Wie funktioniert die Begegnungszone auf der Mahiahilferstraße?

Eine Nachschau für den Falter

Die Frau trägt eine taubenblaue Haube, darunter lugen die weißen Kabel der Kopfhörer hervor. In der Hand hat sie ein orangefarbenes Sackerl von „Betten Reiter“, allzu schwer schaut es nicht aus. Vielleicht hat sie ein neues Leintuch fürs Doppelbett gekauft, vielleicht überlegt sie eben, mit wem sie heute Nacht draufliegen wird. Jedenfalls sind ihre Gedanken nicht ganz im Hier und Jetzt, als sie bei der Gehsteigkante ankommt.

Sie hält kurz inne und schaut zerstreut links, rechts, links, bevor sie auf die Fahrbahn hinuntersteigt.  Links, rechts, links – so hat man es seit Kindertagen gelernt, so haben es einem Mama und Papa und Lehrerinnen und Polizisten stets eingeschärft, so penetrant, dass es einem irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Aber hier und jetzt,  an der Bordsteinkante der Mariahilferstraße, ist es eigentlich überflüssig. Die Frau mit der taubenblauen Haube stutzt kurz. Vielleicht fällt ihr alles gerade wieder ein – Verkehrsberuhigung, Bürgerbefragung, Vassilakou, Begegnungszone, große Streiterei, Mariahilferstraße. Und dann lächelt sie.

Die Mariahilferstraße im Januar – das ist eine Straße, auf der in jeder Minute kleine Irritationen stattfinden.  Eingefleischte Routinen sind außer Tritt geraten. Dass es gar nicht so einfach ist, sich von ihnen zu lösen, zeigt die Verteilung der Fußgänger im weitläufigen Straßenraum: Fast alle von ihnen gehen, wie früher, immer noch auf den erhöhten Gehsteigen. Wer die Straßenseite wechselt, tut das ebenfalls meist im rechten Winkel. Auf dem kürzesten Weg zügig die Fahrbahn queren – genau so hat man es gelernt.

Nur einzelne sind es, die zaghaft neue Bewegungsvarianten ausprobieren. Geruhsam am Mittelstreifen entlang schlendern, plaudern, naseputzen oder SMS schreiben in der Mitte der Fahrbahn. Solche banalen Handlungen fühlen sich keck an, provokant sogar. Ähnlich wie: Nackt im Meer schwimmen. Im Büro Schuhe und Strümpfe ausziehen und barfuß gehen. Oder im Sommergewitter den Regenschirm zuklappen – weil es eh warm ist und ohnehin schon alles nass.

Womit die Begegnungszone schon bei ihrer wichtigsten Bestimmung angelangt ist: Sie lässt einen darüber nachdenken, wofür der Straßenraum überhaupt da ist. Von wem und wofür er genutzt wird. Und welche Nutzungsarten und Verhaltensweisen wir dabei als „normal“ – und welche als „störend“ empfinden.

„Normal“ auf der Mariahilferstraße im Januar: Das ist der Winterschlussverkauf. Totalabverkauf, Inventur in allen Geschäften, minus 50 Prozent hier,  minus 70Prozent dort, Wühltische, alles muss raus. Wenn man will (und die passende Größe findet), kriegt man dieser Tage Schuhe um 15 Euro, Schischuhe um 30, und die Fäustlinge beinahe gratis dazu. Die Kunden und Kundinnen, die hier an einem Werktag Vormittag unterwegs sind, haben den fokussierten Blick von Jägern und Sammlern, stets bereit, zuzuschnappen. Alles ganz normal für die Jahreszeit.

Was anders ist also sonst: Dass nicht nur hinten in den Regalen plötzlich Leere gähnt, sondern auch vorn auf der Straße. Mehr als das Fehlen der fahrenden Autos fällt nämlich das Fehlen der stehenden Autos auf. Erstmals ist der Belag der beiden Parkspuren zum Vorschein gekommen – da sind ja viereckige Pflastersteine! Ob die jemals jemandem aufgefallen sind? Die Fugen und der Rinnstein sind penetrant sauber. Es schaut aus, als hätte man ein altes Sofa beiseitegerückt und erstmals zusammengekehrt, was sich in vielen Jahren drunter so alles angesammelt hat.

