Früher hatte man in Kriegen nur die Soldaten und ihre Manöver im Blick. Heute vor allem die Zivilbevölkerung. Beide Perspektiven sind unvollständig.

Presse-Kolumne

Jahrhundertelang war es üblich, Kriege von oben zu betrachten, aus strategischer Perspektive. Oben auf seinem Bebachtungshügel stand der Feldherr mit seinem Feldstecher und schaute zu, wie die Heree sich formierten, zur Offensive oder zum Rückzug. Im Krieg ging es um Gebietsgewinne, die Unterwerfung anderer Völker zur Ausbeutung ihrer Ressourcen, um Einflusszonen. Am Ende kriegten die Schachten Jahreszahlen und wurden in die Geschichtsbücher eingetragen: 333 bei Issos Keilerei. 1066, bei Hastings, siegten die Normannen gegen die Engländer. 1453 die Eroberung von Konstantinopel. 1866 Königgrätz.

Wie ging es eigentlich in den unbefestigten Straßen von Hastings zu, in den Wochen vor und nach der Schlacht? Wie erlebten die Bäcker und Wäschermädel von Kontantinopel die Eroberung ihrer Stadt? Wie viele Hütten brannten während der Keilerei von Issos, was gaben die Mütter ihren Kindern derweil zu essen? Und wurde für die Bauern irgendetwas besser, wenn nach dem großen Sieg Horden feiernder Soldaten durch ihre Dörfer marodierten? Solche Fragen wurden lange Zeit überhaupt nicht gestellt, weder in den Frontbulletins noch nachträglich in den Geschichtsbüchern. Die Zivilbevölkerung und die Frage, was ein Krieg mit ihrem Leben machte, spielte jahrhundertelang keine Rolle.

Heute hat sich diese Sichtweise völlig umgedreht. Von Soldaten ist kaum mehr die Rede, wenn Nationen in den Krieg ziehen; umso präziser sind die Scheinwerfer auf die Zivilbevölkerung gerichtet. Kriege werden, so klingt es, ausschließlich geführt, um Untertanen aus Knechtschaft zu befreien. Um Männern, Frauen und Kindern zu kultureller und/oder demokratischer Selbstbestimmung zu verhelfen. Der Feldzug gegen den Irak wurde vorgeblich den Irakern zuliebe begonnen; der Feldzug gegen Afghanistan, um die afghanischen Frauen aus der Burka zu befreien. So klang es zumindest.

Nun ist die elfjährige Nada al-Ahdal dran, uns bei der Sinnstiftung zu helfen. Nada ist Jemenitin, ein bildhübsches Mädchen mit großen Augen, dunklen Locken und einer mitreißenden Unerschrockenheit. In einem Video, das auf Youtube kursiert, erzählt sie, wie sie vor ihren Eltern davonlief, die sie mit einem älteren Mann zwangsverheiraten wollten. Achtmillionenmal wurde das Video bisher angeklickt. Es geht ans Herz. Macht zornig auf Menschen und Machtverhältnisse, die derartiges Unrecht möglich machen. Und weckt für jeden Verständnis, der daran etwas ändert, notfalls mit Gewalt.

Es steckt eine richtige und falsche Botschaft drin. Richtig ist, dass Geschichten wie jene von Nada tatsächlich stattfinden: Kinder werden millionenfach zwangsverheiratet, im Jemen und anderswo. Falsch ist jedoch, dass es hier in erster Linie um Nada geht. Im Jemen findet derzeit ein Krieg statt, ein verdeckter, unerklärter Krieg, wie auch in Pakistan und Somalia. Er wird nicht mit Bataillonen, sondern mit unbemannten Drohnen geführt, die ferngesteuert ihre Ziele finden und schon mehrere hundert Menschen getötet haben.

In dieser Art Krieg sieht man keine Soldaten mehr; die sitzen tausende Kilometer weit weg vor ihren Computerbildschirmen. Die Feldherren stehen nicht auf Hügeln – aber selbstverständlich existieren sie noch. Und selbstverständlich geht es auch heute um Strategie, Interessen, um die Aufteilung von Ressourcen und Einflusszonen. Aber hinter den großen Augen kleiner Mädchen sieht man das nicht mehr so genau.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.