In Online-Chaträumen für Kinder und Jugendliche tummeln sich kaum Kinder. Sondern seltsame Erwachsene mit ausgeprägten sexuellen Vorlieben.

Ein Selbstversuch für den „Falter“

Uuuups, das ging aber schnell. Vor einer Minute erst habe ich mir den Nicknamen Sabi zugelegt. Seit dreißig Sekunden bin ich eingeloggt. Und schon kann ich es mir aussuchen. Tom2012 will mich lecken, Stefan will mir seinen Schwanz zeigen, und Jay teilt mir mit: „bin grad am wixen“. „jf?“ heißt offenbar „bist du Jungfrau?“,  und ist nach „hallo“ meistens schon die zweite Frage.  Ein Chatfenster nach dem anderen poppt auf, Sabi kommt mit dem Antworten gar nicht nach.

Sabi ist 12 Jahre alt. Zumindest behauptet sie das. Sabi könnte 47 sein (und für den Falter schreiben), sie könnte aber auch erst zehn sein und einfach neugierig drauf, was sich in Chaträumen für Teenager so tut. Egal, wer sie ist, sie ist sofort drin. „superchat.at“ heißt das Forum; der Chatraum heißt „Youngsters“.  „Dieser Raum ist für Kinder und Jugendliche gedacht. Chatter, welche das 22. Lebensjahr überschritten haben, bitten wir in einem anderen Raum zu chatten“, steht wohlmeinend als Spielregel da.

Aber genauer nachgefragt hat bei Sabi keiner. Genausowenig bei „longhot“, „fotograferl“ oder „Breite-Eichel“. Auch die sind sofort drin, obwohl sie womöglich schon 32,  52 oder 72 sind. Keine pickeligen pubertierenden Burschen, sondern ausgewachsene Männer mit ausgeprägten sexuellen Vorlieben.

Dass es Online schnell zur Sache gehen kann, wenn man Sex sucht, ist keine große Überraschung. Im Netz gibt es Porno und Kontaktanbahnung ohne Ende; für jeden, der will,  ist etwas dabei. Aber wer in einem ganz normalen Chatforum – nach eigenen Angaben „einem der größten Österreichs“ – chatten will, sucht vielleicht gar keinen Sex. „Youngsters“: Das klingt, als könnte man hier über die Schule reden, über Zoff mit den Eltern, über Justin Bieber oder über den ersten Liebeskummer.

So ähnlich steht das auch in den Forenregeln. „Gar keinen Spaß verstehen wir, wenn Erwachsene versuchen, Kinder oder Jugendliche in sexuelle Gespräche zu verwickeln“, heißt es hier. Aber kaum schnuppert man in Räume hinein, stellt man fest: Etwas anderes als Verwicklung in sexuelle Gespräche findet hier praktisch gar nicht statt. Sabi versucht zwar zwei, drei Mal pro forma, ihren Ärger mit dem Mathe-Lehrer anzubringen. Dann schließen sich die Chatfenster sofort, grußlos. Stattdessen wird sie gefragt, ob sie „sich manchmal reibt“, ob ihr Freund ihr schon mal „den Finger reingesteckt“ hat, und kriegt Links zu Pornoseiten geschickt. „stinki“ will wissen: „wie lang hast deinen slip schon an?“ und „riecht das bei dir, wennst nicht duschen warst?“ Warum, sagt Sabi. „weil ich das mag“, sagt stinki.

Was passiert bloß, wenn sich Zehnjährige nach der Schule an den Computer setzen? Was tun sie, was tun andere da mit ihnen, und dürfen die das überhaupt? Die meisten Eltern sind ziemlich ratlos, wenn sie zum ersten mal mit solchen Fragen konfrontiert werden. Auf Erfahrungswerte aus der eigenen Teenagerzeit kann man hier nicht zurückgreifen. Ständig über die Schultern schauen kann man den Kindern ebensowenig. Man kann bloß hoffen, dass sie  einem alles erzählen, was sie online erleben. Aber kann man das immer?

Christine Kirchberger-Winkler ist Kinder- und Jugendanwältin in Obersterreich, und hat sich dieses Themas angenommen. Laut einer IMAS-Studie, die sie vergangene Woche präsentierte, verbringen die meisten 14- bis 18jährigen täglich 1-3 Stunden im Internet. Auf die Frage, ob sie dort schon „von fremden Personen auf sexuelle Weise angesprochen“ wurden, antworten 15% mit ja, Mädchen doppelt so oft wie Buben. Aber 59% der Betroffenen haben niemandem davon erzählt.

„Die Hemmschwelle, darüber zu reden, ist offenbar groß“, vermutet Kirchberger-Winkler. Sie erzählt den Fall einer 11jährigen, die in einem Movie-Chatraum von einem Mann solange bedrängt wurde, bis sie ihm Nacktfotos schickte. Eine Tante bemerkte das zufällig und schritt ein. Meistens jedoch merken die Eltern nichts. Freuen sich, wenn es still ist im Kinderzimmer. Haben keine Ahnung, was Chatforen überhaupt sind. Umgekeht haben auch die Kids nicht das Gefühl, ihre Eltern seinen kompetente Helfer, wenn ihnen online Unangenehmes zustößt. Und wer weiß, womöglich nehmen sie einem dann das Handy weg?

„Bei uns rufen täglich besorgte Lehrer und Eltern an“, sagt Kirchberger-Winkler. „Die sind völlig überfordert, weil sie sich nicht auskennen. Auch die Kinder sind auf das, was ihnen online begegnet, nicht vorbereitet. Denen fehlt das Rüstzeug. Nur die Pädophilen wissen genau, was sie tun. Denen haben sich im Internet tolle neue Spielplätze aufgetan.“

Wer schützt Sabi also? Das Gesetz?

