Große historische Leistungen und peinliche moralische Verfehlungen – geht das zusammen? Kann man das eine vom anderen trennen? Und soll man es überhaupt?

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Sebastian Edathy kennen wir jetzt also als einen, der Nacktbilder von kleinen Buben kauft. Alice Schwarzer ist Steuerhinterzieherin. Und Woody Allen wird von seiner Stieftochter öffentlich vorgeworfen, sie als Kind sexuell missbraucht zu haben.
Gleichzeitig hat Sebastian Edathy für Deutschland in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle gespielt. Er leitete, präzise und leidenschaftlich zugleich, den parlamentarischen Untersuchungsausschusswegen der Nazi-Mordserie, entlarvte den Rassismus der Behörden, deckte Ermittlungsfehler auf. Er war wichtig für die Psychohygiene der Nation.
Alice Schwarzer hat Deutschland noch grundlegender verändert. Die Modernisierung des Familienrechts, die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs – vieles hätte ohne sie wesentlich länger gedauert. Hunderttausenden Frauen machte sie Mut, sich gegen Benachteiligungen zu wehren oder aus demütigenden Beziehungen zu befreien.
Woody Allen schließlich drehte Meisterwerke der Filmgeschichte und bescherte Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt erhellende Momente. Auch jetzt, als alter Mann, schafft er das noch: Eben läuft in den Kinos „Blue Jasemin“, einer seiner besten, zartesten, vielschichtigsten Filme überhaupt.
Was hat das eine – die privaten Verfehlungen – mit dem anderen – den öffentlichen Verdiensten – zu tun? Das ist eine interessante Frage. Auf die es keine einfache Antwort gibt.
Im ersten Reflex deckt die Untat zunächst alles andere zu. Wer Kinderpornos konsumiert, ist medial als Politiker erledigt; wer Steuern hinterzieht, hat als moralische Instanz abgedankt. Wer Woody Allens Filmdialogen zuhört, kann sich gar nicht dagegen wehren, dass bei allen Sätzen plötzlich ein anderer, doppeldeutiger, kompromittierender Subtext mitschwingt. Wer in dieser Phase versucht, an die Leistungen der betreffenden Person zu erinnern, klingt, als wolle er dessen Verfehlungen verteidigen oder verharmlosen.
Erst mit ein bisschen Abstand beginnt man, in einem zweiten Schritt, die Dinge auseinanderzudividieren: Vielleicht geht das ja doch – ein großer Politiker, eine große Künstlerin sein, trotz persönlicher Abgründe? Nur so eine Vermutung: Es wird in der Menschheitsgeschichte ja schon oft vorgekommen sein. Man wusste es bloß nicht. Perversionen, Moralverletzungen, Bereicherung, Doppelleben, Leichen im Keller, Lebenslügen: Jahrhundertlang hat das niemand erfahren müssen, solange ein Held damit nicht prahlte (und niemand ihn verriet). In die Geschichtsbücher ging es nicht ein. Erst die moderne Kommunikationsgesellschaft mit ihrer Forderung nach permanenter Präsenz, nach „Echtheit“ und „Authentizität“ macht es notwendig, Geheimnisse aktiv vor einer immer neugierigeren Öffentlichkeit zu verstecken. Und in permanenter Angst vor Entdeckung zu leben.
Gehen wir aber noch einen Schritt weiter: Was, wenn dieser persönliche Abgrund, samt der ihn ständig begleitenden Angst, sogar etwas dazu beigetragen hat, dass der Mensch ist, was er ist? Ist es möglich, dass er vielleicht gar keine große Persönlichkeit geworden wäre, gäbe es seine schwarze Seite nicht? Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, das wohl nie zufriedenstellend beantwortet werden kann. Aber manchmal erwächst Kraft zu großen Leistungen erst aus einem großen Leiden an sich selbst. Man will ein Ungenügen ausgleichen, ein schlechtes Gewissen kompensieren, das man permanent mit sich herumschleppt. Manche Menschen brauchen, um ihr ganzes Talentepotential auszuschöpfen, auch den Nervenkitzel: Sie balancieren gern am Abgrund entlang. Die permanente Angst, entlarvt zu werden, kann die Sinne schärfen. Wachsamer, schneller, schärfer, tollkühner, präziser machen. Und erfolgreicher.
Für ein Publikum, das gern zwischen gut und böse trennt, ist das nicht ganz einfach. Aber manche Widersprüche müssen wir halt aushalten.

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