Der Soundtrack zu den Ereignissen in der Türkei ist vielstimmig, widersprüchlich, erhellend und sehr persönlich, den Austro-Türken sei Dank.

Presse-Kolumne

Die Ereignisse in der Türkei sind uns nahegerückt. Näher als der Krieg im benachbarten Syrien; näher als alles, was in Griechenland passiert. Diese gefühlte Nähe zum Taksim muss einen Grund haben. Ich vermute: Er liegt darin, dass so viele Menschen in Österreich türkische Wurzeln haben.

Einige Austro-Türken waren direkt bei der Taksim-Besetzung dabei, auch in den Tränengaswolken. Sie waren zufällig in Istanbul zu Besuch, als es losging. Oder es hielt sie vor Aufregung nicht mehr daheim auf dem Sofa. Wesentlich mehr fiebern aus der Ferne mit. Hängen bang am Telefon, am Facebook-Account, an der Skype-Leitung, versuchen, die Demonstranten trotz der räumlichen Distanz logistisch und moralisch nach Kräften zu unterstützen, übersetzen und verbreiten ihre Botschaften. Andere machen sich schlicht Sorgen um ihre Freunde und Angehörigen. Ist die Schwägerin eh unverletzt geblieben? Und was kann man tun, damit sich die herzkranke Oma nicht allzu sehr aufregt?

Den privaten Bekannten hört man dieser Tage interessierter zu als sonst. Will wissen, was sie denken, fühlen. Oft haben sie Neuigkeiten und Bilder aus erster Hand; zumindest in den ersten Tagen des Protests wussten manche präziser Bescheid als manche Medien. Präsent sind Austro-Türken auch in der Öffentlichkeit, als Einordnende, Erklärende, in ihren Berufen als Politikerinnen, Wissenschaftler, Künstler oder Journalistinnen. Sie führen vor, wie das geht: Profi zu sein, mit distanziertem, analytischem Interesse an der Sache. Doch gleichzeitig ist da manchmal noch jenes Extra-Quentchen an persönlicher Berührtheit dabei, das Weltpolitik erst so richtig spannend macht.

Erinnern wir uns, wie der „Presse“- und ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary einst von seiner Oma erzählte. Wie sie sich enttäuscht von ihrer Regierung abwandte und begann, mit der Opposition mitzufiebern. Streng genommen, lag das hart an der Grenze dessen, was Journalismus darf. Konkret jedoch war es ein verzaubernder Augenblick, in dem die Fernsehzuschauer schlagartig begriffen, was ihnen bis dahin abstrakt an den Ohren vorbeigerauscht war. El-Gawharys Oma öffnete vielen Österreichern die Tür nach Ägypten. Sie erweckte den arabischen Frühling zum Leben. Der journalistischen Professionalität ihres Enkels tat das keinen Abbruch, im Gegenteil.

Änliche Türen öffnen sich heute in die Türkei, durch unsere Nachbarn. Die türkisch verstehen. Denen manche Orte, Gesten, Redewendungen und Empfindlichkeiten vertraut sind. Die Erfahrungen von dort mit Erfahrungen von hier so verknüpfen, dass sie nachvollziehbar werden. Und denen vielleicht noch eine Anekdote dazu einfällt. Profis und Laien sind in diesem vielstimmigen Chor dabei, Expertinnen und Polemiker, Fromme und Atheisten, Bobos und Proletarier, Nationalisten und Linke, Alewiten, Kurdinnen oder Armenier. Den einen ist genau diese Zugehörigkeit sehr wichtig. Wieder anderen ist sie ziemlich egal – weil sie mehr Wert drauf legen, Rapid-Fan, Vegetarierin, Installateur, Opa oder Feministin zu sein.

Auf den ORF-Plakaten, die derzeit im ganzen Land hängen, sind angeblich „ganz normale“ Österreicher abgebildet, mit ihren Vornamen. Karim gibt es dabei keinen, ebensowenig wie eine Alev oder Tülay, einen Cengiz oder Ali.

Österreich (samt der ORF-Redaktion) ist schon viel weiter, als diese Plakate behaupten. Mehrstimmiger, schillernder, interessanter. Spätestens jetzt wissen wir das.

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