Sie fühlen sich provoziert, missverstanden, von Besserwissern belehrt und von den Frauen ausgebremst. Sie wählen FPÖ.

Eine Falter-Reportage, gemeinsam mit Ruth Eisenreich und Konstantin Vlasich

Gäbe es nur Strache-Wähler wie Alexander, es wäre alles ganz einfach. Alexander steht in Floridsdorf am Franz-Jonas-Platz von dem McDonalds, ein dünner Bursch, 17 Jahre alt, solariumgebräunt. Er trägt eine schwarze Adidas-Jacke, Armyhose und Baseballkappe. Die Haare hat er ganz kurz rasiert, die Augenbrauen zu einer schmalen Linie gezupft, und er mag keine Ausländer. „Die kommen her, wollen nix arbeiten, und kriegen gleich die Staatbürgerschaft.“

Alexander arbeitet nichts. Er hat Automechaniker gelernt, ist aber derzeit ohne Job. Freundin hat er auch keine. Er will „raus aus der EU“, mag keine „Sozialschmarotzer“, ansonsten hat er mit Politik nicht viel am Hut. Nach Lebenszielen gefragt, fällt ihm „in der Hängematte liegen“ ein. Und, nach längerem Nachdenken: „Ein großes Haus, ein paar Autos, Frauen – ich schätz mal, wenn man Geld hat, kommen die von selbst.“

Ein Modernisierungsverlierer, politisch desinteressiert, perpektivlos, privat frustiert: So kennt man den FPÖ-Wähler aus den Medien. Er wohnt in einem klassischen Arbeiterbezirk – Simmering, Favoriten oder Floridsdorf -, und stammt aus einem Milieu, das vor ein, zwei Generationen noch selbstverständlich SPÖ gewählt hat. Damals glaubte er an eine bessere Zukunft. Jetzt glaubt es an gar nichts mehr.

Doch Alexander allein kann es nicht sein. Wie ist es möglich, dass die FPÖ speziell bei den jüngeren Männern auf 30 Prozent kommt, bei Frauen hingegen nur auf neun? Dürften in Österreich ausschließlich junge Frauen wählen, hätte Rot-Grün eine eine rot-grüne Mehrheit. Dürften nur junge Männer wählen, gäbe es einen stramm rechten Überhang. Wie ist dieses extreme Auseinanderklaffen zu erklären? Hat es persönliche Gründe oder gesellschaftliche? Hat es vielleicht etwas mit dem Mann-Sein zu tun?

Um das herauszufinden, fährt man am besten in ein Biotop junger Männer, die Berufsschule am Wiener Margeretengürtel. „Mollardburg“ wird das riesige weiße Jugendstilgebäude genannt, es thront tatsächlich wie eine Trutzburg über der Wienzeile. Kaiser Franz Joseph gründete die Schule vor mehr als hundert Jahren, weil „kein Schmied Analphabet bleiben darf“. 4500 Schüler kommen heute einmal die Woche hierher, um zu lernen, an den anderen Tagen arbeiten sie in ihren Betrieben. Sie sind Installateur, Schlosser, Elektrotechniker, Glaser oder IT-Techniker. Die allermeisten von ihnen sind Burschen.

Gerade ist es zwölf Uhr Mittag, und sie tröpfeln heraus auf den Gürtel: 16, 17, 18jährige, Kapuzenjacken, Turnschuhe, hängende Schultern, Akne, elastische Kniegelenke. In kleinen Grüppchen stehen sie beisammen, beobachten einander an der Ampel aus den Augenwinkeln, suchen Nähe oder Distanz, ehe sie lässig über den Zebrastreifen hinüberschlendern, durch den Bruno-Kreisky-Park in Richtung Burger King.

