Die Weihnachtszeit ist nicht leicht für Familien mit komplizierten Verhältnissen. Umso mehr kann man manchmal von ihnen lernen.

Presse-Kolumne

Nein, die Woche vor Weihnachten ist für niemanden einfach. In den Büros ist schon vieles in Auflösung. Bis Jahresende müssen noch schnell Rechnungen geschrieben, Budgets aufgebraucht oder Projekte eingereicht werden. Daheim drängen die Kinder, am Telefon drängen die Schwiegereltern, in der Mittagspause kauft man schnell die letzten Geschenke, zwischendurch denkt man über den Speiseplan für die Feiertage nach, nachmittags jagt ein Krippenspiel das nächste, abends gibt’s bei den Weihnachtsfeiern stets mehr Alkohol als man sich eigentlich vorgenommen hatte. Weswegen man tags darauf das Backen dann doch wieder um einen Tag verschiebt.

„Familie“ und „Weihnachten“ – das ist schwierig genug. Doch das hier ist eine Kolumne für alle, bei denen es noch ein bisschen schwieriger ist.

Für all jene nämlich, die nicht (nur) mit ihren leiblichen Kindern zusammenleben. Da muss man die eigenen Pläne und Wünsche nicht nur mit dem aktuellen Partner, der aktuellen Partnerin abstimmen, sondern auch mit Ex-Partnern und Ex-Partnerinnen, sowie womöglich deren neuen Partnern und Partnerinnen (samt deren Kindern, Eltern, Geschwistern, Schwiegereltern, etc). Nicht immer steht man mit diesen Menschen in bestem Einvernehmen (sonst hätte man sich ja nicht getrennt). Nicht immer kann man mit ihnen entspannt kommunizieren. Nicht immer hat man alles vergessen können, was war. Nicht immer mag man sie.

Da wird alles schnell heillos kompliziert. Man grübelt über der Logistik: Wer bringt wen wann wohin? Wie vermeidet man, dass die falschen Leute dabei aufeinandertreffen? Bleibt eh keiner übrig? Man wägt ab, welche Ansprüche man erfüllen – und welche man zurückweisen soll. Überlegt, wo man kämpft und wo man besser nachgibt. Soll man die Kinder bei alldem überhaupt fragen? Oder entlastet man sie, indem man an ihrer Stelle entscheidet? Und bleibt man am Ende womöglich auf dem ganzen Essen sitzen, das man gekocht hat?

Dennoch schaffen es viele, eine Lösung zu finden, mit der alle irgendwie leben können: Heiligabend hier, den ersten Feiertag da, den zweiten dort. Tagsüber spazieren gehen mit A und B; abends mit C bei D; für E kocht man mit; für F schickt man Geschenke; für G und H allerdings nicht, denn sonst wird’s zuviel im Vergleich zu X und Y, und das gesamte fein austarierte Gleichgewicht wäre gefährdet. Samt dem Restvertrauen zu Z, das man sich eben erst mühsam wieder zurückerobert hat, nach so vielen Jahren eisigen Schweigens.

Im Alltag sind solche Balanceakte schon schwer genug. Zu Weihnachten geraten sie zur artistischen Zirkusummer, und brauchen Mut. Weil der Anlass von schablonenhaften Idealvorstellungen überfrachtet ist, die einen von allen Seiten her bedrängen – in der Handy-Werbung, in Supermarktprospekten, im IKEA-Katalog. Papa und Mama und Kinder neben dem Baum, auf dem Tisch die Kekse von der Oma, aus dem Backrohr duftet der Braten, keiner ist beleidigt, jeder singt mit: Diese Bilder können in ihrer Übermacht erdrückend sein. Sie lassen das, was wirklich ist, schnell als Scheitern erscheinen, als persönliche Niederlage.

Aber das ist es nicht.

Allen, die diese Feiertage halbwegs anständig über die Runden kriegen, ist Großes gelungen. Sie haben ihren Kindern Wichtiges vermittelt: Wie Menschen Mutter und Vater bleiben können, ohne miteinander Tisch und Bett zu teilen. Wie sie Verantwortung übernehmen, Respekt zeigen und langfristig solidarisch sein können, ohne verliebt zu sein. Von Patchworkfamilien kann man lernen, dass mit dem Ende einer Beziehung nicht die Welt untergeht. Dass es okay sein kann, wenn das Leben anders weitergeht als man dachte, und dass es keinen Sinn hat, sich an Fehlentscheidungen, die man einmal getroffen hat, festzukrallen, bloß weil die Angst vor Veränderungen zu groß ist.

Schließlich bringt ja auch das Christkind nicht immer genau das, was man sich gewünscht hat. Und oft ist es besser so.

 

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