Hans Weiss holt Zeug aus seiner Recherchekiste und lässt es uns lesen. Es geht um die ÖBB.

Rezension für den Falter

Die Bahn ist grundsätzlich für ihre Passagiere da. Für Menschen, die von A nach B kommen wollen, möglichst schnell, möglichst bequem, möglichst umweltfreundlich.

Doch konkret ist die Bahn, zumindest in der österreichischen ÖBB-Variante, für alles mögliche da, ehe jemand an die Passagiere denkt. Sie dient als lukratives Betätigungsfeld für die Bauwirtschaft. Sie ist treue Abnehmerin für die Gerätschaften von Siemens und anderen Firmen, die profitable Geschäfte machen wollen. Sie ist einem Ex-Verkehrsminister zu Diensten, der sich ein paar Millionen für Inserate wünscht. Auch bei Bahnhöfen geht es nicht in erster Linie um Aufenthaltsorte für Reisende, „sondern um den Bau von Einkaufszentren. Oder um lukrative Verwertungen von ÖBB-Immobilienbesitz“, wie Hans Weiss treffend schreibt.

Aus diesem Widerspruch hätte man ein spannendes Buch machen können.

Oder auch aus diesem: Dass wir angeblich immer schneller werden, und dabei doch gleichzeitig immer langsamer sind. Die Bahn illustriert dieses menschliche Fortbewegungsrätsel sehr eindrücklich. Milliarden werden in Hochleistungstrassen und Tunnel investiert, die Beschleunigungen von Minuten oder Viertelstunden bringen. Während an anderen Stellen ganze Stunden liegen bleiben. Durch Fahrpläne, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Wegen Weisungen, langsamer zu fahren, als man eigentlich fahren könnte. Wegen zu vieler Weichen. Oder wegen sogenannter „Langsamfahrstellen“. Wenn es zu viele Langsamfahrstellen gibt, rügt das der Rechnungshof. Die Lösung à la ÖBB: Die langsamere Fahrzeit einfach in den Regelfahrplan übernehmen, dann fällt es nicht mehr auf. Zumindest niemandem außer den Passagieren.

Dieses Geschwindigkeitsparadoxon wäre ebenfalls ein gutes Thema für ein Buch gewesen. Doch wie schon beim ersten, bleibt Hans Weiss auch bei diesem auf halber Strecke stehen.

Dann wäre da auch noch die Sache mit den Lügen, die der Autor treffend benennt: Es ist ja tatsächlich eigenartig, wie viel Geheimniskrämerei rund um die ÖBB betrieben wird, und es ist unklar, warum. Die genauen Kosten für Infrastrukturprojekte bleiben häufig ebenso im Nebel wie genaue Zahlen über Zugausfälle oder die genaue Höhe der ÖBB-Pensionen. (Die Kommunikationschefin etwa bestritt gegenüber der Autorin dieser Zeilen hartnäckig, dass sich die Fahrzeit zwischen Wien und Bratislava verlängert habe – und ließ sich sogar durch Fahrpläne, die das belegen, nicht davon abbringen.)

So etwas ist völlig unnötig. Und nährt permanent den Verdacht, es gäbe bei der ÖBB etwas zu verheimlichen. Aus diesem Themenkomplex hätte man ein solides Enthüllungsbuch machen können. Aber auch das hat Hans Weiss, den Werbeversprechen seines Verlags zum Trotz, nicht ganz hinbekommen. Zu vage bleiben die Vorwürfe, zu unklar der Adressat. Planungsfehler, Privilegien, Korruption gibt es zweifellos – aber wer hat die zu verantworten? ÖBB-Eigentümer, ÖBB-Management, ÖBB-Bedienstete, die österreichische Regierung, das österreichische Parlament, die EU-Politik, irgendwelche Lobbies? Gegen wen richtet sich die Anklage, wer ist der Täter, wer das Opfer? Und wird es in den letzten Jahren besser – oder gar immer ärger?

Weiss hat viel Interessantes zusammegetragen. Er hat Bilanzen und Fahrpläne angeschaut, ist quer durchs Land gefahren, auch am Führerstand, er hat Bahnzeitungen gelesen, mit Mitarbeitern gesprochen, er warf alles, was er dabei herausfand, in seine Recherchekiste. Dann holte er aus dieser Kiste alles wieder heraus und reihte es zu einem Buchmanuskript aneinander, in eher zufälliger Reihenfolge. Manchmal ist ja schon die Form eines Textes verräterisch. Wenn jeder Absatz eine eigene Kapitelüberschrift braucht, weist das darauf hin, dass der Autor vielleicht selbst nicht recht weiß, wie er seine Geschichte zusammenhalten soll.

Unter dieser fehlenden Einordnung leidet insbesondere das Lokführer-Tagebuch, in das uns Weiss Einblick gewährt – eine detaillierte Liste jener Störungen, die alle 4000 Lokführer und -führerinnen jeden Tag melden. Es ist tatsächlich spannend zu erfahren, was unterwegs alles passieren kann: Falsche Signale, verstopfte Klos, defekte Klimaanlagen, Tiere und Steine auf den Schienen, Konflikte mit Passagieren, von Insekten verschmutzte Windschutzscheiben, Beinahe-Unfälle, Missverständnisse im Funkverkehr, Selbstmörder.

Aber ergibt die Summe all dieser Meldungen tatsächlich ein „ungeschminktes Sittenbild der ÖBB“; beweist es gar, wie die Autor meint, „dass der Unmut über die innerbetrieblichen Zustände sehr groß sein muss“? Nicht unbedingt. Vielleicht gehören solche Vorfälle schlicht und einfach zum Beruf von Lokführern. So wie Krankenpfleger, Lehrerinnen, Supermarktangestellte oder „Falter“-Redakteure Tagebücher über die Störfälle in ihrem jeweils eigenen Berufsalltag verfassen könnten, ohne damit gleich skandalöse Zustände zu enthüllen.

Hans Weiss beklagt, die ÖBB-Führung unter Christian Kern habe es nicht der Mühe wert befunden, ihm für dieses Buch ein Interview zu geben und sich mit den Lokführer-Meldungen zu befassen. Das ist in der Tat seltsam. „Spätestens dann, wenn dieses Buch erscheint, wird er wohl nicht mehr darum herumkommen, diese zu lesen“, schreibt Weiss am Ende.

Ja, das wird er wohl tun, und als Insider wird er die Informationen, die er bekommt, auch richtig einzuordnen wissen. Leser von außerhalb des Betriebs lässt das „Schwarzbuch ÖBB“ allerdings etwas ratlos zurück.

 

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