„Wiener Typen“ gibt es heute wie vor 120 Jahren: Sie leben und arbeiten unter prekären Bedingungen und bieten auf der Straße ihre Dienste an.

Presse-Kolumne

Im Wien Museum ging eben die wunderbare Ausstellung „Wiener Typen“ zu Ende. Sie stellte uns Menschen vor, die zum fixen Inventar der k.-u.-k.-Residenzstadt der Jahrhundertwende gehörten: den Dienstmann und das Wäschermädel, die Lavendelverkäuferin und den Aschenmann. All diesen Typen hängt aus heutiger Sicht etwas Nostalgisches, Klischeehaftes an. Doch damals waren sie Menschen aus Fleisch und Blut, die hart schufteten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in einer geschäftigen, rasch wachsenden Millionenmetropole.

Nach Jahrzehnten des Stillstands ist Wien heute wieder eine geschäftige, rasch wachsende Millionenmetropole, und es lohnt sich, das Thema in die Gegenwart weiterzudenken. Wer wären die „Wiener Typen“ von heute? Wer macht heute deren Arbeit, wem gehört der öffentliche Raum, wer prägt das Straßenbild?

Einen der damaligen Typen gibt es heute noch – den Fiaker. Seine Funktion als Dienstleister im Alltagsverkehr hat er inzwischen an den Taxler weitergegeben; was den rauen Umgangston und das Verkehrsverhalten betrifft, gibt es bei ihm jedoch kulturelle Kontinuitäten. Auch der Maronibrater lebt noch. Der Brezelverkäufer nicht mehr (seine Funktion haben Anker, McDonalds, Kebapstände und Nudelshops übernommen). Ähnlich wie einst die Lavendelfrau ihre Duftsträußchen feilbot, ziehen heute die Rosenverkäufer durch die Lokale.

Der halbwüchsige Zeitungsbursch von einst, der auf der Kreuzung die Schlagzeilen ausrief, wich in den Siebzigerjahren dem ägyptischen oder indischen Kolporteur. Seit man sich die Gratiszeitungen aus den Entnahmeboxen holt, schwindet dessen Bedeutung jedoch rapide. An seiner Stelle radelt der – oft aus Pakistan stammende – Zeitungsausträger frühmorgens durch die Finsternis, um die Abonnements zuzustellen. Seine Kollegen verteilen Werbezettel an den Haustüren. Asylwerber und Obdachlose verkaufen die Straßenzeitung „Augustin“.

Statt des Wäschermädels macht heute die polnische Putzfrau die Wäsche, das Bügeln gleich dazu. Weil sie dafür, anders als früher, das Haus nicht verlassen muss, kriegt man ihre Arbeit in der Öffentlichkeit kaum mit. Deutlich sichtbar hingegen sind die Veränderungen in der Demographie. In den Parks, wo einst die böhmischen Kinderfrauen den bürgerlichen Nachwuchs spazieren führten, drehen heute die slowakischen 24-Stunden-Pflegerinnen ihre Runden, Seite an Seite mit alten Leuten am Rollator oder im Rollstuhl. Bei schönem Wetter, zumindest.

Die „Wiener Typen“ von damals und heute haben, ökonomisch gesehen, vieles gemeinsam. Meistens sind sie selbstständig, arbeiten auf eigenes Risiko, mit eigenem Arbeitsgerät, oder Waren, die sie vorher selbst kaufen müssen. Ihren Auftrag bekommen sie informell, ohne schriftlichen Vertrag – wenn es Konflikte gibt, sitzt meistens der Auftraggeber am längeren Ast, und sie fallen um ihr Geld um. Sie leben prekär – auf Untermiete, in Wohngemeinschaften, bei ihren Arbeitgebern, oft weit weg von ihren eigenen Familien. Oft befinden sie sich in einer Umbruchssituation.  Sind auf der Suche. Hoffen auf einen Neuanfang woanders, oder darauf, irgendwann heimzugehen, wenn sie genug Geld gespart haben. Häufig dauert dieser Zwischenzustand länger als geplant. Manchmal endet er nie.

Ein bisschen Misstrauen der Etablierten begleitet solche Menschen auf Schritt und Tritt. Sie „schädigen die öffentliche Sicherheit, sind ein Gesindel, verleiten junge Leute zum Ankauf unnötiger Waren und Liederlichkeit“, hieß es schon vor hundert Jahren über die Hausierer. Damals wie heute gehören sie nicht hundertprozentig dazu. Der Überlebenskampf zwingt sie zwar, ihre Dienstleistungen sichtbar anzubieten – gleichzeitig jedoch leben sie in ihren Nischen. Unauffällig, allgenwärtig und permanent verfügbar.

Wien wäre nicht Wien, ohne sie. Damals nicht, und heute ebensowenig.

 

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