Ein Bericht für den „Falter“

„A wos“, sagten im russischen Kaiserreich die deutschen Siedler, die der Zar ins Land geholt hatte, um den Russen wirtschaftlich auf die Sprünge zu helfen. „A wos, das schaffen wir schon“, oder „a wos, das nehm ich auch noch mit“. „Awos“ – das klang praktisch, patent, wie die Deutschen halt waren. Das Wort blieb in Russland, schlich sich in die russische Sprache ein, es bedeutet „auf gut Glück“.

„Awoska“ nennt man in Russland seither auch jenen praktischen, patenten Beutel, den man immer dabeihat. Im Kommunismus war die Awoska ein überlebenswichtiges Utensil, ohne das der Sowjetbürger, die Sowejtbürgerin niemals das Haus verließ. Man trug sie zusammengeknüllt bei sich, um stets gerüstet zu sein, falls eine Schlange vor einem Geschäft stand und es irgendetwas zu kaufen gab: Kernseife, Kinderpyjamas, Gummistiefel, Knackwurst, egal.

Die Awoska wurde so zum Symbol der Mangelwirtschaft: Der Konsument sucht verzweifelt Ware, und hat Angst, eine der seltenen Konsumgelegenheiten zu verpassen, bloß weil er die Beute nicht transportieren kann. In der westlichen Konsumgesellschaft hingegen ist es umgekehrt: Hier stehen Waren im Überfluss herum, warten auf ihre Käufer, und der Händler fürchtet, auf ihnen sitzenzubleiben, bloß wenn ein potentieller Kunde nicht weiß, wie er sie wegtragen soll.

Deswegen braucht der Bürger im real existierenden Kapitalismus keine Awoska, sondern kriegt ein Plastiksackerl gratis dazu. Dann kriegt er noch ein Plastiksackerl, und noch eins. Und dann haben wir ein Umweltproblem.

Obwohl – haben wir tatsächlich ein Problem? Und wenn ja – was für eines genau? Seit die EU ein Verbot von Plastiksackerln diskutiert, gehen die Wogen hoch. Ist das Material des Sackerls das Problem, seine Herstellung oder seine Entsorgung? Geht es um die Fische, ums CO2 oder um uns? Oder streiten wir, wenn wir übers Sackerl streiten, in Wahrheit über etwas ganz anderes?

Die Frage nach dem Material ist hier noch am leichtesten zu beantworten. Die Awoska war aus grobem Stoff, das Plastiksackerl hingegen besteht aus Polyethylen. („Polybeutel“ sagte man in Deutschland anfangs, was chemisch korrekter war als das österreichische „Nylonsackerl“, Nylon war nämlich nie drin.) Polyethylen ist ein wahrer Zauberstoff, der seit seiner Erfindung 1898 die ganze Welt erobert hat: leicht, haltbar, wasserfest, unempfindlich gegen Säuren und Chemikalien. Er wird aus Erdöl hergestellt, zunächst in Form von Granulat. Das wird dann geschmolzen, zu Folien verblasen und verschweißt. Verwendet wird ein Sackerl dann im Durchschnitt 25 Minuten lang – bis der Einkauf zu Hause ist.

Diese 25 Minuten sind viel wert, wenn das Sackerl einen Aufdruck hat, denn am Heimweg wird das Sackerl zum beweglichen Werbeträger. Was anschließend geschieht, hängt stark vom Image der Marke ab. Das Deichmann- oder Zielpunkt- Sackerl wird wahrscheinlich schneller zum Müllsack umfunktioniert als jenes von Meinl am Graben. Letzteres hat sogar die Chance, stolz ein zweites oder drittes Mal ausgeführt zu werden. Das No-Name-Sackerl hingegen, das weiße, blaue oder durchsichtige, in das man am Markt oder beim Türken ums Eck die Zwiebeln packt, eignet sich wegen seiner Fragilität nicht einmal als Müllsack. Das wird fast immer sofort entsorgt.

