Welche Kinder haben die Parteien im Kopf, wenn sie Schulpolitik machen? Und in wessen Interesse handeln sie? Eine Analyse für den Falter

Dragan

Er wohnt im Gemeindebau. Seine Mutter steht morgens früh auf. Sie arbeitet als Pflegerin, als Küchenhilfe, in einem Supermarkt oder in einer Fabrik. Vielleicht hat sie einmal größere Ambitionen gehabt – aber sie hat bloß einen Pflichtschulabschluss geschafft, jung geheiratet und Dragan früh gekriegt. Womöglich ist sie inzwischen schon wieder geschieden und muss jeden Monat drum kämpfen, dass sie von ihrem Ex-Mann Alimente kriegt. Sie strengt sich an. Sie kämpft. Sie muss jeden Euro zweimal umdrehen, und manchmal ist sie, wenn sie nach der Arbeit noch schnell zum Einkaufen hetzt, mit den Nerven ziemlich am Ende. Doch Dragan soll es einmal besser gehen. Er soll eine ordentliche Ausbildung bekommen. Und seine Mutter ist froh über jede Hilfe, die sie dabei kriegen kann.

Die SPÖ hat Kinder wie Dragan im Kopf, wenn sie ihre Bildungspolitik macht – und Wählerinnen wie Dragans Mutter. Familien, die es nicht leicht haben, mit wenig Zeit, wenig Geld und wenig sonstigen Ressourcen. Menschen, die nicht täglich unter vielen Optionen wählen können, sondern bloß unter ganz wenigen. Der Staat ist in der Sichtweise der SPÖ dafür zuständig, sich zu kümmern. Solchen Menschen Entscheidungen abzunehmen, und ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, auf die sie – auf sich allein gestellt – nicht gekommen wären.

Dieses Denken wurzelt in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, als man die Kinder der Arbeiterklasse an all das heranführen wollte, was bis dahin nur die Bourgeoisie genossen hatte: Licht, Luft, Bildung, Sport, Bücher, Musik, Hochkultur. Da Arbeiterkinder daheim normalerweise keine Bibliothek, kein Studierzimmer, keinen Tennisplatz, kein Klavier und keine französischsprachige Gouvernante haben, soll die öffentliche Schule diese Ressourcen zur Verfügung stellen. Für alle Kinder die gleichen, idealerweise kostenlos. Die öffentliche Gesamtschule, mit über den ganzen Tag verteilten Unterrichts- und Freizeitstunden, ist in dieser Sichtweise die ideale Schulform.

Wenn Dragan in eine solche Schule geht, hat seine Mutter ein paar Sorgen weniger am Hals. Wenn sie Frühschicht hat, kann sie Dragan in die Frühbetreuung bringen, Mittags gibt es eine warme Mahlzeit,  in den Ferien einen Hort, der Kostenbeitrag dafür wird nach Einkommen gestaffelt. Was die vielfältigen Möglichkeiten der globalisierten Bildungsgesellschaft betrifft, hat Dragans Mutter nicht den Überblick. Vielleicht fehlen ihr dafür die Sprachkenntnisse, vielleicht bloß die Insiderinformationen. Bei den Hausaufgaben kann sie ihm nicht helfen, weil sie sich weder bei der Integralrechnung noch bei den Lateinvokalbeln auskennt, und Nachhilfestunden kann sie sich nicht leisten.

Solche Eltern zögern manchmal, ihr begabtes Kind ins Gymnasium zu geben, sogar gegen den Ratschlag der Lehrerin – weil sie fürchten, es werde dort ohne elterliche Unterstützung womöglich nicht mithalten können. Doch in der gemeinsamen Mittelstufe, hofft die Mutter, können Dragans Talente erkannt werden. Dort wird ihm jemand einen Weg weisen, den sie allein nicht gefunden hätte. Und je mehr Zeit er in der Schule verbringt, statt daheim allein an der Spielkonsole zu sitzen, desto besser.

Wenn die SPÖ von „Chancengleichheit“ und „Bildungsgerechtigkeit“ spricht, dann meint sie genau das: Dass es nicht vom sozialen Status der Eltern abhängen darf, wie viel Bildung ein Kind bekommt. Dass die Schule dafür da ist, die Unterschiede, die die Kinder von daheim mitbringen, auszugleichen. Es soll auf Dragan ankommen, nicht auf Dragans Eltern.

Katharina

Dass es nur auf das Kind ankommt, und nicht auf die Eltern: Genau mit dieser Idee haben Konservative ein Problem. Ihr Mantra heißt „Leistung“, doch sie meinen damit  häufig die Leistung der Eltern: Deren ureigene Aufgabe nämlich sei es, ins Fortkommen ihrer Kinder Zeit, Liebe, Geld und Ressourcen zu investieren. Und wenn sie das gut machen, sollen sie dafür belohnt werden.

