Roller sind super. Rollerständer auch. Wer versucht, einen aufstellen zu lassen, lernt allerdings, wie Wien funktioniert

Eine Dokumentation für den “Falter”

Scooter sind das beliebteste Verkehrmittel bei Schulkindern. Man ist schneller als zu Fuß und schaut cooler aus. Ein Scooter ist wendiger als ein Fahrrad, kann in die Straßenbahn mitgenommen werden, man braucht keinen Helm und fährt am Gehsteig. Bloß einen Nachteil hat er: Er wird leicht geklaut. An Fahrradständern lässt er sich kaum befestigen, in den Gebäuden gibt es oft keine Abstellmöglichkeiten. An den meisten Schulen Wiens sieht man also täglich Kinder, die mit geschulterten Scootern  über die Treppen stürmen. In den Klassenräumen oder auf den Spinden liegen dann die Scooterstapel.

Theoretisch ist das ein kleines Problem, mit einer recht einfachen Lösung: Die 47jährige Wiener Unternehmerin Katharina Scichilone hat Scooterständer erfunden. Sie sind klein und kostengüstig, werden nachhaltig produziert und tragen den Namen „Rollerstop“. 6000 solcher Anlagen stehen bereits in Österreich, Deutschland und der Schweiz, auch vor etwa zwanzig Wiener Schulen. Vizebürgermeisterin  Renate Brauner zeichnete die Firma mit einem Innovationspreis aus, die Gemeinde Wien hält die Ständer für eine gute, förderungswürdige Idee. Kann also nicht so schwierig sein, dachten die Eltern der AHS Zirkusgasse.

16. Oktober 2012, Bernhard O. an Elisabeth R., Vorsitzende des Elternvereins:

„Meine Tochter M. geht in die 1B und ich wurde zum Elternvertreter gewählt. So wie viele andere Kinder fährt sie jeden Tag mit dem Roller zur Schule, hat aber keine Möglichkeit, ihn vor dem Gebäude oder im Hof abzustellen und muss ihn daher mit in die Klasse nehmen. Ich möchte Sie fragen, ob der Elternverein nicht den Ankauf spezieller Rollerständer finanzieren könnte, die man dann entweder vor der Schule oder im Hof aufstellen könnte?“

16.Oktober 2012. Elisabeth R. an Bernhard O.:

„Danke für die Anregung. Ich bin froh, dass Sie es wieder ansprechen – es gab  bereits mehrmals diese Rollerständerüberlegung. Vor Jahren haben es Schüler auch direkt beim Bezirksvorsteher vorgebracht. Alles, was außerhalb des Schulhauses ist, muss von der Bezirksvorstehung bewilligt werden. Ich freue mich, wenn manche Themen immer wieder kommen, denn steter Tropfen…“

21. November 2012, Elternverein an Gerhard Kubik, Bezirksvorsteher des 2. Bezirks:

„Sehr geehrter Herr Bezirksvorsteher! Das BGRG Zirkusgasse hat vor einigen Jahren dank Ihrer Unterstützung Radständer vor dem Eingang bekommen, die sehr gut angenommen werden. Nun sehen wir jedoch, dass immer mehr Kinder für ihre Schulweg Scooter verwenden, diese aber nicht abstellen können. Sie müssen sie die Stiegen hinauf bis in die Klassen tragen, wobei die Verletzung anderer Kinder besteht. Auch können die Scooter nicht in den Spinden untergberacht werden und das Abstellen am Gang könnte ein feuerpolizeiliches Problem sein.Wir würden uns deshalb freuen, wenn Sie die Aufstellung der Ständer auf öffentlichem Grund vor der Schule unterstützen würden und ersuchen Sie um einen Termin, wenn möglich noch vor Weihnachten.“

23. November, Bezirksvorsteher Kubik an Elisabeth R.:

„Ich kann Ihnen mitteilen, dass ein Antrag bezüglich Schaffung eines Scooter-Abstellplatzes aus der letzten Sitzung der Bezirksvertretung Leopoldstadt an die Kommission für Verkehrsangelegenheiten zugewiesen wurde, wo er in der nächsten Sitzung in Bearbeitung genommen wird. Ich schlage Ihnen daher vor, das persönliche Gespräch mit dem Vorsitzenden der Verkehrskommission, Herrn Bezirksrat Stefan Glaubenkranz zu führen.“

30. November: Bezirksrat Glaubenkranz ruft an und ersucht um Infos über Schulen, wo diese Ständer bereits stehen. Die Elternvertreter stellen ein Dossier mit Fotos zusammen und schicken es ihm. Keine Reaktion.