Eine fünfköpfige Gruppe fläzt sich gleich beim asiatischen Nudelshop auf die Plastiksessel: Christoph, der andere Christoph, Markus, Sebastian, Dominik. Der Schmäh rennt. „Dass wir mit Stäbchen essen, musst du unbedingt schreiben, ausländerfeindlich können wir also gar nicht sein“, scherzen sie. Eben, beim Hinsetzen, hatten die meisten von ihnen noch gesagt, sie hätten Stronach gewählt. Aber jetzt, wo der erste Heißhunger gestillt ist, ist es okay, mit der Wahrheit herauszurücken: nicht Stronach, sondern Strache, gibt Dominik zu. Warum sie das nicht gleich gesagt hätten? „Weil die Leute dann immer gleich glauben, man ist ein Trottel oder ein Nazi“, sagt er.

Es ist Dominik wichtig zu betonen, dass er kein Trottel ist. Kein Nazi. Und auch kein Prolet. Er ist schon 19, der älteste der Gruppe, wohnt in Ebreichsdorf, seine Eltern besitzen dort eine Firma , die Kassensysteme für die Gastronomie herstellt. In ein paar Jahren soll Dominik den Betrieb übernehmen, wenn die Eltern auf Reisen sind, führt er ihn auch jetzt schon. Bis Mitternacht arbeiten, wenn’s notwendig ist, sich reinbeißen, lieber mit Zeitarbeitern als mit Angestellten – so mache man das als Unternehmer, erklärt Dominik selbstbewusst. Man kriege ja nichts geschenkt. Doch es zahle sich aus: „Ich hab mir grad ein neues Auto gekauft. Es ist schon mein zweites.“

Seinen Klassenkollegen Christoph und Christoph geht es maßlos auf die Nerven, wenn jemand versucht, FPÖ-Wähler zu belehren. Dann gibt es Streit. Früher schon, in der Sportmittelschule, „wo lauter SPÖ-Lehrer waren, die versucht haben, uns anzuagitieren.“ Jetzt in der Berufsschule ebenfalls, „da haben sie uns schon eine asoziale Klasse genannt, weil wir uns nix gefallen lassen.“ Die Lehrerin für politische Bildung nervt ganz besonders: Eine Frau Ende vierzig – „wollen Sie den Namen wissen?“ – „die kommt immer mit so Geschichten, wo sie uns nachweisen will, dass der Strache Blödsinn sagt. Aber dann schau ich im Internet nach und komm drauf – er hat eh Recht! Und wenn ich das in der Klasse laut sag, krieg ich schon wieder einen Verweis!“

„Die Hater“ nennen die Burschen solche Leute – die alten in der Elterngeneration, und die jungen, die sich jedoch seltener als die alten aus der Deckung trauen. Hier, auf dem Platz vor der Schule waren „die Jungsozen“ offenbar eben erst unterwegs: auf der Litfasssäule gleich neben dem Nudelshop kleben frische „Keine Stimme für den Rassismus!“-Plakate. Auf Facebook, wenn Politisches gepostet wird, mischen sie sich manchmal mit Meldungen wie „Scheiß Nazis!“ ein. Nur leibhaftig zu sehen kriege man sie selten, sagt Christoph.

Greifbar sind hingegen die türkischen Klassenkollegen. Auch von denen fühlt er sich provoziert, immer schon. „Ich hab bös geschaut, da haben sie mich nachher abgepasst. In der Schule trauen sie sich ja nicht, aber draußen stehen sie dann immer gleich zu sechst da.“ Nein, länger geredet habe man miteinander noch nie, weder über die Arbeit, noch über Politik, noch über Autos. Man verstehe einander ja nicht  („die brüllen immer nur in ihrer Sprache durch die Klasse, da kriegst Kopfweh“). Man sieht einander nur einmal in der Woche. Da reicht die Energie gerade einmal, um die Territorien zu markieren.

Wer wen ausgrenzt, ist auf dem Platz am Margaretengürtel zwar nicht ganz klar. Doch wenn Heinz-Christian Strache vom Aus- und Abgrenzen redet, fühlen sich die Burschen angesprochen. Genau das tun sie jeden Tag.