Katharinas Eltern fühlen sich gemeint, wenn die ÖVP von „Familie“ spricht, von „Werten“, „Stabilität“ und „Geborgenheit“. Sie glauben fest daran, dass sie all das besser herstellen können als der Staat, und reagieren allergisch, wenn man versucht, sie dabei zu bevormunden. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, und dafür auch materielle Opfer zu bringen.

Katharinas Vater ist vielleicht Unternehmer, leitender Angsteller oder Beamter. Ihre Mutter hat zu arbeiten aufgehört, um dem Kind täglich zwei warme Mahlzeiten kochen zu können. Man hat viel Energie drauf verwendet, eine Schule auszuwählen, wo Katharina in der richtigen Gesellschaft ist; um den Preis, dass man dafür täglich durch die halbe Stadt fährt. Nachmittags setzt sich die Mama zu ihr an den Küchentisch, macht mit ihr die Hausaufgaben, prüft die Englischvokabel ab, und abends schreibt sie noch das Protokoll für den Elternverein.

Dass sich all diese Mühe auszahlt – das finden die Eltern nur gerecht. Denn wenn es Katharina am Ende auch nur so weit brächte wie Dragan – wofür hätte man sich dann dermaßen angestrengt? Ihr Wettbewerbsvorteil schlägt natürlich umso stärker durch, je weniger Zeit Katharina in der Schule verbringt. Je mehr private Eigenleistungen erbracht werden müssen, desto besser für sie. Logisch, dass ihre Eltern die Ganztagsschule ablehnen, die bis vor kurzem noch als „Zwangstagsschule“ bezeichnet und auf ÖVP-Plakten mit Mauern und Stacheldraht dargestellt wurde.

Auch auf „Wahlfreiheit“ bestehen Katharinas Eltern: Sie wollen allein entscheiden, welche Schule die richtige ist. Wer bessere Beziehungen und mehr Informationen hat, trifft bessere Entscheiungen – das wissen sie. Das ist ihr Startvorteil, und bürgerliche Bildungspolitik will diesen Startvorteil sichern. Wenn das Gymnasium abgeschafft wird, melden wir dich halt in der Privatschule an, sagen Katharinas Eltern. Wir können sicher sein, dass sie uns dort nehmen. Wir können es uns leisten. Wir werden es uns, im Gegenssatz zu Dragan, auch dann noch aussuchen können.

Neuerdings gibt es jedoch zwei Risse in diesem einst so geschlossenen konservativen Bildungsweltbild. Einen dort, wo die Verteidigung bürgerlicher Privilegien mit dem Wettbewerbsgedanken kollidiert: Denn ökonomisch gesehen, bedeutet es eine riesige Verschwendung von Ressourcen, wenn Dragans Talente brach liegen, bloß weil er nicht Katharinas Eltern hat. In diesem Sinn ist die  Unterstützung der Industriellenverteinigung für die Gesamtschule zu verstehen.

Der zweite Riss betrifft das traditionelle Familienmodell. Was soll denn Katharina später einmal machen, mit ihrer tollen Ausbildung, ihrem Studienabschluss? Zu Hause bleiben, wie ihre Mutter, um mit den Kindern nachmittags Hausaufgaben zu machen? Oder doch lieber einen Beruf ausüben, Geld verdienen, unabhängig sein? Auch bürgerliche Familien können zerbrechen. Spätestens an diesem Punkt wird sich Katharina, samt ihren Eltern, ebenfalls über eine Ganztagsschule mit attraktiven Freizeitangeboten freuen.

Dieses Umdenken hat die deutsche CDU in den vergangenen Jahren bereits vollzogen – die ÖVP  hingegen steckt noch mitten drin.

Ronja

Bildung wird vererbt, sagen alle Statistiken. In diesem Sinn kann für Ronja eigentlich kaum etwas schief gehen. Haben ihre grün wählenden Eltern doch ein signifikant höheres Bildungsniveau als die Anhänger aller anderen Parteien.

Paradoxerweise machen sich jene, die sich am allerwenigsten Gedanken um das schulische Fortkommen ihrer Kinder machen müssten, jedoch die allermeisten. Schon als Baby war Ronja Babyschwimmen, bekam musikalische Frühförderung und hatte eine Babysitterin, die mit ihr englisch sprach. Aber jetzt, in der Schule – Montessori oder lieber Freinet? Mehrstufenklasse oder nicht? Wieviele männliche Betreuer gibt es, sind die Fremdsprachenlehrer native Speaker, wie viele Waldausflüge werden gemacht, und gibt es ein vegetarisches Menü?

