Womit man sich nicht beschmutzen will, das soll ein Roboter erledigen – schnell, sauber, unsichtbar, und möglichst inkognito

Presse-Kolumne

Es ist eine machtvolle Phantasie, so alt wie das Maschinenzeitalter: Alle belastenden Tätigkeiten an automatisierte Wesen abzugeben.  Man füttert einfach ein paar Instruktionen in ein System, legt die Zieldaten und Operationsobjekte fest, greift eventuell noch hier und dort korrigierend ein – doch die Arbeit vor Ort erledigt die Maschine. Einen Roboter zu schicken, hat zwei Vorteile: Man trägt erstens, auch bei gefährlichen Missionen, kein persönliches Risiko. Und kann sich, zweitens, dem Glauben hingeben, nicht mehr direkt verantwortlich zu sein. Man macht sich nicht die Hände schmutzig. Weder im konkreten noch im übertragenen Sinn.

Was Krieg betrifft, setzen die USA diese Phantasie heute schon in die Wirklichkeit um. Jahrhundertelang mussten sich Feldherren zwischen zwei Strategien entscheiden: Entweder man minimierte das Risiko für die eigenen Leute, hielt körperliche Distanz zum Feind und agierte, eher ungenau, aus der Ferne: man hungerte den Feind aus, setzte seine Stellungen in Brand, warf Bomben ab. Dabei nahm man großflächige Verwüstungen in Kauf, und viele zufällige Opfer. Wer hingegen spezifische Ziele ins Visier nehmen wollte, konnte das nur aus physischer Nähe tun. Hoch qualifizierte Spezialkommandos übernahmen solche Jobs. Sie mussten tausende Kilometer weit fahren, ihre Stiefel auf feindliches Territorium setzen, selbst Hand anlegen, und der Gefahr persönlich ins Auge schauen.

Dieses Entweder-Oder gilt jedoch nicht mehr. Die USA führen ihren „Krieg gegen den Terror“ seit zehn Jahren mit Drohnen, aus tausenden Kilometern Distanz und gleichzeitig mit metergenauer Präzision. Beim Feind, in Pakistan, Jemen oder Somalia gibt es Woche für Woche Tote, Verletzte und sogenannte „Kollateralschäden“. Nicht so hingegen in den USA. Dort muss niemand Opfer beklagen, niemand muss sich auch nur die Stiefel dreckig machen. Und in den Ohren der Öffentlichkeit klingt alles ganz harmlos.

„Drohnen“ – da könnte man meinen, es seien bloß friedlich brummende Flugroboter unterwegs. Wie Bienen eben: emsige, nützliche, brave Dienstleister.

Wir wissen nicht, ob Jeff Bezos an den Drohnenkrieg seines Landes dachte, als er jüngst seine Drohnen-Idee für Amazon präsentierte. Das Werbevideo des Online-Händlers zeigt tatsächlich freundliche, friedlich brummende Flugroboter wie aus einem jugendfreien Sciene-Fiction-Film: Behutsam schließen sich deren Greifärmchen um die gelben Paketboxen, elegant schwingen sie sich in die Luft, schwirren durch den blauen Himmel über grüne Wiesen, und setzen ihre Fracht schließlich sanft im Vorgarten des Paketempfängers ab.

Eine Armada emsiger, nützlicher, braver Dienstleister, die quer übers Land schwirren, ohne Murren, ohne Konflikte, und ohne Bedürfnisse: Auch diese Phantasie hat mit einer unrühmlichen Wirklichkeit zu tun, aus der sich Bezos herauswinden will. Die Männer, die heute seine Pakete zustellen, bilden die Unterklasse modernen Arbeitswelt. In diesem Job müht sich ab, wer leistungswillig ist, aber nirgendwo sonst eine Chance bekommt. Zusteller sind scheinselbstständig, auf eigenes Risiko unterwegs, beuten im Akkord ihre Körper aus, und das alles für einen Hungerlohn. Auf der einen Seite spüren sie den Druck der Auftraggeber, die ständig Kosten senken wollen. Auf der anderen Seite die Verachtung der Kunden – arrogant, ständig gestresst, sofort bereit, sich zu beschweren, und getrieben von der Gier nach immer mehr Zeug für immer weniger Geld.

Die Zustellerbranche ist die schmutzige, konfliktgeladene Randzone unserer Konsumwelt, an die niemand gern erinnert wird. Wir nicht, und der Amazon-Chef nicht. Speziell in der Vorweihnachtszeit, in der mehr Pakete unterwegs sind als je.

Es ist eine machtvolle Phatasie: Dass man alles Unangenehme, Schmutzige einfach an sanft summende Roboter delegieren kannn. Sie ist so verlockend wie unrealistisch.

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