Kein Wunder, dass sich an diesem kleinen Ding vieles festmachen lässt. Das Unbehagen mit der Wegwerfgesellschaft im Allgemeinen. Und das ganz persönliche schlechte Gewissen, schon wieder mehr gekauft zu haben, als man eigentlich braucht.

33 Jahre ist es her, das dieses schlechte Gewissen erlöst werden konnte: Von einer schlammbraunen Tasche, 40 mal 40 Zentimeter groß, kratzig, mit etwas modrigem Geruch und einem Aufdruck, der einem Zollstempel nachempfunden war. „Jute statt Plastik“ stand drauf. Die in der Schweiz erfundene, vom kirchlichen Handelshaus GEPA umgesetzte Öko-Kampagne war eine der erfolgreichsten der Geschichte, mit einer Storyline, die die großen wirtschaftlichen Konfliktfelder der Zeit miteinander verknüpfte. Jute war jahrhundertelang ein wichtiger Rohstoff für Säcke, Schnüre und Matten. Mit dem Siegeszug des Plastiks brach in den Sechzigerjahren die Produktion jedoch ein, Bangladesch wurde zum Armenhaus. Nun ließt GEPA in Bandgadesch wieder Jutetaschen produzieren, und die reichen Deutschen bekamen um 2,50 D-Mark die Gelegenheit, sie zu kaufen und sich solidarisch zu zeigen. 5 Millionen Stück wurden verkauft, die Produzentinnen in Bangladesch kamen mit dem Liefern kaum nach.

Die Awoska im Osten erfüllte bloß ihren Zweck. Die Jutetasche im Westen hingegen hatte, ähnlich wie das das Plastiksackerl, darüberhinaus einen Mehrwert: Sie transportierte einene Botschaft. Wer sie sich über die Schulter hängte, wurde Teil einer Bewegung, umweltbewusst, konsumkritisch, moralisch. Die Grünen zogen mit dem braunen Ding in den deutschen Bundestag ein. Heute hängt sie als zeitgeschichtliches Dokument in Museen.

Die Botschaft des Jute-Sacks ist kleben geblieben. Ein Unternehmen, das Verantwortung und signalisierern will, setzt bis heute auf Jute, Stoff oder Papier. Die Drogeriemarktkette DM etwa, die seit 2011 keine Gratis-Plastiksackerln mehr abgibt, sondern nur noch Stoffbeutel  verkauft. Der Moment an der Kasse, wenn man merkt, dass man schon wieder die eigene Tasche vergessen hat, fühlt sich dann immer gleich wie eine sanfte Rüge an.

Womit wir bei einem entscheidenen Punkt sind: Der schönste Jute- oder Stoffbeutel ist nichts wert, wenn man ihn nicht dabeihat, wenn man ihn grad braucht. Mehrwegprodukte sind in der Energiebilanz nur dann besser als Einwegprodukte, wenn sie tatsächlich mehrmals verwendet werden – eine Grundregel, die etwa auch für Glasflaschen gilt. Bei jedem DM-Einkauf einen neuen Beutel zu kaufen, ist ökologisch nicht nützlich, sondern kontraproduktiv. Laut Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe muss eine Baumwolltasche mindestens 25 Mal verwendet werden, um in der Energiebilanz besser abzuschneiden als ein Sackerl aus Polyethylen.

Zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen führen Berechnungen auch, was andere Sackerl-Alternativen betrifft. Papier ist schwerer als Plastik, Papiertüten verbrauchen deswegen mehr Material und Energie beim Transport. Und wer sich freut, dass die Marktstandlerin für ihre Bobo-Kundschaft neuerdings Sackerln aus nachwachsenden Rohstoffen anbietet, freut sich zu früh: Diese haben den größten CO2-Fußabdruck von allen. Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr werden äußerst energieintensiv angebaut. Und die Kompostierbarkeit , mit der diese Sackeln beworben werden, bringt keinerlei Zusatznutzen – in den meisten deutschen Kompostieranlagen werden sie gar als „Störstoffe“ ausortiert.

