Der amerikanische Präsident reiste kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Deutschland. Was er dabei sah und erlebte, kann man jetzt nachlesen

Eine Rezension für den Falter

Biographien bedeutender Persönlichkeiten machen meistens mehr Sinn, wenn man sie von hinten nach vorne liest. Schließlich muss man wissen, wie ein Leben am Ende ausgeht, um allem, was vorher passiert ist, rückwirkend Sinn einzuhauchen. Bei Persönlichkeiten, die ein gewaltsames Ende nehmen, wirkt dieses Phänomen umso stärker. Weil einer Gewalttat immer etwas Schicksalhaftes anhaftet, und es für Menschen immer sehr schwer zu akzeptieren ist, dass hierbei bloß Zufall am Werk sein könnte.

John F. Kennedy ist für diesen Mechanismus eines der besten Beispiele. Sein früher Tod hat ihn zum Popstar werden lassen. Seit am 22. November 1963 in den Straßen von Dallas die tödlichen Schüsse fielen, existiert ein John-F.-Kennedy-Image, das sich von seinen tatsächlichen Leistungen als amerikanischer Präsident beinahe völlig losgelöst hat. Im Vorfeld des 50. Jahrestags dieser Gewalttat gibt es daher Dutzende Neuerscheinungen, die versuchen, ihn neu auszuleuchten – immer auf der Suche nach einem bislang unentdeckten roter Faden, der wenigstens einige der disparaten Teile dieses Lebens zusammenhält.

Das Buch „Unter Deutschen“ ist so ein Versuch. Es war bisher nämlich kaum bekannt, dass John F. Kennedy zu drei ganz wichtigen Zeitpunkten der deutschen Geschichte hier vor Ort war, sogar ganz nah dran am Puls des politischen Geschehens: Im Sommer 1937 machte er, ganz abenteuerlustiger Schnösel aus reichem Haus, eine ausgedehnte Europareise (die ihn auch durch Österreich führte): Zwei junge, fesche Harvard-Studenten im Cabrio, in Begleitung eines nach einem Botschaftssekretär benannten Dackels, die zahlreiche Damenbekanntschaften machten. Im August 1939, unmittelbar vor Kriegsbeginn, kam Kennedy in halboffizieller Mission wieder, um seinen Onkel, damals amerikanischer Botschafter in Großbritannien, auf einer diplomatischen Mission nach Polen zu begleiten. 1945 schließlich, unmittelbar nach der Kapitulation der Nazis, reiste er dann als Korrespondent für das „International News Service“ durchs besiegte, zerstörte, ausgebombte Land.

All das fügte sich erst in jenem Moment zu einem großen sinnstiftenden Puzzle zusammen, als er 1963 als Präsident an der Berliner Mauer stand und seinen berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ sprach. Auf einem Zettel, der in diesem Buch abgebildet ist, sieht man, wie er ihn für seine Rede phonetisch notierte: „Ish bin ein Bearleener“.

Die bisher unveröffentlichten Briefe und Tagebücher enthalten einiges Erhellendes. In Österreich etwa, berichtet Kennedy 1937, „gilt es als Schande ein Bad zu nehmen“, in Deutschland hingegen „scheinen die Frauen anständig zu sein“, und die eben von Hitler erbauten Autobahnen seien „die besten Straßen der Welt. In Deutschland allerdings unnötig, da hier kaum Verkehr ist, in den USA dagegen wären sie großartig, da es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.“ Der heiter-interessierte Tonfall, mit dem Kennedy Nazi-Deutschland mustert, drängt einem die Frage auf, die sich schon so viele Zeitzeugen haben stellen lassen müssen: Wieviel von dem Unheil, das hier heraufdämmerte, hätte man zu diesem Zeitpunkt schon ahnen können, ahnen  müssen?

Nicht viel, zeigt Kennedy. Er ist nicht weiter beunruhigt: „Ich komme zu dem Schluss, dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.“ Na dann. Allerdings beschäftigt ihn bereits jetzt eine Problemstellung, an der sich die politische und die wissenschaftliche Zunft erst Jahrzehnte später abarbeiten würden: „Was sind die Übel des Faschismus im Vergleich mit dem Komunismus?“

Näher am Alltagsleben sind Kennedys Beobachtungen aus der Nachkriegszeit. „Es gibt kein einziges Gebäude, das nicht ausgebrannt ist“, berichtet er aus Berlin. „In manchen Straßen ist der Gestank der Leichen überwältigend – süßlich und ekelerregend. Die Menschen haben vollkommen farblose Gesichter – gelbstichig, mit blassbraunen Lippen. Alle tragen Bündel mit sich herum. Wohin sie unterwegs sind, weiß wohl keiner. Sie schlafen in Kellern. Die Frauen würden für Essen alles tun.“ Er erzählt, wie „willfährig“ die Deutschen immer noch seien, „wenn es darum ging, Weisungen entgegen zu nehmen“, und meint anerkennend: „Wenn man durchs Land fährt, fallen einem die endlosen Baumreihen auf, alle ordentlich in Gruppen unterschiedlicher Größe angeordnet. Bäume werden offensichtlich als ein Anbauprodukt wie Getreide betrachtet. Für den Naturschutz könnten wir uns daran ein Beispiel nehmen.“

Das besiegte, gedemütigte Deutschland haben andere Berichterstatter ebenfalls  beschrieben, einige mit deutlich schärferem Blick und präziseren Worten; die britische Teufelsreporterin Martha Gellhorn etwa, oder Saul K. Padover, der für die Abteilung für psychologische Kriegsführung arbeitete und in Deutschland hunderte Interviews führte. Aber die blieben ja auch Reporterin oder Wissenschaftler, statt Präsidenten zu werden.

Nüchtern betrachtet, kann man sagen: Nur dass John F. Kennedy eben John F. Kennedy war (und wie John F. Kennedy ausschaute), gibt diesem Buch sein Gewicht. Gemessen an dem, was drinsteht, ist „Unter Deutschen“ etwas zu schwer, das Papier etwas zu glänzend, die Schrift etwas zu groß. Aber so ist das wohl immer mit Menschen, deren Strahlkraft die ihnen zugedachte Nische in den Geschichtsbüchern sprengt. Und mit Popstars sowieso.

 

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