Echte Flüchtlinge einst – falsche Flüchtlinge heute? Edle Fluchthelfer einst – böse Schlepper heute? Nein, so einfach geht das nicht. Eine Replik.

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Christian Ortner sagt: Das dürfe man alles nicht vergleichen. Jene Juden, die 1938/39 vor Gewalt und Verfolgung aus Österreich flohen, mit jenen Menschen, die heute vor Gewalt und Verfolgung fliehen. Er sagt auch: Man dürfe die Fluchthelfer von damals (wie den erwähnten Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger) nicht mit modernen Schleppern in einem Atemzug nennen. Erstere, meint er im Chor mit entrüsteten Lesern, seien idealistische Retter gewesen. Zweitere hingegen seien schlicht profitgierig und kriminell.

Ich meine: Mit dieser Gegenüberstellung macht man es sich zu einfach.

Beginnen wir bei den Fluchtgründen. Die Wiener Juden flohen 1938/1939 nicht aus Konzentrationslagern. Sie waren eine aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossene, entrechtete, enteignete Minderheit, sie flohen davor, gedemütigt, verprügelt, von Schlägertrupps ermordet zu werden. Der Schweizer Bundesrat sah darin keinen ausreichenden Grund, ihnen Schutz zu gewähren, und argumentierte mit einem Satz, der auch heute noch gern verwendet wird: „Das Boot ist voll“.

Wie ist das mit den Fluchtgründen heute? Kaum jemand wird ernsthaft behaupten, es gäbe auf der Welt keine Verfolgung von Minderheiten mehr, keine ethnischen Säuberungen, keinen Terror gegen Andersgläubige und Andersdenkende, keine willkürliche Inhaftierung, Verschleppung, Ermordung von Oppositionellen, keine Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen, keine Taliban, keine Diktaturen, keinen Krieg. All diese realen Fluchtgründe kann man nicht einfach wegwischen, mit dem Hinweis: „Unter den Nazis war’s schlimmer“.

Selbstverständlich gibt es neben Flüchtlingen auch Menschen, die „bloß“ der Armut entkommen wollen. Dafür jedoch ausgerechnet den Kongo als Beispiel zu nennen, wie Ortner das tut, ist entweder frivol oder zynisch. Nein, der Kongo ist nicht einfach ein „armes Land“. Sondern Schauplatz von Massakern, Massenvergewaltigungen, einem Krieg mit mehreren Millionen Toten.

Auch der Gegensatz zwischen „Fluchthelfern“ (damals, „gut“) und „Schleppern“ (heute, „böse“) ist willkürlich konstruiert. Damals wie heute gibt es Menschen wie Grüninger, die aus Idealismus handeln; aus familiärer, politischer oder ethnischer Solidarität, aus Mitleid oder Nächstenliebe. Damals wie heute gibt es auch das andere Extrem: Erpresser, Geschäftemacher, Ausbeuter; Menschen, die aus der Zwangslage der Verfolgten schnellen Profit schagen wollen, und dabei über Leichen gehen. Die Juden, die 1938/39 vor den Nazis flohen, begegneten auf ihren gefährlichen Reisen auch letzteren. Von Bauern, die ihnen für eine Übernachtung im Heustadl den letzten Schmuck abnahmen und drohten, sie zu verraten – bis hin zu mächtigen, global vernetzten Mittelsmännern, die ihnen Transitvisa bis nach Schanghai verkauften: An der Flucht österreichischer Juden haben viele gut verdient.

Die Grenzlinie zwischen Retter und Ausbeuter ist dabei oft schwer zu ziehen – einst ebenso wie jetzt. Was ist der ortskundige Dorfjunge, der einer Familie gegen Geld den Weg über die Grenze weist, sei es in den Alpen oder im afghanischen Hindukusch? Der Taxifahrer, der jemanden unerlaubt mitnimmt; der Beamte, der Passierscheine fälscht? „Kriminell“ im rechtlichen Sinn handeln sie alle, denn sie verletzen Gesetze. Ob sie auch unmoralisch handeln, hängt von den Umständen ab; von ihrer persönlichen Integrität; und von der Höhe der Beträge, die von Hand zu Hand gehen. Bekommt der Bergführer von einem dankbaren Flüchtling 50 Dollar in die Hand gedrückt, bleibt er ein Retter. Verlangt er, mitten in der gefährlichen Steilwand, 5000 Dollar fürs Weitergehen, wird er zum Ausbeuter.

Nein, man darf Verbrechen nicht gegeneinander aufrechnen. Man darf sie nicht kleinreden, nicht verharmlosen und nicht entschuldigen. Aber vergleichen, Unterschiede und historische Zusammenhänge erkennen – das darf man nicht nur. Man muss es sogar.

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2 Responses to Man darf nicht vergleichen? Man muss vergleichen!

  1. Hansel Sato sagt:

    Danke für Ihre intelligente bzw. pointierte Kommentare Frau Hamann, Österreich bräuchte mehr Journalist_innen wie Sie!

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