Espresso kann man auch vom Fahrrad aus verkaufen. Aber man darf nicht. Eine kleine Geschichte aus dem Kammerstaat.

Aus dem “Falter”

Die Geschäftsidee war einfach. Sie enstand aus einem dringenden, aber unbefriedigten persönlichen Bedürfnis. Guten Kaffee kriegt man genügend in Wien. Doch ganz selten kriegt man guten Kaffee an den besonders schönen Orten: An Prater Hauptallee, im Park neben dem Spielplatz, bei einem Open-Konzert, beim Eislaufen an der Alten Donau. Wen es bei solchen Gelegenheiten nach Kaffee gelüstete, musste sich bisher mit Notlösungen zufrieden geben. Mit lauem, grauem Gebräu aus der Thermoskanne. Oder schmierigem, klumpigem Löskaffe im  Plastikbecher.

Die Lösung dieses urbanen Kulinarikdilemmas wiegt … Kilo. Sie hat einen bauchigen, braunen Rumpf in Form einer Kaffeebohne. Drin verstecken sich Wassertank, Pumpe, Batterie, Eiskasten und eine kleine Musikanlage, drauf blitzt das Chrom der massiven Espressomaschine, drüber ist ein Sonnendach mit Solarpaneelen montiert, und unten dran sind die drei Räder eines Lastenfahrrads.

Der Wiener Rechtsanwalt Johannes Pepelnik hat sich die Antwort auf sein Kulinarikdilemma selbst ausgedacht – und gemeinsam mit dem Künstler Gilo Moroder in monatelanger Tüftelei selber gebaut. Alle Detailprobleme bedachten sie, für alle fanden sie eine Lösung: Die Kaffemühle, die viel Energie braucht. Das Abwasser, das aufgefangen werden muss. Die Wahl der richtigen Bohnensorte. Nur eines erwies sich schwieriger als gedacht: Die Tücken der Wiener Gewerbeordnung.

Um tatsächlich Kaffe von einem Fahrrad aus verkaufen zu dürfen, braucht man nämlich eine Betriebsanlagengenehmigung und eine Gewerbekonzession. Und letzteres ist nicht so einfach. Denn in der österreichischen Wirstchaftskammerordnung gibt es recht detaillierte Vorstellungen darüber, wie „ein Gastgewerbe in der Betriebsart Espresso“ auszuschauen hat. Etwa: Dass ein Espresso nicht herumfahren darf. Sondern an einen „echten, lebenden Gastronomiestandort“ – dh an ein Lokal – angebunden sein muss.

Anwalt Pepelnik wollte alles richtig machen. Er ist versiert in Schriftverkehrsdingen und weiß, wie man Eingaben an Behörden verfasst. Den Mailwechsel mit den Magistratsabteilungen hat er sauber in einem Aktenordner abgeheftet. Aber worum es wirklich geht im Kammerstaat, verstand er erst, als er im Büro von Kommerzialrat Wilhelm Turecek saß, seines Zeichens „Obmann des Gatronomieausschusses der Fachgruppe Wien“ in der Sparte „Tourismus und Freizeitwirtschaft“ der Wirtschaftskammer.

„Es war ein joviales Gespräch“, erinnert sich Pepelnik. Turecek habe ihm „erklärt, wie die Welt ausschaut“: Da gebe es die Restaurantbesitzer, die Kaffeesieder und die Würstelstandbetreiber, „die sich vor allem dadurch unterscheiden, auf welchen Ball sie gehen“. Des Kommerzialrats väterlicher Rat: Pepelnik möge sich, wenn er Gastronom werden wolle, doch an das Nachfolgerservice der Kammer wenden, und sich dort um ein Gasthaus oder einen Würstelstand bemühen. 8000 Lokale gebe es in Wien – da werde doch auch für ihn etwas Passendes dabei sein! Kaffee auf Rädern hingegen – nein, das brauche man in der Stadt sicher nicht. „Sie wollen doch auch nicht, dass Wien Hanoi wird?“

In Vietnam findet tatsächlich ein großer Teil der Alltagsversorgung mit Lebensmitteln und kleinen Mahlzeiten mittels Lastenrädern statt. Dort werden nicht nur Marktstände, sondern ganze Garküchen auf drei Rädern transportiert. Mit denselben Vorteilen, die das Geschäftsmodell auch hierzulande hätte: Man ist autark und mobil im umfassenden Wortsinn. Kann überall hinfahren, wo ein Fahrrad hinkommt. Braucht keinen Strom- oder Wasseranschluss. Hat den Laden in wenigen Minuten aufgebaut. Die unternehmerische Flexibilität ist groß: Bleiben an einem Standort die Kunden aus, setzt man sich einfach in den Sattel und fährt woandershin, wo man dringender gebraucht wird.

Diese Art des mobilen Unternehmertums hat für Städte einen spürbaren Nebeneffekt: sie belebt die Straße, ohne Verhüttelung mit immer neuen Buden, Kiosken und Schanigärten. Sie ermuntert Menschen, spontan auf dem Gehsteig stehenzubleiben, sich im Freien zu treffen und herumzusitzen. Manchmal mag das als störend empfunden werden. In einigen europäischen Metrolone hat man allerdings genau das als Schlüssel entdeckt, um den öffentlichen Raum attraktiv zu machen.

Caferäder etwa gibt es in anderen Städten längst: In Zürich und Berlin, in Münster und München und Leipzig. In Kopenhagen, der Musterstadt der fußgängerfreundlichen Stadtplanung, wurden sie gar aktiv gefördert. Die Auflagen für den Straßenverkauf wurden gelockert, die Bewilligungen deutlich verbilligt. Obst und Zeitungen, Snacks und Eis – all das bekommt man mittlerweile vom Fahrrad aus.

In Wien besteht diese Gefahr vorerst nicht. Kommerzialrat Turecek trinkt seinen Espresso weiterhin im Kaffehaus und isst seine Würstl am Würstelstand. Aber das Caferad hat seit vergangener Woche eine Gewerbeberechtigung. Pepelnik hat, als „Handelsagent“,  ein „freies Gewerbe“ angemeldet, und zwar für den „Ausschank von nichtalkoholischen Getänken und den Verauf derselben in unverschlossenen Gefäßen, wobei der Ausschank oder der Verkauf durch Automaten erfolgt“.

Das darf man in Wien auch ohne Segen der Wirtschaftskammer. Zumindest solange die Espressomaschine als „Automat“ durchgeht.

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One Response to Wien muss Hanoi werden

  1. Ute sagt:

    *Da könnte ja jeder kommen* oder *Das haben wir immer schon so gemacht* – die Argumentation eines typischen Bürohengstes.

    Die Flexibilität in Amtsstuben ist quasi gleich null

    Not macht (Pepelnik) erfinderisch!.

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