Die US-Serie „The Newsroom“ ist ein Abgesang auf eines der wichtigsten Formate des Fernsehens: Die Hauptnachrichtensendung. Sie ruhe in Frieden.

Ein Essay für den Falter

Es ist eine Art feuchter Traum. Viele hingen ihm nach, als sie, irgendwann inmitten pubertärer Wirren, beschlossen, Journalisten zu werden. Der Traum geht so: Es ist acht oder neun Uhr abends, die Sonne ist untergegangen, das Abendessen verspeist, die ganze Nation versammelt sich im Wohnzimmer. Die Oma rückt die Lesebrille zurecht, die Kinder spitzen erwartungsvoll die Ohren, alle starren gebannt auf den Bildschirm. Gleich geht es los. Jetzt ertönt die Signation. Jetzt der kurze Moment, in dem die Melodie verhallt. Gleichzeitig leuchtet, ohne dass die Zuschauer es ahnen, im Studio das rote Aufnahmelämpchen auf. Genau dann ist der Moment, die Stimme zu erheben, fest und klar, und einen Satz zu sagen, der den Menschen die Augen öffnet. Die Wahrheit kann unangenehm sein, aber sie ist zumutbar. Und ich, der Journalist, die Journalistin, bin auserkoren, sie zu verkünden, damit die Welt wieder ein Stück besser wird.

Das Fernsehen als Aufklärungsanstalt. Die tägliche Hauptnachrichtensendung als Hochamt der Volksbildung: Es ist ein Allmachtstraum, in dem bei genauerer Betrachtung eine ordentliche Potion Überheblichkeit steckt. Die meisten Journalisten und Journalistinnen legen ihn ziemlich bald ad acta, sobald sie in die Niederungen des real existierenden Mediengeschäfts einsteigen. Einige genieren sich später sogar dafür, ihn früher geträumt zu haben.

Nur Will McAvoy, der lebt den Traum tatsächlich.

Will McAvoy ist die Hauptfigur der Serie „The Newsroom“, deren zweite Staffel eben im US-amerikanischen Kabelsender HBO läuft. Er ist ein Mann Mitte fünfzig, großgewachsen, mit kräftiger Statur, konservativer Frisur und konventionellem Kleidergeschmack. Er ist registrierter Republikaner und frönt Freizeitgelüsten, die in den USA unter die Kategorie „altbacken“ fallen: Wenn er nachdenkt, zündet er sich eine Zigarette an, mit dem Benzinfeuerzeug. Seine Rendezvous mit Frauen, die er eher „Damen“ nennt, finden in Bars mit livrierten Kellnern und klimpernder Klavierbegleitung statt und enden stets in melancholischen Dialogen. Und spätabends, wenn Will in seinem rundum verglasten und komfortabel klimatisierten Manhattaner Midtown-Apartment wieder mal nicht schlafen kann, starrt er auf die Lichter der Metropole hinunter und gießt sich einen Whiskey ins Glas. Man kann davon ausgehen, dass er der Auswahl der richtigen Whiskeymarke ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Ein klassisches Alpha-Männchen also. So wie auch sein Job das klassische Alphatier-Gehege des Mediengeschäfts ist: Will McAvoy ist Anchorman der täglichen Hauptnachrichtensendung im Fernsehen.  Live ist er in seinem Element. Sobald es hektisch wird im Newsroom, weil irgendwo auf der Welt ein Terroranschlag passiert, läuft er zur Höchstform auf. Seine Repliken kommen schnell und klar. Er ist präzise im Denken, unerbittlich im Urteil, aber stets fair und auf der Suche nach Wahrhaftigkeit.

„Anchor“ heißt „Anker“. Man könnte ebensogut das Wort „Kompass“ verwenden. Wahrscheinlich will uns diese Serie genau dies als Botschaft vermitteln: Dass die Welt, schon ganz schwindlig im Strudel von Nonsense und Beliebigkeit, Orientierung braucht. Und dass Menschen wie McAvoy, die links von rechts und wichtig von unwichtig unterscheiden können, uns retten können.

