Lehrer und Nichtlehrer verstehen einander nicht mehr. Für die eigentlichen Hauptpersonen jeder Schulreform ist das verheerend: die Kinder.

Ein Kommentar für den Falter

Für wen ist die Schule da? Für die Kinder. Man muss diesen schlichten Satz grade zu Schulanfang wieder einmal klar und deutlich aussprechen, damit ihn niemand vergisst. Denn von den Kindern war in all den Schuldebatten dieses Feriensommers kaum je die Rede. Sie kamen bloß als Statisten vor, die vom Wegrand aus zuschauen, Fähnchen schwenken und winken durften, während Beamtengewerkschafter und Ministerinnen zu Verhandlungen in den Ring stiegen. Schulfragen sind in Österreich nämlich beinahe immer Fragen des Dienstrechts, der Zulagen, der Lebenseinkommenskurven, der Unterrichtsverpflichtung. Fragen für Leute wie Wolfgang Neugebauer.

Dass es jetzt eine Schmalspurlösung beim Lehrerdienstrecht gibt, ohne Zustimmung der Gewerkschaft, ist okay. Das gesellschaftspolitisch wesentlichere Ergebnis der monatelangen Quälerei ist jedoch etwas anderes: Dass zwischen den Lehrern und dem Rest der Bevölkerung ein abgrundtiefer Graben klafft. Die einen können mit den anderen nichts mehr anfangen.

Auf der einen Seite stehen die Lehrer, die sich chronisch unverstanden fühlen. Jeden Tag vor der Klasse stehen, um Aufmerksamkeit kämpfen, Alleinunterhalter spielen, Pubertierenden Respekt abringen – das ist tatsächlich eine komplexe, kräftezehrende Aufgabe. Gerade jene Lehrer, die sich engagieren, muss das öffentliche Image als Obezahrer am meisten schmerzen. Latente Überforderung plus mangelnde Wertschätzung – das ergibt fast immer schlechte Laune, Bitterkeit und Zynismus..

Auf der anderen Seite stehen die Werktätigen aller anderen Branchen, mit Schulkindern oder ohne. Verkäuferinnen und Taxifahrer, Journalistinnen und IT-Berater, Kellnerinnen und Bauarbeiter, sie alle haben in den vergangenen Jahren große Umbrüche in der Arbeitswelt erlebt. Flexibilisierung, Lohnverluste, Entlassungen, steigenden Qualitätsdruck – da kann man das Gejammer über 22 oder 24 Stunden Lehrverpflichtung einfach nicht nachvollziehen. Ja, Menschen in in der nichtgeschützten Arbeitswelt wünschen sich tatsächlich, dass die Schule ihnen das Leben ein bisschen leichter macht und ihren Kindern Halt gibt. Genau das empfinden Lehrer, die von all den Veränderungen draußen kaum etwas mitbekommen haben, jedoch als Zumutung.

Verschärft wird das Missverstehen durch die perfekte Organisiertheit der Lehrerschaft. Dass diese in der Lage ist, auf Knopfdruck ihre Empörung kundzutun, waschkorbweise Leserbriefe zu verfassen, ihre Alliierten in Parteien, Bünden und Kammern in Stellung zu bringen, um stets ihre Interessen durchzusetzen, erzeugt bei allen anderen schnell das Gefühl lähmender Ohnmacht. Zumal da auch noch dunkle Erinnerungen an die eigene Kindheit hochkommen: Da saßen die Lehrer ja auch immer am längeren Ast.

Den Abgrund zwischen Lehrern und Nichtlehrern überbrücken, die Schulen wieder näher heranbringen an den Rest der Welt – wie kann das gehen? Hier sind drei konkrete Vorschläge.

Erstens: Der Einstieg. Es ist nicht gut, dass Lehrer beinahe ausschließlich Menschen sind, die in ihrem ganzen Arbeitsleben nur die Schule kennengelernt haben. Kinder brauchen mehr Lehrer, die auf Um- und Irrwegen zu diesem Beruf kommen. Menschen mit Vorleben, mit Erfahrungen, als Kellnerinnen, Taxifahrer, egal. Im Zuge der Zeitungskrise haben sich in der Schweiz jüngst mehrere ehemalige Journalistenkollegen zu Lehrern umschulen lassen. Mit der bevorstehenden Pensionierungswelle bei den Lehrern wäre auch hierzulande die Gelegenheit günstig, Quereinsteiger anzuwerben.

Zweites: Der Ausstieg. Selbstverständlich gibt es die von Frank Stronach erwähnten fünf Prozent Lehrer, die ihren Beruf verfehlt haben. Die Kinder nicht ausstehen können und jeden Tag ihren Frust versprühen wie ätzendes Nervengift. Jede Schule hat ein paar von dieser Sorte, wahrscheinlich gibt es eine informelle Übereinkunft, sie zu verteilen und in Ruhe auf die Pension warten zu lassen. Doch angesichts des Schadens, den ein einziger schlechter Lehrer im Leben eines Kindes anrichten kann, ist das verantwortungslos. Es ist keine Schande, den Beruf zu wechseln. Auch Lehrer brauchen eine Tür zum ehrenhaften Austieg. Vielleicht hat ja jemand Talent für andere Aufgaben innerhalb des Systems? Für Organisatorisches, Schulbücher, EDV, Verwaltung, Austauschprogramme, Stundenpläne?

Drittens: Die Lehrer müssen sich von Nichtlehrern helfen lassen. Es gibt dutzende Aufgaben in Schulen, um die sich andere genauso gut oder besser kümmern können: Sekretäre, Sozialarbeiterinnen, Künstler, Sportlerinnen, Animatoren, Wissenschaftlerinnen, Musiker, Psychologen. Die Bildungsministerun denkt hier in die richtige Richtung. Aber quantitativ wäre noch viel mehr drin.

Selbstverständlich würde eine solche Öffnung der Schulen bedeuten, dass Lehrer ihre geschützte Zone verlassen, sich Vergleichen aussetzen, ihre Methoden einem Wirklichkeitscheck unterziehen. Als Belohnung winkt: Sie würden besser verstanden. Bekämen mehr Wertschätzung. Und wären nicht mehr allein.

Auch wenn es manchmal so scheinen mag: Lehrer und Nichtlehrer sind nicht zwei grundverschiedene Arten der Spezies Mensch. Sie haben denselben Stoffwechsel, sprechen dieselbe Sprache und leben in demselben biologischen Milieu. Den Graben zwischen ihnen zu überbrücken wäre eine lohnende Sache.

Nicht nur weil die Nichtlehrer den Lehrern jeden Tag ihre Kinder anvertrauen. Sondern auch weil die Kinder täglich den mühsamen Weg durch diesen großen Graben zurücklegen müssen, jeden Morgen hin, jeden Nachmittag wieder zurück. In einer Woche geht’s wieder los.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.