Robert Neumanns großartiger Roman „Die Kinder von Wien“ ist jetzt auf der Bühne zu sehen. Der Autor ist fast vergessen. Vielleicht, weil seine Botschaft so verstörend ist.

Presse-Kolumne

Kinshasa 1997: Es heißt, die Rebellen seien nicht mehr weit weg. Noch 50 Kilometer, noch 15, noch 5. Es heißt, Mobutu Sese Seko, der eben noch allmächtige Diktator, habe sich in seinem Palast verbarrikadiert; es heißt, er sei womöglich außer Landes, es heißt, er sei schon tot. Was tun Soldaten, wenn sie nicht mehr wissen, ob der Herr, dem sie dienen, noch da ist? Sie tun so wenig wie möglich. Manche haben ihre Kappen abgenommen, bemühen, sich, unbeteiligt dreinzuschauen. Die Menschen strömen auf die Straße, stehen in Grüppchen zusammen, einige tragen kleine Zweige in der Hand. Autofahrer stecken sich Zweige hinter die Schweibenwischer. Es ist das Erkennungszeichen derer, die den Umsturz begrüßen. Es werden immer mehr Zweige.

Pristina, 1999: Es ist totenstill auf den Straßen, nur um ein paar LKWs herum herrscht Hektik. Die Motoren laufen bereits, schnell, schnell zurren die Männer noch Zeug auf den Ladeflächen fest: Küchengeräte, Kleider, Konservendosen, Kleinmöbel. Die Männer tragen Maschinengewehre, manche haben Tücher nach Piratenart um den Kopf gewickelt. Sie haben es eilig, samt ihrer Beute fortzukommen, heim nach Serbien, denn ihr Krieg ist vorbei, sie haben verloren. Rundherum, hinter den Fenstern, bewegen sich die Gardinen. Die Albaner sind schon aus den Kellern herausgekrochen, hinauf in ihre Wohnungen, und schauen dem Abzug schweigend zu. Gleich wird die NATO einrücken. Gleich werden sie hinausgehen. Gleich gehört Pristina ihnen.

Kabul 2001: Die Taliban sind weg. Bagdad 2003: Saddam Hussein ist gestürzt. Solche Momente des Zusammenbruchs prägen sich ein. Die Macht, die einen Ort lang fest im Griff hatte, kollabiert. Wer eben noch stark war, versteckt sich. Wer sich eben noch fürchtete, atmet auf. Ein Vakuum öffnet sich. Es ist plötzlich so unheimlich viel Platz. Was genau passieren wird – das kann niemand genau sagen. Aber man spürt: Alles ist möglich.

Wien 1945: Damals muss es so ähnlich gewesen sein. Der Schriftsteller Robert Neumann hat diesen Moment in seinem Roman „Die Kinder von Wien“ eindringlich beschrieben; in diesen Tagen ist eine Bühnenversion davon bei den Wiener Festwochen zu sehen. Die Kinder von Wien leben in einem Keller. Der Zufall hat sie hierhergespült – aus Konzentrationslagern, aus Flüchtlingstrecks. Über ihnen die Ruinen der ausgebombten Stadt, die Geräusche der einmarschierenden Siegermächte.

Neumanns Kinder sind keine richtigen Kinder, sondern seltsam alterslose Gestalten, „13 mal 13 mal 13 Jahre alt“, wie einer von ihnen sagt. Sie haben mehr erlebt, als man eigentlich erleben dürfte in ihrem Alter. Sie gehören nirgendwo hin. Sie stinken. Sie hungern. Sie müssten zu Tode erschöpft sein. Aber sie sind stolz. Der Keller ist ihre befreite Zone. Sie haben einander gefunden. Und jetzt, wo auch oben kein Stein mehr auf dem anderen steht, werden sie plötzlich ganz kribbelig: Vielleicht passiert genau jetzt etwas Neues, Unerhörtes mit ihnen?

Doch der Keller ist viel zu schön, um auf Dauer in der Hand der Kinder zu bleiben. Kaum sind die Statthalter der alten Macht verschwunden, stehen die Späher der neuen schon auf der Kellerstiege, sichern ihre Zugänge, stecken Claims ab, diktieren ihre Regeln.

Die Kinder wundern sich noch, wie sehr die neuen Leute mit den alten identisch sind. Aber nicht lang. Denn der verzauberte Zwischenzustand, in dem alles möglich ist, ist immer sehr schnell vorbei.

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