…auch in der arabischen Welt. Bei Shereen El Feki erfährt man genau warum, mit wem, was es bedeutet, und wohin es führt

Über das Buch „Sex und die Zitadelle“

Selbstverständlich geht es immer um Sex, irgendwie. Wenn Politik gemacht wird, wenn Revolutionen stattfinden. Um Sex geht es in allen Beziehungen, in allen Familien, in allen Religionen, in Gesetzen und in wirtschaftlichen Beziehungen. Die Frage ist nur: Wie genau geht es um Sex? Hat Sex einen stabilisierenden oder eher einen sprengenden Effekt? Macht er die Menschen freier – oder ist er ein Herrschaftsinstrument?

Was Sexualität in der arabischen Welt betrifft, sind wir da sehr rasch mit Schablonen bei der Hand. Islam, Scharia, Verschleierung, Jungfräulichkeitskult und Ehrenmorde – enige derbe Striche reichen, und die Positionen sind geklärt: Hier der aufgeklärte Westen, in dem auch Sexualität frei gelebt wird; dort der verklemmte Orient, der nicht nur die demokratischen, sondern auch die sexuellen Rechte der Menschen unterdrückt. So einfach ist das – in den Augen selbstgerechter westlicher Kulturkämpfer zumindest.

Shereen el Feki sind diese Schablonen jedoch völlig gleichgültig. Sie ist Tochter einer Engländerin und eines Ägypters, sie lebte in Kanada, London und Kairo, sie ist nicht nur Journalistin, sondern auch studierte Immunologin, spezialisiert auf HIV. Sie sucht keine Argumente für den Kulturkampf, sondern will lieber wissen, was zwischen Körpern tatsächlich passiert, in Ägypten und im Libanon, in Kuwait und Marokko, in prunkvollen ehelichen Gemächern ebenso wie in schmuddeligen Hinterzimmern, wo im Geheimen gevögelt wird. Was genau tun Männer dort mit Frauen, Jugendliche mit Jugendlichen, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen? Welche Körperteile benützen sie, welche Worte finden sie dafür? Und welche Ängste sind dabei im Spiel?

Um ein Ergebnis dieser Expedition gleich vorwegzunehmen: Auf Ängste ist die Autorin dabei oft gestoßen. Es ist, zum Beispiel, verdammt schwierig, als Ehemann in der Hochzeitsnacht alles richtig zu machen, wenn vor der Tür eine Großtante lauscht und drauf lauert, sofort das blutige Bettaken in die Finger zu kriegen. Es ist auch nicht ganz einfach, als Ehefrau für den Gatten sexy zu sein, ohne in Verdacht zu geraten, man habe womöglich schon anderswo sexuelle Erfahrungen gemacht (die Lösung für dieses Dilemma hat El Feki in den „atemberaubend sensationell“ ausgestatteten Reizwäscheabteilungen arabischer Kaufhäuser gefunden.)

Mit der Religion allein hat das alles noch wenig zu tun. Anders als im Christentum ist sexuelle Lust im Islam nichts prinzipiell Sündiges, für das man sich genieren und das man beichten muss. Im Gegenteil: Sexuelle Befriedigung gefällt Allah, und der Mensch, männlich wie weiblich, soll Freude daran haben. Der Prophet Mohammed, sagt die Überlieferung, soll ja auch kaum eine Gelegenheit dazu ausgelassen haben.

Die patriarchale Tradition allerdings verlangt, dass Sex in die richtige Bahn gelenkt wird – die Ehe. Die Ehe ist die „Zitadelle“, die diesem Buch seinen Namen gibt. Sie wird mit allen Methoden verteidigt. Sex außerhalb der Zitadelle kann und darf nicht sein – was die Quelle steter Lügen ist, und einer schwer erträglichen Doppelmoral.

Während des arabischen Frühlings konnte man das beispielhaft beobachten. El Feki schildert das Aufbegehren der jüngeren Generation als ein Aufbegehren der nicht nur ökonomisch, sondern auch sexuell Frustrierten. Das Heiratsalter in Ägypten stieg in den vergangenen Jahren stetig an – was wachsende materielle Ansprüche verrät. „Goldflitter, Solitärdiamanten, eine Wohnung, alle Haushaltsgeräte“ muss ein Bräutigam heranschaffen, ehe er heiraten darf; was in der Wirtschaftskrise immer schwieriger wurde.

Die Zeltstadt der Aufständischen am Tahrir-Platz in Kairo, wo unverheiratete Männer und Frauen gemeinsam Politik machten, geriet so zeitweise zum Versuchslabor für eine gesellschaftliche Utopie. Man lehnte sich nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen die Moral der Väter auf. Alles schien hier möglich,  doch nur kurz. Die Rache folgte schnell, und traf Frauen wesentlich härter als Männer. Der Tahrir ist heute ein Ort, an dem sexuelle Belästigungen notorisch sind. Die aggressiven Horden von Männern, die allein gehenden Frauen auflauern, verstehen sich als Warnkommandos, die Frauen in die Schranken weisen: Schaut nur her, wohin die Freiheit führt, und wie gefährlich sie ist! Dass Sex befreiend und bedrohlich sein kann, in jedem Fall aber verwundbar macht – selten wurde das so deutlich wie am Tahrir.

Die Ehe-Zitadelle mit Gewalt zu verteidigen, kann eine brutale Sache sein. Ein vielsagendes Beispiel dafür ist auch die sogenannte „Sommerehe“, ein insbesondere bei Bürgern der Golfstaaten beliebtes Modell. Prostitution ist heute in der arabischen Welt beinahe überall verpönt. Erlaubt hingegen ist, „Ehen auf Zeit“ einzugehen, in denen vertraglich eine Ehedauer von Stunden, Tagen oder Monaten festgelegt wird – ohne alle Verpflichtungen, die mit einer „richtigen“ Ehe einhergehen. Nach Ablauf der Frist wird der Vertrag zerrissen, „die Frau erhält lediglich das Geld, das ihr im Voraus vom Partner versprochen wurde“. Für Mädchen aus armem Haus oder geschiedene Frauen ist es oft die einzige Möglichkeit, sich ihren Unterhalt zu verdienen.

El Feki nennt das „religiös angehauchten Sextourismus“. Ein klares Wort für eine klare Sache. So wie es generell ja eigentlich gar nicht so schwer ist, über Sex zu reden. Man muss sich, wie Shereen El Feki, bloß für die Menschen interessieren, die ihn betreiben. Man muss ihnen die richtigen Fragen stellen. Und ihre Antworten ernst nehmen.

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