Ronja ist ein lebender Widerspruch. Ihre Eltern halten zwei Prinzipien hoch, die im Alltag kaum zusammenzubringen sind. Einerseits glauben sie an Individualismus, Selbstorganisation und alternative Freiräume – das spricht dafür, Ronja in eine selbstverwaltete Schule zu schicken, oder sich dem System gleich ganz zu verweigern. Andererseits jedoch wollen sie nicht elitär sein. Soziale Integration ist ihnen ein Anliegen, ethnische Durchmischung ebenfalls; das gibt es nur in der Regelschule. Wo man allerdings kaum ohne ein gewissens Maß an Spießigkeit und Unterordnung auskommt.

Alternative Pädagogik und gelebte Solidarität gleichzeitig – das ist für Ronja schwer zu kriegen. Unter anderem deswegen, weil das österreichsiche Bildungssystem eine Perfidie eingebaut hat: Öffentliche Schulen sind, zumindest in der Halbtagsvariante, gratis. Kirchliche Privatschulen, also Katharinas Zufluchtsorte, sind relativ billig – weil sie vom Staat großzügig subventioniert werden, der ihre gesamten Lehrerkosten übernimmt. Nicht-kirchliche, selbstverwaltete Privatschulen hingegen sind teuer, denn sie haben dieses Privileg nicht. Was Ronjas soziale Umgebung am Ende häufig noch elitärer macht als jene von Katharina.

Marcel

Es ist ein beliebter Vorwurf von FPÖ-Funktionären an die linken und liberalen Eliten: Dass diese ihre Kinder auf Privatschulen schicken, während die „einfachen Leute“ in den Regelschulen mit den Folgekosten der Globalisierung und allen Integrationsproblemen allein gelassen werden. Die Hauptrolle dieser Geschichte spielt meistens ein Bub wie Marcel. Der wohnt ebenfalls im Gemeindebau, hat einen ähnlichen familiären Hintergrund wie Dragan, und ist das einzige Kind seiner Klasse mit deutscher Muttersprache. Und weil sie genau diesen Umstand als Zumutung empfinden, wählen seine Eltern jetzt FPÖ.

Der wahre Kern dieser Geschichte besteht darin, dass Marcels Eltern wirklich Grund haben, sich um ihr Kind Sorgen zu machen. Anders als die FPÖ insinuiert, sind daran jedoch nicht die Klassenkollegen mit Migrationshintergrund schuld, die Marcel angeblich daran hindern, in der Schule etwas zu lernen. Das Problem ist, dass Marcel – anders als Katharina oder Ronja  – tatsächlich in einem Konkurrenzverhältnis zu Dragan steht, nicht nur in der Schule, sondern auch später am Arbeitsmarkt. Und wenn er nicht aufpasst – wenn er nicht intelligent genug ist, wenn er auf die schiefe Bahn kommt oder keinen Abschluss schafft – wird Dragan an ihm vorbeiziehen.

Zuwandererfamilien bringen häufig Aufstiegswillen mit, und den festen Vorsatz, sich durch widrige Umstände durchzubeißen. In den schlechteren Wohnvierteln und den sogenannten „Problemschulen“ kreuzen sich ihre Wege jedoch nicht mit aufstiegswilligen Alteingesessenen – sondern eher mit den abstiegsgefährdeten. Mit Menschen, bei denen denen sich Frust breitgemacht hat.

Marcels Eltern spüren die Bedrohung. Sie haben das Gefühl, dass sich rundherum alles zu schnell verändert, dass von ihnen zu viel verlangt wird, dass sie nicht mehr mithalten können. Ronja und Katharina sind uneinholbar weit weg. Stattdessen fühlen sie sich mit Dragan auf eine Stufe gestellt – und empfinden das als unfair. Ihr Einheimisch-Sein, ihr Österreichertum, ihre deutsche Muttersprache – all das müsse doch etwas wert sein, meinen sie. Es ist das einzige Distinktionskriterium, das sie vorweisen können. Das einzige, das Marcel mit Ronja und Katharina verbindet.

Die FPÖ-Kampagne bestärkt Marcels Eltern darin, dass ihnen eigentlich besseres zusteht. Sie verspricht ihnen, Marcels Bildungskonkurrenten ausschalten oder zumindest schwächen zu können. Indem man „Inländer“ bevorzugt behandelt. Indem man Sprachtests einführt oder Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache in eigene „Ausländerklassen“ verbannt. Indem man ganze Bevölkerungsgruppen von Sozialleistungen ausschließt, oder gleich außer Landes schafft.

All das wird Marcel zwar nicht helfen, an Ronja oder Katharina heranzukommen. Das anti-elitäre Ressentiment wird bleiben. Aber zumindest Dragan hätte er dannn vom Hals.

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