Eine lehrreiche Erkenntnis aus dem Auslandsurlaub: Wie hartnäckig Klischees sein können, und wie tief sie sich in die Populärkultur eingebrannt haben

Presse-Kolumne

Es ist hilfreich zu wissen, welcher Ruf einem vorauseilt. Präziser formuliert: Welche Klischees Menschen in anderen Ländern vor Augen haben, wenn sie erfahren, woher man kommt. Es dauerte eine Weile, bis sich unter Österreichern herumsprach, dass das Bild, das sich Amerikaner und Ostasiaten von ihnen machten, in den Siebzigerjahren von einem einzigen Film geprägt war: „Sound of Music“. Hierzulande war die rührselige Geschichte der Salzburger Familie Trapp, die den ganzen Tag in Dirndln  über die Wiese läuft und im Chor Lieder über „Shnitzel with Noodles“ singt, beinahe unbekannt.

Nach etwa zwei Stunden Filmhandlung – die sich wie sieben anfühlen – fliehen die Trapps vor den Nazis, zu Fuß über die Berge, und weiter nach Amerika. Was einen nahtlosen Übergang zu jenem Österreich-Bild ermöglichte, das ab den Achtzigerjahren dominierte: Heimat unverbesserlicher Nazis zu sein. Zeigte man damals seinen Reisepass, wurde man meist mit einem Blick geprüft, in dem man sofort den Nazi-Detektor erkannte. Was diese Person, die sich Österreicherin nennt, wohl über Waldheim denkt? Über Hitler? Und über die Juden?

Spiegelverkehrt erging es einem in arabischen Ländern. Sobald man sich dort als Österreicherin zu erkennen gab, folgte häufig ein vielsagendes Grinsen. Eine Art klammheimliche Übereinkunft, die sich wohl auf dieselbe Gedankenkette (Waldheim-Nazis-Juden-Israel) bezog. In beiden Fällen fühlte man sich gründlich missverstanden. Und spürte den inneren – allerdings selten ausgelebten – Drang, hinzuzufügen: „Österreich und Nazis – das ist nicht dasselbe! Zumindest nicht, was mich betrifft!“

Kurt Waldheim ist nun seit sechs Jahren tot, das Nazi-Image des Landes ein wenig verblasst (und wird bloß noch von Christoph Waltz aufgefrischt, wenn er ab und zu eine einschlägige Rolle in Hollywood bekommt). Doch die Eh-Schon-Wissen-Blicke gibt es noch immer. Österreicher, das sind nun die Sonderlinge mit tiefen Kellern, in denen sie böse, böse Dinge tun. Wie nachhaltig sich Josef Fritzl und Wolfgang Priklopil in die Fremdwahrnehmung der Nation eingebrannt haben, ahnt man, wenn man sich neuere Filme anschaut. „Top of the Lake“ etwa, eine großartige TV-Serie von Jane Campion.

Im düsteren Ort an einem neuseeländischen  See, wo die Serie spielt, verschwindet ein zwölfjähriges Mädchen. Sie ist schwanger, doch niemand weiß, von wem. Nachbarn, Eltern, Polizei, sie alle vermuten ein Gewaltverbrechen. Doch es gibt keine Spur. Bloß einen logischen Verdächtigen: einen Eigenbrötler mit dem Namen Wolfgang Zanic. Er lebt in einer notdürftig zusammengezimmerten Hütte im Wald. Wolfgang spricht englisch mit hartem Akzent. Im Ort ist er bekannt dafür, dass er Kinder und Jugendliche zu sich ins Haus zum Singen einlädt. Er machte von den Kindern Fotos und Videoaufnahmen: In Dirndln tanzen sie da singend über die Wiese. Wie seltsam, wie pervers ist das denn?

Wolfgang Zanic ist ein behördenbekannter Pädophiler. „Hat er einen Keller?“ lautet die wichtigste Frage des Ermittlerteams. Ziemlich bald erhängt sich der Verdächtige an einem Baum. Müßig zu erwähnen, dass Zanic selbstverständlich Österreicher ist.

Die gute Nachricht für Österreich: Waldheim ist vergessen. Die schlechte: „Sound of Music“ hat sich mit den Sexualstraftaten der jüngeren Vergangenheit zu einer toxischen Mischung amalgamiert. Und die vergisst so schnell keiner.

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