Den 18jährigen Konstantin haben solche Revierkämpfe schon zum FPÖ-Jugendfunktionär gemacht. Der HAK-Schüler macht heuer Matura. Er schaut aus wie Ryan Gosling, trägt keinen Kapuzensweater, sondern ein adrettes Hemd, die Haare hat er nach hinten gegelt, das Titelbild seiner Facebook-Seite ist eine österreichische Fahne. Seine Eltern sind beide Lehrer; was sie wählen, verrät Konstantin nicht. Er jedenfalls ist heute stellvertretender Obmann des Rings freiheitlicher Jugend im Burgenland.

„Deutsch als verpflichtende Pausensprache“ war sein großes Thema in der Schule: „Es darf doch nicht sein, dass man am Schulhof steht und rundherum nichts versteht!“, sagt er. „Man soll sich als Österreicher nicht wie eine Minderheit fühlen müssen!“ Als Strache bei seiner TV-Debatte gegen Kanzler Faymann das Taferl mit dem angeblich türkischsprachigen SPÖ-Plakat herauszog, war Konstantin fassungslos: „Wie kann eine österreichische Partei so etwas tun?“ Heimatliebe, Nächstenliebe – diese Worte gefallen ihm. Da fühlt er sich gemeint.

Die Grünen findet Konstantin prinzipiell nicht schlecht. An ihren Inhalten hätte er kaum etwas auszusetzen. Wäre da nicht Eva Glawischnig, bei der es ihm die Haare aufstellt. „So unsympathisch!“, sagt er. „Die will immer die Gescheiteste sein!“ Die Burschen vor der Mollardburg teilen diese abgrundtiefe Abneigung. „Wenn die schon den Mund aufmacht, krieg ich Zustände“, wirft einer von ihnen verachtungsvoll in die Runde. Ähnlich heftig empfindet er sonst nur, „wenn ich einen Radfahrer seh. Den überholst du, und bei der nächsten Ampel steht er schon wieder da! Da kannst echt einen Hass kriegen!“

Womit wir beim Lieblingsthema der Burschen sind: bei den Autos. Beim Verkehr. Und bei Politikern, die auf den Autobahnen die Geschwindigkeit beschränken, Fußgänger auf die Fahrbahn der Mariahilferstraße lassen, und Autofahrer angeblich überhaupt aus der Stadt verbannen wollen. Schon wieder geht es um Revierkämpfe. Schon wieder fühlt man sich provoziert. Und schon wieder wird man von Leuten anagitiert und ausgebremst, die meinen, schneller, schlauer und besser zu sein.

„Strache ist ein guter Redner“, sagt der stillere Christoph von beiden; Christoph aus dem Weinviertel. Er ist Heizungstechniker, seine Freundin kocht in einem Pensionistenheim, und er ist der einzige der Gruppe, der sich von Anfang an als FPÖ-Wähler deklarierte. Dass Strache so gut reden kann – das ist ein Satz, der in diesen Gesprächen häufig fällt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass auch Strache ständig gegen Leute anredet, die ihm nachzuweisen versuchen, dass er keine Ahnung hat.

Warum jedoch ist all das für junge Männer so wichtig – und für junge Frauen nicht? Wie kommt es, dass diese Burschen ganz anders denken und wählen als ihre gleichaltrigen Schulkolleginnen, Nachbarinnen, Schwestern, Freundinnen aus dem Jugendclub – zumindest statistisch gesehen? Dominik, Christoph und Christoph haben darauf eine schnelle Antwort: „Mädchen lassen sich halt leichter beeinflussen“, sage sie. „Die gehen mit der Mehrheit, glauben alles, was die Eltern und den Lehrerinnen sagen, lassen sich mehr gefallen, und haben selber halt noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.“