Doch dann passiert etwas Überraschendes: Die Botschaft überzeugt uns nicht. Sie klingt hohl. Will McAvoy mag perfekt sein in seiner Rolle, er mag theoretisch Recht haben mit all seinen Predigten im Namen des „richtigen“ Journalismus – aber er geht allen bloß mächtig auf die Nerven. Seinen Vorgesetzten, seinen Kollegen, seiner großen, unglücklichen Liebe – und sogar den Fernsehzuschauern. „The Newsroom“ wurde vor seinem Start mit riesigen Erwartungen überhäuft. Inzwischen sind alle enttäuscht. Was ist da passiert?

Es mag mit der Realität zu tun haben. Die schaut so aus: Die große Zeit der Hauptnachrichtensendung ist vorbei – in den USA sowieso, aber auch in Österreich. Die „ZiB 1“ um 19.30 erfüllte vor dreißig Jahren noch die Funktion des Postillons, der am Marktplatz verkündete, was im Land los war (und jeder hörte zu, weil sonst nicht viel zu tun war). Heute ist die ZiB 1, brutal formuliert, eine Pensionistensendung. Das Durchschnittalter der Zuschauer liegt bei 61 Jahren. Sogar Formate wie die ZiB 20, die eigens dafür kreiert wurden, um Twentysomethings bei der Stange zu halten, kommen gerade noch an die durchschnittlich 46jährigen heran. Nachrichten im Fernsehen erfüllen zwar ihren Zweck: Wer ohnehin eingeschaltet hat, hört zu, vielleicht bleibt sogar jemand beim Zappen hängen. Doch man erwischt sie heute eher zufällig. Die Funktion, die Nation zusammenzuhalten, indem sie alle wichtigen Fragen stellt und beantwortet – das ist ein Anspruch, den keine Sendung mehr erfüllen kann.

In den USA verlief diese Entwicklung noch viel rasanter als in Europa. CNN, Pionier der 24-Stunden-Nachrichtenkanäle, hat in den vergangenen Jahren die Ressourcen für seine einst 37 Korrespondentenbüros im Ausland radikal gekürzt. Die Zuschauer auf der ganzen Welt bedient man zwar noch mit Weltnachrichten – die US-Amerikaner kriegen davon allerdings beinahe gar nichts mehr mit. Seit Januar dieses Jahres steht der Sender unter der neuen Führung von Jeff Zucker. Themen wie der Krieg in Syrien, einst ein CNN-Kerngeschäft, finden seither höchstens noch im Newsticker statt. Stattdessen gibt es, ohne Ende, Live-Berichte von Gerichtsprozessen. Prozesse haben für Medien  den Vorteil, dass man endlos lang Meinungen und Vermutungen ausbreiten kann – ohne am Ende entscheiden zu müssen, wer tatsächlich Recht hat.

Zucker will auch „Crossfire“ wiederbeleben, eine einst berüchtigte Debattensendung, in der die ewiggleichen weltanschaulichen Gegenspieler einander mit viel Geschrei die immergleichen Phrasen an den Kopf warfen – ein sinnentleertes Ritual, das in seiner Endphase bloß noch dazu diente, berechenbare Erregung auf Knopfdruck zu produzieren. Politischer Porno, quasi.

Während CNN sich derart vom journalistischen Kerngeschäft entfernte, sprangen andere ein. Das Hochamt der Politikvermittlung, die Funktion des seriösen Anchormans quasi, übernahmen in diesen finsteren Jahren andere – allen voran der Late-Night-Comedian Jon Stewart. Die „Daily Show“, die er seit 1999 macht, fällt zwar offiziell unter Satire – doch ist sie an Ernsthaftigkeit , Aufklärungswert und moralischer Redlichkeit den klassischen amerikanischen Nachrichtenshows längst meilenweit überlegen. (Die freitägliche „Heute-Show“ im ZDF versucht seit einem Jahr, Jon Stewarts Konzept nachzuahmen – ebenfalls mit Erfolg).