So viel Platz, was tun wir bloß damit? Dieser Gedanke kann beunruhigen. Eine Ahnung, wie schwer sich Wien mit freien Flächen tut, kriegt man am oberen Ende der Begegnungszone Mariahilferstraße, vor der Tauschzentrale am „Christian Broda-Platz“. Dessen Errichtung wurde, wie ein Metallschild verrät, mit 478.800 Euro aus der EU gefördert, zur „Stärkung der regionalen Wettbewerbsfühigkeit und integrativen Stadtentwicklung“. Der Platz: Ein paar Bäume, die aus runden Betonwannen wachsen, Trinkbrunnen, Sitzbänke.  Und dazwischen, hoch aufragend, ein Dutzend rote Stangen. Es hängt nichts dran, es wächst nichts drauf, es sind einfach hohe rote Stangen ohne erkennbaren Zweck und ohne sichtbaren ästhetischen Mehrwert. Man bekommt den Eindruck: Hier musste man ganz dringend Platz vollstellen, aus Angst, es könne zu viel davon frei bleiben.

Womit wir bei der nächsten Gewissheit sind, die durch eine Begegnungszone herausgefordert wird. Wien ist es gewohnt, dass alles, was im Straßenraum passiert, ein fixes Territorium zugewiesen bekommt. Sitzen auf der Bank, gehen am Gehsteig, parken auf dem Parkstreifen, fahren auf der Fahrbahn: So soll es sein, sagt die Verkehrspolitik. Du kriegst für deine Fotbewegungsart eine dafür vorgesehene Zone, links und rechts wird abmarkiert. Bleibst du innerhalb, darfst du fast alles; du musst bloß schauen, dass du deine Linie nicht überschreitest. Dieses Grundprinzip haben Wiener und Wienerinnen in vielen Jahrzenten verinnerlicht. Es schlug sich in persönlichen Verhaltensweisen nieder. Nicht nur bei Autofahrenden, sondern auch bei den meisten anderen: „Meine Spur gehört mir“, Komm mir nicht in die Quere“, „Ich darf das hier, denn das ist mein Terrotorium“.

Im dicht bebauten Gebiet, auf Straßen wie der Marihilfer, stößt das jedoch an Grenzen. Die letzten, die innerhalb dieser Logik befriedigt werden konnten, waren die Radfahrer, denen man noch eine schmale Spur zwischen Fußgängen, parkenden und fahrenden Autos abzwackte. Dann jedoch war Schluss. Denn der Platz zwischen der Häuserfront des sechsten und jener des siebenten Bezirks ist nicht beliebig erweiterbar, wenn neue Nutzer hinzukommen. Wenn Autos und Radfahrer eine für sie reservierte Zone haben, warum dann nicht auch die Rollschuhfahrer, Fiaker, Rollatoren, die Kinderdreiräder, Elektrofahrräder, die elektrischen Rollstühle und Segways?

Zumal auch auf den sogenannten „Gehsteigen“ einer belebten Geschäftsstraße immer mehr passiert, was nicht „gehen“ im engeren Sinn ist: Schauen, bummeln, konsumieren, sich zeigen. Essen, trinken, Eis lutschen, quatschen. Im Schanigarten sitzen, am Punschstand oder beim Maronibrater herumstehen, spielen, betteln, Hunde ausführen, demonstrieren, Unterschriften keilen, musizieren, Party machen.

Den Platz für all diese Tätigkeiten kann man nicht sauber abtrennen und abmarkieren. Man kann ihn nur teilen – und sich, je nach Bedarf, mit der Nutzung abwechseln. „Shared space“, „geteilter Raum“, heißt denn auch das englische Wort für „Begegnungszone“.  Deren oberstes Prinzip lautet: Alle Arten von Fortbewegung sind gleichberechtigt. Nichts „gehört“ irgendjemandem. Man muss langsam unterwegs sein, drauf achten, was die anderen tun, und Rücksicht nehmen  – auf was immer da kommen mag.

Eigentlich ganz einfach, möchte man meinen. Und doch so schwierig, wenn man es nicht gewöhnt ist.

In der Mitte der Mariahilferstraße leuchtet, in sattem Rot, die Illustration für dieses Dilemma. Das ist die Busspur. Die Busfahrer der Wiener Linien trauten der gemischten Nutzung nicht,  sie bestanden auf ihrem eigenen Territorium, doch nicht einmal die rote Markierung war ihnen dann Abtrennung genug.

Seither liegt die rote Schneise verwaist und ungenutzt da. Sie markiert in etwa die Grenze zwischen dem sechsten vom siebenten Bezirk, sie teilt die Mariahilferstraße in zwei Hälften, sie durchschneidet die Fußgängerzone. Niemand betritt sie. Jeder, der sie überquert, schaut unwillkürlich links, rechts, links. Denn wer weiß, was da noch kommt?

 

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