Die Mädchen sind also einfach „die Braveren“ in der Politik, wie in der Schule auch? Vordergründig mag das so ausschauen. Dass sie die besseren Noten nach Hause bringen, zeigen alle Statistiken. In der Alterskohorte der 16- bis 29jährigen haben sich Mädchen Österreich inzwischen einen klaren Bildungsvorsprung herausgearbeitet, zum ersten Mal in der Geschichte. Bei den Maturantenzahlen überholten sie die Burschen schon Mitte der Achtzigerjahre, heute machen 47,1 Prozent von ihnen Matura, bei den Burschen nur 33,7 Prozent. Auch an den Universitäten und sogar bei den Studienabschlüssen sind Frauen mittlerweile in der Überzahl. Verglichen mit den Sechzigerjahren (als Mädchen weniger als ein Drittel aller Reifeprüfungen machten), ist das ein gewaltiger Sprung, der sich in Jobaussichten und Zukunftsperspektiven niederschlagen muss. Aber auch im Selbstbewusstsein und in der unmittelbaren Konkurrenz zu den Burschen.

Sogar Alexander, der eingangs beschriebene Arbeitslose aus Floridsdorf, hat diese Beobachtung gemacht – wenn auch nicht allzu bewusst. „Mädchen wollen fortgehen und saufen“, sagt er zunächst. Erst als er zum zweiten Mal ansetzt und konkret über gleichaltrige webliche Bekannte nachdenkt, fällt ihm auf: „Ein paar von denen gehen auf weiterführende Schulen, ein paar studieren.“ Studierende Männer kennt er hingegen kaum. „Die wollen lieber schnell Geld verdienen, statt in die Schule zu gehen.“

Anders als noch vor ein, zwei Generationen, hat Alexander deswegen Grund zur Sorge. Er kann sich nicht mehr drauf verlassen, dass das traditionelle Gefälle zwischen Männern und Frauen aufrecht bleibt. Speziell unter den Geringqualifizierten weist der Megatrend in die andere Richtung: In den weiblich dominierten Dienstleistungsberufen tun sich ständig neue Optionen auf; in der männlich dominierten Industrie hingegen läuft man Gefahr, übrig zu bleiben. Wer zukunftsfroh in die Zukunft schaut, wählt eher grün, weiß die Meinungsforschung; wer pessimistisch ist, wählt blau. Aus der historischen Vogelperspektive betrachtet, steckt im unterschiedlichen Wahlverhalten der Geschlechter somit auch eine Portion realistische Selbsteinschätzung.

Martin weiß sich, ganz realistisch, schon auf der Verliererseite des Lebens. Er ist 32 und im Metal-Stil gekleidet: schwarze Cargo-Hose, schwarze Jacke, schwarze Kappe, kleines Bärtchen. Martin ist fest davon überzeugt, dass „Frauen viel mehr Rechte haben als Männer“, und da weiß er Bescheid, denn er hat „schon viel erlebt im Leben“: Familienprobleme, Lernprobleme, Probleme in der Schlosserlehre, die er vor sieben Jahren abgebrochen hat. Jetzt hat er Schulden und wohnt „wieder bei den Eltern.“

Speziell mit Frauen hat gleich mehrere Probleme. Er sei „von Frauen immer beschissen worden, sie waren nicht ehrlich, nicht treu, deswegen bin ich vorsichtig geworden.“ Vier Kinder hat er mittlerweile, „aber die seh ich alle nie.“ Wie er das genau meine, mit den Frauen, die viel mehr Rechte hätten? Na, Besuchsrecht und Geld und so, erklärt er. „Die Frauen erzählen herum, dass ich ein Problem mit Alkohol hab. Aber das stimmt gar nicht.“

Martin ruft am Abend noch einmal an. Mit einer schleppenden Stimme, die Alkohol verrät. Er will erzählen, was er denkt, will erzählen, was er erlebt hat, will über alles reden, über die Ausländer, aber nicht nur. Er würde sich, anders als die meisten jungen Männer dieser Geschichte, sogar bereitwillig fotografieren lassen. Als FPÖ-Wähler, der dazu steht, was er tut.

