„Whistleblower“ kann man auch auf einer Kärtner Alm werden. Es ist ähnlich schwierig. Und auch dort läuft man Gefahr, geklagt zu werden

Presse-Kolumne

Wie schauen Whistleblower aus? Nach Wikileaks und Prism, nach all den Enthüllungen von Staatsgeheimnissen haben wir davon inzwischen eine genaue Vorstellung. Whistleblower schauen aus wie Edward Snowden oder Bradley Manning. Jüngere Männer. Sie haben eine blasse Gesichtsfarbe von all den Nächten, die sie vor dem Computerbildschirm oder in unwirtlichen Verstecken verbracht haben. Etwas Einsames, Versponnenes umweht sie. Ein bisschen kommunikationsgestört scheinen sie. Aber das wird man wohl, wenn man niemandem vertrauen kann und auf Schritt und Tritt damit rechnen muss, dass jemand hinter einem her ist.

Whistleblower riskieren viel. Entlassung sowieso, aber auch Haftstrafen, Hochverratsprozesse, Schadenersatzklagen. Sie laufen Gefahr, an den Pranger gestellt und von ehemaligen Freunden geschnitten zu werden. Wie ihr Kampf ausgeht, ist offen. Manchmal werden sie nachher zu Helden erklärt, manchmal zu Spinnern  – das hängt vor allem davon ab, wie mächtig das System ist, mit dem sie sich anlegen.

Heute sprechen wir jedoch nicht von Bradley Manning oder Edward Snowden, sondern von der Kärtnerin Maria H. Ob auch sie nächtelang vor dem Computer sitzt, ist nicht bekannt, sie schaut zumindest nicht so aus. Maria H. ist Köchin. Sie arbeitete einige Wochen lang auf der Saualm, Jörg Haiders berüchtigter Isolationsanstalt für Asylwerber.

Die Arbeit wird nicht leicht gewesen sein dort oben, auf 1200 Metern Seehöhe, 15 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Den letzten Teil des Weges konnte man nur zu Fuß machen. Das Haus war abgewohnt, Fenster, Heizung, Installationen in schlechtem Zustand – vermutlich galt das auch für die Küche. Einen solchen Job nimmt man nur an, wenn man sonst nicht viele Optionen hat. Den ganzen Tag war Maria H. umgeben von Männern, die zum Nichtstun gezwungen waren: Hier die Asylwerber, vom Warten zerfressen – dort die Mitarbeiter der privaten Security-Firma, mit dem Auftrag, finster dreinzuschauen und nicht zu reden. Herta L., die  Chefin, führte ein strenges Regiment, mit dem einzigen Ziel, möglicht viel Profit zu machen. Und über alles spannte sich das System Haider, das auf der Saualm ein Exempel statuieren wollte: Da schaut her, wie Ausgrenzung funktioniert. Passt auf, dass nicht auch euch eines Tages sowas passiert. Denn wir können das.

Maria H. sollte den Männern schimmliges Brot vorsetzen, angefaultes Obst, sie sollte verdorbene Reste nochmals verkochen. Hätte sie stumm gehorcht und weitergemacht – es wäre allen recht gewesen, der Chefin, dem Flüchtlingsreferat, der Obrigkeit. Doch Maria H. machte nicht weiter. Entweder, weil sie eine intakte Berufsehre als Köchin hat. Oder weil sie Menschen grundsätzlich Respekt entgegenbringt. Oder weil es ihr gegen den Strich ging, dass sich jemand an Steuergeld bereicherte. Sie ging zum Ortspfarrer, zum Pfarrgemeinderat, und sagte, dass es nicht so weitergehen kann.

Das System, gegen das Maria H. aufbegehrte, war damals in Kärnten allmächtig. Wie alle Whistleblower riskierte sie, ausgegrenzt und verfolgt zu werden. Genau das geschieht derzeit offenbar: Hertal L. hat sie wegen Kreditschädigung verklagt, fordert einen Widerruf und will noch eine Schadenersatzklage nachreichen.

Hoffen wir, dass das System Haider tatsächlich am Ende ist – und dass die Whistleblowerin Maria H. nicht als Spinnerin, sondern als Heldin übrig bleibt.

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