Anruf beim Justizministerium. Österreich sei europaweit federführend im Sexualstrafrecht, heißt es dort stolz. Eben erst, am vergangenen Mittwoch, habe der Nationalrat das Gesetz präzisiert und die Bestimmungen zum „Cyber-Grooming“ verschärft. Seit 2012 schon ist es strafbar, sich „unter Verwendung eines Computers“ an Kinder heranzumachen, „um ein persönliches Treffen mit ihnen zu vereinbaren“. Nun wird auch mit Strafe bedroht, wer versucht, von Kindern pornographische Bilder zu bekommen – entweder um sich daran zu befriedigen, oder um sie damit zu erpressen. Auf Cyber-Grooming stehenbis zu zwei Jahre Haft, theoretisch.

Aber wer sich mit der zehnjährigen Sabi nicht treffen will, und sich auch keine Fotos schicken lässt? Wer nur Sauereien in die Tastatur klopft? Der darf das offenbar. Oder kann zumindest ziemlich sicher sein, dass niemand ihn findet und die Sache weiter verfolgt. Denn auch die Forenbetreiber schützen Sabi nicht. Können es nicht. Oder wollen es nicht.

Die deutsche Chatseite „knuddels.de“ (mit ihrem Österreich-Ableger „knuddels.at“) verweist auf seine „Vorreiterrolle im Jugendschutz“ und die freiwillige Selbstkontrolle. Seit 2005 werden „alle Chatgespräche zwischen Kindern und Erwachsenen durch einen technischen Filter überwacht. Sobald der Filter mögliche jugendgefährdende Inhalte entdeckt, wird das Gespräch augenblicklich beendet“, heißt es auf der Website. Man arbeite eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, man habe einen eigenen Jugendschutzbeauftragten, sowie 10.000 „erfahrere und regelmäßig geschulte Mitglieder, die die Foren als Moderatoren betreuen“.

„James“ heißt der Moderator des Knuddels-Teenager-Forums. Er nennt sich „Butler“, trägt Livree und Tablett und scheint ein automatisiertes Programm zu sein, das Chatter, die sich danebenbenehmen, rauskicken soll. Aber wie soll er mit dem Rauskicken nachkommen, wenn praktisch jedes Gespräch drauf hinausläuft, ob „du noch jf“ bist? Wer angibt, unter 16 zu sein, muss bei „knuddels“ nach zwei Online-Stunden einen Jugendschutz-Test machen, der überprüft, „ob er oder sie die Regeln zum sicheren Chatten beherrscht.“ Man kann den Test aber auch einfach wegklicken.

Wie wenig das alles nützt, bewies die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Ende März recherchierte sie in deutschen Foren wie „knuddels“ oder „Wuschelchat“ und berichtete, wie eine vermeintlich Zehnjährige dort von einem vermeintlich reichen Gönner auf eine Sexparty eingeladen wurde, und wie ein anderer sie drängte, eine Banane aus der Küche zu holen und sie sich in die Scheide zu stecken. Die Aufregung war groß. „Knuddels“ schaffte daraufhin den Chatraum für die Unter-14-jährigen ab. Seither muss Sabi bei „knuddels“ angeben, mindestens 14 zu sein – ansonsten ist alles wie gehabt.

Im österreichischen Youngsters-Superchat muss Sabi nicht einmal das. Dort gibt es kein Mindestalter. Und der Moderator heißt passendenderweise „paralysis“ („Muskellähmung“). „wärst du auch für käufliche liebe zu haben?“ fragt „single-dad“ Sabi ganz offen, bevor er von paralysis „gekickt“ wird.

Vom „Superchat“-Betreiber, einer Firma Pleschberger im Kärntner Althofen, gibt es auf eine diesbezügliche Email-Anfrage keine Antwort. Bleiben nur die „Richtlinien für Kinder und Jugendliche“, zum Anklicken auf der Website: „Nicht jeder, den du im Chat kennenlernst, ist dein Freund. Oft behaupten Erwachsene, dass sie in deinem Alter sind, aber sie sind es nicht wirklich“, steht da. Ja, eh.

Wer wer ist, muss Sabi also ganz allein herausfinden. Sie versucht, sich auf die Terminologie einzulassen und versteckte Hinweise zu deuten. Es gibt jene Chatter, die nur mit Kürzeln kommunizieren, sofort skypen („camen“) – und möglichst rasch live zur Sache kommen wollen.  Das sind womöglich tatsächlich Burschen. Wer sich hingegen Zeit für gepflegte Unterhaltung nimmt, wird wohl Gründe haben, die Kamera zu scheuen. „Barney_Stinson“ zum Beispiel. „oje, bist du generell keine so gute schülerin, hm?“ „oje, da bist du wohl oft allein daheim, hm?“ „bist du eigentlich anatomisch noch ein kind oder schon eine frau? hast du schon die regel? schamhaare? brüste?“ Nein, ein Siebzehnjähriger ist Barney wohl nicht.

Genausowenig wahrscheinlich, wie die Mädchen im Forum Mädchen sind. Wird sich eine 15jährige tatsächlich den Namen „bikinimausigirl“ aussuchen? Mittags zu Hause rumhängen – und um diese Uhrzeit andere Mädchen anchatten, um ihnen zu erzählen, dass sie „so gern bikinis und andere knappe sachen“ anhat?

Man hätte eigentlich gar nichts dagegen, Barney und das Bikinimausigirl auf diesem bizarren Spielplatz miteinander allein zu lassen. Sich in sogenannten „Teenie-Foren“ mit ihren Rollenspielen aneinander abzuarbeiten, bis sie ermattet ins Sofa sinken. Bloß müsste man irgendwie verhindern, dass ihnen dabei ein echter Teenie versehentlich in die Quere kommt.

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