Eigentlich wollte er ja ungültig wählen, sagt Martin, erst im letzten Moment, als er in der Wahlkabine stand, machte er spontan sein Kreuz bei der FPÖ. Er scheint froh zu sein, dass plötzlich jemand wissen will, warum. Dass er plötzlich weiß, warum. Und dass man ihm zugehört hat.

 

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7 Responses to Die Rache der Burschen

  1. Hermann Schwab sagt:

    Überwältigungsverbot (Beutelsbacher Konsens)
    Wenn die Politik-Lehrerin in der Berufsschule versucht, den SchülerInnen ihre politische Meinung aufzuzwingen, dann ist sie als Lehrerin nicht geeignet.

  2. ABER sagt:

    “Die Rache der Burschen” finde ich sehr reißerisch tituliert. Für mich ist das (Wahl-)Verhalten eher ein Hilfeschrei als Rachegelüste. Rache an Wem? An den Frauen? An der Gesellschaft? An den Ausländern?
    Und Burschen ist auch etwas eingrenzend, immerhin sind die “Hauptwähler” Männer unter 30. Ich find ab 20 ist man echt kein Bursche mehr.

    Das die “jungen” Burschen frustriert und pessimmistisch sind war mir klar, viel eher würde mich mal ein Artikel darüber interessieren was sich bessern soll wenn ein Strache die politischen Entscheidungen leitet. Welche Zukunft sehen sie dann für sich selbst? Denken sie darüber überhaupt nach? Oder wird nur gewählt a la der regt sich über die selben Dinge auf wie ich > „Strache ist ein guter Redner“?

    Wie wäre es mit einem Konter-Artikel wo junge Mädchen/Frauen befragt werden warum sie NICHT die FPÖ wählen? Ist es wirklich die Bildung, die (Arbeiter-)Klasse die dieses krasse Wählverhalten auslöst?

    Ich bin ein junge Frau und bekomme ziemliche Bauchschmerzen wenn ich an den Rechtsruck in ganz Europa denke, ich fürchte mich vor der Hilflosigkeit und den Ängsten dieser jungen Männer.

  3. Arpan sagt:

    Wie sang schon Ina Deter? Neue Männer braucht das Land.
    Leider werden die neuen Männer immer noch überwiegend von Frauen erzogen und zu diesen seltsamen Menschen gemacht, über die man sich beim lesen so toll erheben kann.

  4. ricwis sagt:

    ​Wenn man als Bubi von der Familie alles hineingeschoben kriegt und gegenüber Mädchen bevorzugt wird​ und als Jugendlicher feststellt, im Leben läuft es nicht mehr so, dann ist man sicher nicht selbst, sondern wer anderer schuld.
    Gilt für Bürgerliche wie für Migrantenfamilien.

  5. gert schubert sagt:

    Toller Artikel, sehr wichtig!
    Danke!

  6. Robert Fleischmann sagt:

    Sehr geehrte Verfasserin !!
    Ich bin kein FPÖ Wähler ,nur um das mal voraus zuschicken !
    ich denke das es in jeder Politischen Richtung solche Menschen gibt wie hier beschrieben!! Als Beispiel möchte ich da die extrem Gewalttätigen Jugendlichen der Linken Szene erwähnen ,die sich nur in Ihrer Politischen Gesinnung von den rechten unterscheiden !warum werden die hier nicht aufgeführt ? ich bin kein Journalist aber hat man als Teil der Medien nicht die Aufgabe alle Seiten zu Zeigen?

  7. Sind Männer die Verlierer oder Frauen die Verlierer?

    Die Kinder sind die Verlierer.

    Ich kenne keine sonstige so descendete patriarchal – matriarchale Gesellschaft, die so sehr ihre Kinder ausbeutet.

