Bei der Neugestaltung der Mariahilferstraße sind wir Versuchskaninchen einer neuen politischen Taktik: erst Tatsachen schaffen, nachher fragen.

Presse-Kolumne

Dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist – das wissen wir. Wir spüren es am eigenen Leib, bei unseren Alltagsroutinen. Beginnen Sie beim Zähneputzen auf der linken oder auf der rechten Seite? Lesen Sie die Zeitung von hinten oder von vorn? Und fahren Sie mit dem Auto oder dem Bus zur Arbeit?  Ich mache es so, also muss es so sein. So wie es ist, ist es wohl am besten – denn ansonsten wäre es ja anders. „Die normative Kraft des Faktischen“ nennen das Hobbyphilosophen.

Wegen dieser Kraft reagieren wir abwehrend, sobald jemand versucht, unsere Routinen um ein paar Zentimeter zu verrücken. Uns fallen dann hundert Gründe ein, warum das nicht geht, hundert Szenarien, was alles schief gehen könnte, und welch schwerwiegende Konsequenzen man im übrigen auch noch bedenken müsse. So gern sich der Mensch theoretisch als innovatives Lebewesen sieht, das mutig dem Fortschritt entgegenschreitet – in der Praxis ist die Ängstlichkeit wohl die verlässlichere menschliche Grundkonstante als die Unkonventionalität.

Das hat Folgen in der Politik. Bürger und Bürgerinnen sind zwar notorisch unzufrieden mit dem Status quo. Doch sie zu fragen, welche Veränderung sie sich konkret denn wünschen, ist nicht so einfach. Wie soll man denn richtig entscheiden, wenn man sich in eine ungewisse Zukunft so schwer hineinfühlen kann? Was würde sich für mich verbessern, was verschlechtern, und wer weiß, welches verborgene Problem irgendwann zutage tritt, das ich mir heute noch gar nicht vorstellen kann! Nein da lässt man lieber alles, wie es ist, schimpfend und grantelnd zwar – doch auch ans Schimpfen und Granteln ist man ja schon so gewöhnt, dass es einem fehlen würde.

Dass die Österreicher einst für den EU-Beitritt stimmten, war so gesehen ein Wunder. Im Normalfall müssen Menschen schon mit dem Rücken zur Wand stehen, ehe sie einen Sprung ins unbekannte Wasser wagen. Die SPÖ weiß das spätestens seit der Heeres-Abstimmung. Dass sie tatsächlich glaubte, eine Abstimmung gewinnen zu können, bei der ein real bestehendes System gegen ein fiktives antritt, war ein vorhersehbarer Irrtum.

Was heißt das, taktisch gesprochen, für die Politik? Alles bewahren, nichts anpacken, nichts mehr verändern? Oder heimlich verändern, niemanden fragen, im Notfall lügen und sich hinter dem Amtsgeheimnis verstecken? Depressiv könnte man werden, angesichts dieser Alternative.

Die Grünen scheinen nun einen anderen Schluss aus der Analyse gezogen zu haben. Er lautet: Wir tun zuerst einmal etwas, und diskutieren erst nachher. Abzulesen ist diese Taktik derzeit an der Fußgängerzone Mariahilferstraße, auf der wir uns nun in mehreren Probledurchgängen warmlaufen dürfen, ehe wir entscheiden, wie uns das gefällt. Abgeschaut haben sich das die Grünen in Stockholm: Dort gab es 2006 endlose Diskussionen um die Citymaut, ehe man beschloss, sie einfach einmal einzuführen, und zu schauen, was passiert. Nach einem Jahr stimmte man ab. Und einer deutlichen Mehrheit gefiel, was sich inzwischen verändert hatte.

Das Beispiel zeigt: Erst wenn man Raum leermacht, kann er neu in Besitz genommen werden. Erst wenn man die gewohnten Regeln außer Kraft setzt, kann man neue ausprobieren. Erst wenn man eine Tür zumacht, sieht man, ob vielleicht eine andere aufgeht. Auch die Grünen erfinden den Menschen damit nicht neu. Sie nehmen die Anfangsthese bloß wörtlich: Der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an veränderte Umstände.

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