Was die Energiebilanz betrifft, ist das schlichte Plastksackerl also besser als sein Ruf. Allerdings ist die Herstellung  nicht sein einziges Problem. Jene Eigenschaften, die Menschen am Polyethylen so lieben – leicht, robust, wasserdicht – sind genau jene, die für andere Lebewesen tödlich sind. Polyethylen löst sich nicht auf, kann von Bakterien nicht zersetzt werden, es überdauert etwa 450 Jahre. Es wird unter Sonneneinstrahlung bloß spröde und zerfällt in immer kleinere Teile.  In den größeren Teilen verfangen sich Vögel und Krabben, sie werden von Störchen versehentlich zum Nestbau verwendet, Albatrosse verfüttern sie an ihre Küken, die dann elend verenden. Die kleineren Teile landen im Plankton, in den Mägen von Fischen, Walen, Robben und Schildkröten. Korallenriffe ersticken daran.

Spätestens seit Werner Bootes Film „Plastic Planet“ kennen wir Plastiksackerln auch aus dieser anderen, erschreckenden Perspektive. Wir wissen von der Existenz des gigantischen Müllstrudels zwischen Kalifornien und Hawaii, groß wie ein Kontinent. Und kennen die Bilder von verwehten Sackerln, die in den Bäumen der afrikanischen Savanne hängen, oder südeuropäische Strände verschmutzen. „Blow Trash“ heißt das, und ist überall dort ein Problem, wo die Müllabfuhr nicht funktioniert, wo Plastik auf wilden Deponien gelagert und vom Wind verweht wird.

Die Kritiker von Sackerlverboten haben Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass Sackerln nur wenige Prozent des globalen Plastikmüllvolumens ausmachen. Doch gerade weil sie so leicht sind, sind sie besonders mobil, können kaum wieder eingefangen werden – und richten deswegen besonders viel Schaden an. In Bangladesch etwa verstopften sie während der Monsunregen regelmäßig Kanäle und Abflüsse und trugen zu den verheerenden Überflutungen bei. Im Jahr 2000 beschloss die Regierung daher ein Totalverbot. Ebenso im ostafrikanischen Ruanda. Auf der legendären Insel Sansibar, mit seinen endlosen Sandstränden, drohen heute bei Verstößen gegen die rigide Anti-Sackerl-Politik Haftstrafen von sechs Monaten.

In Europa sind jene Länder mit dem höchsten Sackerlverbrauch (Portugal, Bulgarien, Griechenland, Polen) genau jene, wo die Müllabfuhr am schlechtesten funktioniert  – auch hier landet vieles am Ende im Meer. Aus österreichischer Perspektive hingegen kann man sich, zumindest an diesemTeil des Problems, unbeteiligt fühlen. Damit ein Bill-Sackerl ins Meer kommt, müsste es entweder mehrere Filter, Schleusen und Kraftwerkssperren überwinden – oder aber von einem Urlauber persönlich an den Strand getragen werden. Die allermeisten Sackerln hierzulande enden in der Müllverbrennungsange. Wo sie zumindest einen ganz kleinen Teil ihrer Herstellungsenergie wieder zurückgeben, als Wärme, die durch unsere Heizungsrohre fließt.

Nein, es geht beim Sackerl also nicht nur ums Sackerl. Es geht darum, wo wir einkaufen (beim Greißler oder im Supermarkt?), wie (zu Fuß oder mit dem Auto?), wie oft (Großeinkauf oder täglich?). Es geht darum, wie wir uns beim Einkaufen fühlen, und welche Bedürfnisse wir dabei befriedigen. Wären nicht an jeder Ecke sofort Plastiksackerln verfügbar, um jedem Impuls sofort nachgeben zu können – vielleicht würde es uns helfen, in einigen dieser Fragen klarer zu sehen.

Die wichtigste Frage jedoch kann uns keine Awoska, keine Jutetasche und kein Plastiksackerl abnehmen, egal wie tragfähig und reißfest es ist: Die Entscheidung, was wir kaufen und hineintun.

Aber das ist definitiv eine andere Geschichte.

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