    Das Problem bei den besser qualifizierten in einigen Bereichen ist aber auch, dass die oft die ersten 3-10 Jahre (worst case) im Prekariat arbeiten:

    Die echt mittleren bis starken Einzahler liegen somit auchauch deutlich unter der Anzahl der Beschäftigten.

    Ein Beispiel; http://barbarakaufmann.wordpress.com/2012/12/09/protestmude/

    Ein persönlicher Rückblick auf ein Jahr Protest der Freien ORF MitarbeiterInnen.

    Deine Augen im Spiegel sind genauso frustriert als hättest Du Dich politisch engagiert. 

    Ich arbeite gerne. Ich liebe meinen Job. Ich mag auch schöne Schuhe, Sachertorten und Seenlandschaften bei Sonnenuntergang. Aber wenn Sie mich richtig glücklich machen wollen, geben Sie mir ein Mikrofon in die eine Hand und ein Aufnahmegerät in die andere und lassen Sie mich meine Arbeit machen. Gespräche führen mit Menschen, die ihre Lebenssituation schildern und dadurch Einblick gewähren in ihre soziale Lage. In die Welt, die uns umgibt. Oder mit fachkundigen Experten, die ein gesellschaftspolitisches Phänomen so erklären, dass es verständlich, greifbar, fühlbar wird. Lassen Sie mich Interviews schneiden, das Wesentliche herausfiltern, Atmosphäre mit Hilfe von Musik oder Geräuschen erzeugen und am Ende das Ganze mit einem verbindenen Off-Text versehen. Kurz gesagt: lassen Sie mich Radio machen.

    Es ist inzwischen zweieinhalb Jahre her, dass ich durch eine Verkettung von glücklichen Zufällen meinen Traumberuf gefunden habe. Nach einem Kommentar im Standard, den die richtigen Leute an der richtigen Stelle gelesen und für interessant befunden haben, wurde ich eingeladen, einen Radiobeitrag für Ö1 zu gestalten. Nach dem ersten Studiotermin war mir klar: ich war gekommen, um zu bleiben. Die Arbeit beim Radio vereint alles, was ich gerne mach: recherchieren, schreiben, kommunizieren, etwas erzählen, aufklären. Ö1 ist journalistisch betrachtet eine Ausnahmeerscheinung. Ein Arbeitsplatz, an dem es noch Diskussionen über Ethik und Moral gibt. An dem nicht primär die Quote zählt, sondern die gesellschaftliche Relevanz eines Themas und Journalismus mit Haltung im Vordergrund steht. Ein Paradies für Herzblut-Journalisten und Journalistinnen. Wenn – ja, wenn nur die Bezahlung nicht wäre.

    Und ich dachte, das geht nicht. Und das geht auch nicht, das kann so nicht funktionieren. Man kann nicht immer wieder so tun, als gäbe es nichts zu verlieren. 

    Irgendwann im ersten Jahr hab ich bemerkt: das geht sich nicht aus. Ich hab den Fehler selbstverständlich zuallererst bei mir gesucht. Vielleicht liegt es an der fehlenden Routine, dachte ich mir. Vielleicht war ich einfach zu langsam. Oder zu genau. Oder mein Anspruch war zu hoch. Aber es gab und gibt nun mal Qualitätsansprüche bei Ö1 und darunter zu produzieren geht nicht. Für niemanden. Sonst kommt der Beitrag nicht auf Sendung. Und man kann nicht 10 qualitativ hochwertige, ausrecherchierte Beiträge a 3 Interviews und 20 Stunden Literaturstudium Minimum pro Beitrag im Monat produzieren. Das müsste man aber, wenn man ca 3000 Euro brutto verdienen möchte. Man schafft höchstens 4. Und das auch nur, wenn man an Wochenenden arbeitet und in der Nacht. Da ist man dann am Monatsende bei 1200 Euro brutto. Und fertig. Erschöpft, ausgelaugt. Bereitet aber bereits die nächste Geschichte vor, liest sich ins übernächste Wissenschafts- oder Politthema ein. Oder steckt schon mitten in den Vorarbeiten für die kommende Sozialreportage.