Ironie Nummer eins: Unter jungen Amerikanern und Amerikanerinnen ist die „Daily Show“ längst zur wichtigste Quelle von Nachrichten avanciert. Ironie Nummer zwei: Ausgerechnet der Comedian Stewart riss CNN die Maske vom Gesicht. Als Gast bei „Crossfire“ nützte er vor zehn Jahren die Chance, endlich einmal einen Satz zu sagen, der der versammelten Nation die Augen öffnete: „Was Sie hier tun, ist unehrlich“, schleuderte er den Hosts Paul Begala und Tucker Carlson ins Gesicht, „was Sie tun, ist polemische Herumhackerei. Hört endlich auf damit“, beschwor er sie, „Stop, stop, stop, stop hurting America!!“ Er erzeugte damit einen seltenen Moment der Klarheit. „Crossfire“ wurde wenig später tatsächlich abgesetzt. Und Stewart wurde einer von ganz wenigen Medienleuten auf der Welt, denen es gegönnt war, den eingangs beschriebenen Traum leibhaftig auszuleben.

Etwas ähnliches hatte sich offenbar auch Aaron Sorkin vorgenommen, der Mann, der sich Will McAvoy und „The Newsroom“ ausgedacht hat. Schließlich gehört Sorkin zu den Visionären seines Genres, und hat aus seinem aufklärererischen, volksbildnerischen  Drang nie ein Hehl gemacht. Mitte der 1990er Jahre schrieb Sorkin die mittlerweile legendäre Serie „The West Wing“. Die spielte im Beraterstab des Weißen Hauses und war gleich auf zwei Ebenen stilbildend. Erstens war sie diee erste aus jener neuen Generation von TV-Serien, die mittlerweile weltweit Furore machen: mit komplexen Charakteren, langem erzählerischem Atem und intelligenten, schnellen Dialogen.

Zweitens strahlte „The West Wing“ in die wirkliche Politik hinein – indem die Serie das Bush-Amerika inhaltlich auf Wende vorbereitete. Dass sich die Amerikaner im Fernsehen, in „The West Wing“ nämlich, daran gewöhnten, einen Latino als Präsident zu haben, ebnete wohl erst den Weg dafür, dass der wirkliche Barack Obama die Wahl gewinnen konnte.

Sorkin hat also ein recht feines Sensorium dafür, in welche Richtung sich sein Land entwickelt. Doch diesmal, mit seinem „Newsroom“, blickt er nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit.

Souverän und selbstsicher sitzt Will McAvoy immer noch auf deinem Sessel vor der Rotlichtkamera. Er ist hundemüde, seit 16 Stunden schon im Dienst, aber da ist plötzlich ein Flugzeug in einen Turm des World Trade Centers geflogen, und jagt einen neuen Adrenalinschub durch seine Blutbahn. „Wir wissen nicht, wer uns angegriffen hat, wir wissen nicht, was morgen passieren wird, ich weiß nicht einmal, was ich hier tue“, sagt Will mit fester Stimmer. „Ich verspreche euch bloß eines: Ich werde die ganze Nacht hier sein. Ich gehen nirgendwo hin, ich bleibe.“

Wahrscheinlich sollte das beruhigend klingen. Wie bei einem Hirten, der seine Schäfchen beschützt. Wie bei einem gütigen Fürsten, der fest davon überzeugt ist, dass seine  Untertanen ohne seine Führung und seinen unfehlbaren Orientierungssinn heillos verloren sind. Doch nach allem, was wir inzwischen über die Alpha-Tiere wissen, ahnen wir: Genau hier liegt das Problem.

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