gibt, die gar kein Zuhause haben. Neben ihm sitzt Ruslan, ein Flüchtling aus Tschetschenien, manche Kinder lassen Ruslan nicht vom Jausenbrot abbeißen, weil er ganz schwarze Zähne hat, und unser Sohn hadert gerade damit, auf welche Seite er sich in solchen Momenten schlagen soll.”  mehr hier [...]

  2. …das triffts! Danke! Ich habe 4 Kinder und das 4. ist jetzt auch wieder im “normalen” Kindergarten gelandet… besondere Schule konnten wir uns eh nie leisten ;-)

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