    In den Rauchpausen oder beim Kaffeeautomaten frühmorgens, am Wochenende oder während der Nächte im Funkhaus hab ich immer diesselben Gesichter gesehen. Freie MitarbeiterInnen wie ich. Großteils Frauen. Alle zwischen 30 und 45 Jahre alt. Müde, ausgelaugt, erschöpft, aber voller Begeisterung für die Geschichten, Features, Reportagen, an denen sie gerade arbeiteten. Irgendwann haben wir über Geld gesprochen. Über Lebensbedingungen, nein, eigentlich sollte es heißen: Überlebens-Bedingungen. Und sehr schnell hab ich realisiert: ich bin nicht allein. Niemandem geht es besser als mir. Egal, ob diejenigen bereits 10 Jahre Praxis als RadiomacherInnen vorzuweisen hatten oder erst vor ein paar Monaten dazu gestossen sind wie ich. Niemand hatte eine Perspektive auf eine abgesicherte Zukunft, auf Arbeitszeiten innerhalb der Norm, auf ein Leben nach dem Funkhaus. Und so haben wir beschlossen good old Friedrich Schiller wörtlich zu nehmen: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig. Wir haben uns zusammen geschlossen und gekämpft. Für höhere Honorare, für bessere Arbeitsbedingungen, für eine Zukunft als QualitätsjournalistInnen, die einen Großteil des Public Values des öffentlich rechtlichen Rundfunks ORF produzieren. Wir haben uns getroffen und erstmal gestaunt wie viele wir eigentlich sind. Und dann beschlossen, eine öffentliche Protestaktion zu veranstalten. Eine Gruppe bestehend aus WissenschaftsjournalistInnen, FeuilletonistInnen und Feature-AutorInnen wollte den Aufstand proben.

    Und das war gar nicht einfach. Denn die klassische Radiomacherin/ der Radiomacher entspricht nicht gerade dem, was man gemeinhin als “Rampensau” bezeichnen würde. Es sind Menschen, die andere ausreden lassen, Argumente abwägen, Sätze mit “Verzeihung” beginnen oder ihre Einwände gegen Ideen für öffentlichen Aktionismus mit “wir sollten vielleicht bedenken, dass” einleiten. Kurz gesagt: es sind wirklich feine Menschen, die sich da zusammen taten und beschlossen, ihre Ängste und Bedenken und ihre Schüchternheit zu überwinden, um ein Zeichen zu setzen. Für sich und ihre KollegInnen bei Ö1, FM4 und den Kultursendungen bzw fremdsprachigen Programm im TV.

    Bis du das realisiert hast, braucht es seine Zeit. Du hast keine Illusionen, es ist einfach nur soweit, daß du weißt, daß dir sonst keine Möglichkeit bleibt. 

    Im Jänner 2012 stellte sich also eine Gruppe Freier ORF MitarbeiterInnen vor den Stiftungsrat des Unternehmens. Ausgestattet mit einem Teller voller Kuchenbrösel und Fähnchen, die fragten: Was bleibt für die Freien MitarbeiterInnen? Das ist nun beinahe ein Jahr her. Und nichts hat sich an ihrer Situation verändert. Denn was folgte, waren Sitzungen und Verhandlungen, die nicht als solche bezeichnet werden können. Derjenige, der etwas ändern könnte, hat uns 10 Monate nicht empfangen. Und diejenigen, die uns empfangen haben, konnten nichts ändern. Also haben wir weiter gemacht, mussten wir weitermachen. Wir haben offene Briefe geschrieben, Transparente beklebt, T-Shirts gedruckt. Alles neben der Arbeitszeit. Aus einer 80-Stunden Woche wurde eine 100-Stunden Woche. Jede freie Minute, die meine KollegInnen und ich nicht mit Recherche, Schnitt und Interviews verbrachten, nutzten wir zum Studium der Kollektivverträge, des Honorarkatalogs, der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Wir trafen GewerkschafterInnen ebenso wie VertreterInnen der Arbeiterkammer. Ich weiß nicht mehr wieviel Kaffees allein ich mit Sendungsverantwortlichen, ProgrammmacherInnen und BuchhalterInnen getrunken habe, um mir detailliert anzuhören, warum man leider exakt nichts für uns tun könnte. Bei wievielen “Verhandlungsrunden” ich bestens vorbereitet mit auswendig gelernten Zahlen, Daten, Fakten gesessen bin, nur um zu bemerken: hier bewegt sich nichts. Weil niemand will, dass sich etwas bewegt. Man hat uns – verzeihen Sie die gar nicht Ö1 kompatible Wortwahl – in großem Stil verarscht.