Januar 2013:

Bezirksrat Glaubenkranz hält seine Sprechstunde in der Sektion 5 der SPÖ Leopoldstadt –  so steht es auf der Tafel im Schaufenster. Der Saal des Gemeindebaus trägt Faschingsdekoration, Glaubenkranz ist nicht da. Zwei Männer sitzen an einem Tisch. Die Wanduhr tickt.
Erster Mann: „Und du wüüst jetzt wirklich nimma kumman, Ernstl?“
Zweiter Mann: „Naa, I hear auf. I bin sechsasiebzg, seit sechzig Joa dabei. Oba imma nua zu zweit do sitzn, des mocht kaan Spaß mehr.“
Erster Mann: „I bin jetzt aa scho fufzig Joa dabei. Vielleicht host recht.“
Erster Mann: „Wo is’n eigentlich der Sektionsleiter?“
Zweiter Mann: „Der kummt, er muass sie nur no d’Schuach binden.“
Lange Stille.
Am nächsten Tag ist die Tafel mit den Sprechstunden des Bezirksrats verschwunden.

6. März, Elternverein an Bezirksrat Glaubenkranz:

„Der 5. März mit der Sitzung der Verkehrskommission ist vorbei, die warme Jahreszeit begint, die Kinder kommen wieder vermehrt mit den Scootern in die Schule. Gibt es eine Entscheidung?

10.3. Bezirksrat Glaubenkranz an Elisabeth R.:

„das thema scooter wurde in der vk besprochen. ich ersuche sie noch um ein wenig geduld da dieses anliegen bereits in mehreren schulen des bezirks zum thema geworden ist. daraus ergiebt sich natürlich so wie auch in ihrem fall die frage nach der örtlichkeit und der finanzierung. im april bekommt der zweite bezirk einen neuen bezirksvorsteher mit dem ich jedoch schon vorgespräche bezüglich dieser thematik geführt habe. weitere schritte werden sein, alle schulörtlichkeiten vor ort zu besichtigen…

ps. entschuldigen sie jetzt diese frage. gibt es bei ihrem namen eine verbindung zu einem dr r.. er war lehrer und auch im ministerium (war vor langer zeit „mein lehrer“)?“

17. Mai: Es gibt einen neuen Bezirksvorsteher, Karl-Heinz Hora. Der Elternverein wiederholt sein Anliegen.

20. Mai, Hora an den Elternverein:

„Herr Bezirksrat Glaubenkranz hat mich schon umfassend informiert. Die grundsätzliche Meinung, dass wir diesem Projekt positiv gegenüberstehen, ist richtig. Leider ist jedoch die Sachlage nicht so einfach…Nachdem ich nunmehr knapp 5 Wochen in dieser Funktion bin, ist es mir noch nicht gelungen, die notwendigen Antworten der Magistratsabteilungen 19, 46 und 28 zu bekommen. Selbstverständlich werde ich gerne dies weiterhin mit entsprechendem Nachdruck tun. Ein persönlicher Gesprächstermin ist selbstverständlich möglich, wobei ich um Verständnis ersuche, dass derzeit mein Terminkalender sehr dicht ist.“

5. August, 9 Uhr: Termin bei Bezirksvorsteher Horak: Ein freundliches Gespräch. Der Bezirksvorsteher sagt, er könnte leider nichts tun, da Scooterständer – anders als Radständer – nicht im Stadtmöbelkatalog der MA 19 aufgelistet seien.

