Bücher fordern das Bestehende heraus. Sie schärfen den Sinn dafür, was alles möglich ist. Deswegen haben sie mächtige Feinde.

Presse-Kolumne

„Boko Haram“ heißt die berüchtigte radikalislamistische Miliz im Nordern Nigerias. Das Wort „Boko“ leitet sich vom Wort „book“ her, aus der Sprache der ehemaligen britischen Kolonialmacht. „Bücher sind unrein“, lautet der Schlachtruf der Kämpfer, ihr Feldzug hat in den vergangenen vier Jahren mindestens 3600 Todesopfer gefordert. Sie zünden Schulgebäude an, werfen Handgranaten in Klassenzimmer, ermorden und entführen Lehrerinnen und Lehrer, gehen mit Macheten auf Kinder los. Erst Ende September wieder, in der nordostnigerianischen Stadt Gujba: Dort stürmten sie in der Nacht den Schlafsaal einer landwirtschaftlichen Fachschule, trieben die Schüler zu kleinen Gruppen zusammen, liquidierten dann einen nach dem anderen. Am Ende lagen da 40 Leichen.

Bücher sind Sünde: Dieser Überzeugung sind auch die pakistanischen Taliban, die vor genau zwei Jahren der damals 14jährigen Malala Yousafzai drei Kugeln in den Kopf jagten. Yousafzai ist inzwischen in London in Sicherheit, wurde mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet, und zieht mit ihrer Botschaft um die Welt: „Bücher und Stifte sind unsere gefährlichsten Waffen“, sagt sie. „Sie können die Welt verändern.“

Sehr weit weg erscheint einem dieser existenzielle Kampf, Bücher lesen zu dürfen, aus mitteleuropäischer Perspektive. In Frankfurt, wo vergangenes Wochenende die Buchmesse zur Ende ging, wälzten sich 276.000 Besuchern an den Ständen von 7300 Ausstellern vorbei. In Europa wird niemand mit Gewalt vom Lesen abgehalten, im Gegenteil: Mit riesigen Marketingbudgets drängt man uns immer mehr, immer neue Bücher auf. 80.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen gibt es jedes Jahr.

Doch es ist gar nicht lang her, dass auch bei uns Bücher als Sünde galten – zumindest jene, in denen das falsche drinstand. Die katholische Kirche führte einen Index verbotener Bücher, deren Lektüre mit Exkommunikation bestraft wurde. Die Liste umfasste 6000 Titel. Die Werke von Kopernikus und Galileo Galilei standen bis 1822 drauf, später Werke von Balzac, Voltaire, Heinrich Heine, Immanuel Kant oder Jean-Paul Sartre; ein wirklich gefährliches Buch wie Hitlers „Mein Kampf“ hingegen nie. Erst 1965 wurde der päpstliche Index abgeschafft.

Woher kommt sie, die Angst der Mächtigen vor Büchern? Sie hat gute Gründe.

Ein Buch weist nämlich stets über das hinaus, was ist. Wer Buchstaben liest, begibt sich auf ein abstraktes Niveau und entfernt sich aus der konkreten physischen Umgebung. Anders als die mündliche Überlieferung, die immer einen menschlichen Erzähler braucht, kann ein geschriebener Text in geschlossene Systeme eindringen. Es kann über Grenzen geschmuggelt, versteckt, von Hand zu Hand oder online weitergereicht werden. Er verrät dem Lesenden, dass die Art zu leben, die er kennt, nicht die einzig mögliche ist. Dass die Autoritäten, die einem aus der Nähe als absolut erscheinen, woanders womöglich gar nichts zu sagen hätten. Und dass man immer auch nach anderen Regeln leben kann.

Lesen relativiert. Deswegen ist es subversiv. In feudalen Gesellschaften beäugten die Mächtigen stets mit Misstrauen, wenn die dienende Klasse Büchern zu nahe kam. Was maßt der Knecht sich an, seinen Kopf zu gebrauchen? Hat der mit seinen Händen nichts Anständiges zu tun? Mädchen warnte man, vom Lesen kriege man Flausen im Kopf, werde unglücklich, unzufrieden und verschrecke potentielle Ehemänner. Unter den Taliban materialisierte sich dieses Denken gar auf dem Heiratsmarkt: Ein Mädchen, das lesen konnte, war dort weniger wert als ein ungebildetes. Weil bei einem lesenden Mädchen die Gefahr größer ist, dass es aufsässig wird, Forderungen stellt, oder gar davonläuft.

Eben erschien Malalas Buch („Ich bin Malala“), in 27 Ländern gleichzeitig. Hier wird die Autorin von einer Marketingkampage unterstützt, von den Taliban als „Provokateurin“ diffamiert. Aber man kann es lesen. Zumindest hier.

 

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