    Jetzt liegt endlich ein Angebot der Geschäftsführung auf dem Tisch. Und es ist lächerlich. Es ist gar nichts. Es würde bedeuten, dass wir ca. 30-60 Euro brutto mehr im Monat verdienen würden. Bei gleichbleibend schlechten Konditionen: keine Sozialversicherung, kein bezahlter Krankenstand, kein Urlaub. Die Frauenförderung für das kommende Jahr wurde mir 1 Million Euro budgetiert. Aber für die Freien MitarbeiterInnen, die zu rund 85 Prozent weiblich sind, wurde ein Bruchteil dessen bereit gestellt. Der Stiftungsrat, der uns nicht empfängt, wird dieses Budget kommende Woche absegnen. Und wir können nichts dagegen tun.

    Ich möchte einfach nur arbeiten, denn ich liebe diesen Job. Ich will nichts werden, ich habe keine Ambitionen auf irgendeine Position. Nichts würde mich unglücklicher machen als ein fantastisch bezahlter Verwaltungsposten, der bedeuten würde, dass ich weg wäre von den Menschen, von den direkten Gesprächen mit Betroffenen, vom journalistischen Tagesgeschäft. Da unterscheide ich mich nicht von meinen Mitstreitern und zahlreichen Mitstreiterinnen. Aber ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Sehr müde. Ich kann die Floskeln und die leeren Versprechungen nicht mehr hören. Ebenso wenig wie die Vorwürfe der Verantwortlichen, die uns erst wahr- und ernst genommen haben durch die mediale Berichterstattung, wir würden das Unternehmen schädigen durch unseren öffentlichen Protest. Ich glaube, Sie werden nirgends hingebungsvollere und idealistischere ORF MitarbeiterInnen finden als unter den Freien Ö1- FM4- und TV-Kultur MitarbeiterInnen. Niemand von uns will den ORF schlecht machen. Aber es ist schwierig, ein Unternehmen zu loben, das einen nicht wertschätzt, obwohl man wertvolle Arbeit leistet. Auf Kosten der eigenen Gesundheit, des Privatlebens und der Existenz.

    Ich hatte 2012 5 Tage Urlaub. Und damit meine ich 5 Tage am Stück, an denen ich nicht gearbeitet habe. Und die Wochenenden sind da schon mit eingerechnet. Ich liege damit im oberen Drittel meiner Freien Kolleginnen und Kollegen. Denn die meisten hatten gar keinen Urlaub. Seit Jahren nicht. Ich fordere keine Privilegien, keine Sonderzuschläge oder eine eigene Sekretärin. Alles, was ich möchte, ist für eine Summe zu arbeiten, die mein Überleben sichert. Und mir vielleicht hie und da ein paar schöne Schuhe, ein Stück Sachertorte oder einen Sonnenuntergang inmitten einer Seenlandschaft ermöglicht. Aber ich sehe im Augenblick keine Perspektive, dieses Anliegen jemals erfüllt zu bekommen. Und ich bin einfach zu müde, um noch ein weiteres Jahr dafür zu kämpfen.

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