27. August, Bernhard O. an die Magistatsabteilung 19:

„Wir haben von der Bezirksvorstehung erfahren, dass eine Aufstellung zwar möglich sei, aber erst wenn Scooterständer in den Katalog der Stadtmöbel aufgenommen werden. Ich möchte Sie deshalb fragen, wo ich den Katalog der Stadtmöbel einsehen könnte und was wir tun müssten, um die Aufnahme von Scooterständern in diesen Katalog zu beantragen?“

3. September, Dipl-Ing. Reinhard Wolfbeiszer, MA 19 – Architektur und Stadtgestaltung, Dezernat Gestaltung Öffentlicher Raum, an Bernhard O.:

„Zu Ihrer Anfrage kann ich Ihnen mitteilen, dass es keinen Möblierungskatalog gibt, die Scooterständer daher auch nicht aufgenommen werden können. Seitens der Stadt Wien ist daher im Einzelfall zu prüfen, ob eine Aufstellung im öffentlichen Raum möglich ist.“

5.September, Elternverein an Bezirksvorsteher Hora:

„Wir möchten uns noch einmal für das Gespräch bedanken, das wir Anfang August mit Ihnen führen durften. Gleichzeitig dürfen wir Ihnen eine interessante Neuigkeit weiterleiten: Den Katalog der Stadtmöbel, von dem Sie damals gesprochen haben, den gibt es laut MA 19 gar nicht. Von dieser Seite dürfte also einer Aufstellung von Scooterständern nichts im Wege stehen und wir würden uns freuen, wenn Sie möglichst bald eine Kommission einberufen könnten, um die Aufstellung vor Ort zu besprechen.“

6. September, Bezirksvorsteher Hora an den Elternverein:

„Herzlichen Dank für Ihre Berichtergänzung vom 5. September. Eine ähnliche Information wurde wurde uns auch durch den Leiter der MA 19 gegeben, die Aussage ist allerdings überprüfungswürdig. In einem Gespräch mit Herrn GR Mag Rüdiger Maresch (Vorsitzender der GRA Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung – in diesen GRA gehört auch die MA 19) habe ich am Montag dieses Thema nochmals erörtert und er wird entsprechende Nachfragen in der MA 19 vornehmen. Ich habe auch schon angeboten, der MA 19 den alten oder bisherigen Stadtmöblierungskatalog zur Verfügung zu stellen, weil ich davon ausgehe, dass dieser im Zuge von Datenbereinigungen möglicherweise verschwunden ist. Sobald ich neue Informationen erhalte, werde ich Sie gerne davon informieren.“

1. Oktober, Telefonat mit dem Leiter der MA 19, Franz Kobermaier: Die MA 19 hat keine Einwände gegen die Aufstellung von Rollerständern und sagt ihre volle Unterstützung zu. Kobermaier sagt aber auch, dass an der Bezirksvorstehung kein Weg vorbeiführen wird.

3. Oktober, Bernhard O. an Elisabeth R:

„Ich habe also gestern Hora von der Nachricht in Kenntnis gesetzt, dass die MA 19 nichts gegen die Aufstellung von Rollerständern hat. Er hat auch sofort (wenn auch etwas überrascht) reagiert und mir die Einberufung einer Ortsverhandlung zugesagt. Er werde Glaubenkranz hinschicken. Allerdings soll ich ihm noch ein Mail schicken mit der Bestätigung, dass die MA 19 Rollerständern zustimmt. Was natürlich jetzt schon etwas seltsam ist, dass ich, obwohl ich keine Funktion in dieser Stadtverwaltung habe, dem Bezirksvorsteher die Position der Magistratsabteilung mitteilen soll.“

Bezirksvorsteher Hora hat die Mitteilung bekommen. Katharina Scichilone würde sich freuen, einen Rollerständer liefern zu dürfen. Die Kinder der Zirkusgasse sind gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

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One Response to Odyssee per Roller

  1. Hugo Gold sagt:

    Kafka war mit seinem Schloß ein Amateur gegen das was die Leopoldstadt kann. Wärs nicht so traurig müsste man losbrüllen vor Lachen.

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