Vor genau hundert Jahren wurde die elektrische Bahn zwischen den beiden Städten eröffnet. Heute jedoch ist von Nähe immer noch keine Spur.

presse-kolumne

In Wien fühlt man sich den Nachbarn in Bratislava ja gern sehr nah. Um diese Nähe zu illustrieren, erzählt man sich gern die Geschichte von der Straßenbahn, die uns einst verband. Die ist jedoch eine Legende. Tatsächlich war es so: In der Gigergasse (beim heutigen Bahnhof Wien Mitte) stieg man in einen Zug, der, quasi als Straßenbahn, bis Schwechat fuhr. Dort wurden Lokomotiven gewechselt, weiter gings (auf der Strecke der heutigen S7) als Lokalbahn über Carnuntum, Hainburg nach Kittsee. Dort wieder Lokomotivwechsel, dann fuhr der Zug, wieder als Straßenbahn, über die Donau ins Zentrum von Pressburg (damals, als Teil der ungarischen Monarchiehälfte, mit dem Namen Pozsony).
Schnell war diese Fahrt nicht. Sie dauerte 2 Stunden 20. Dennoch war die Verbindung revolutionär – es war eine der ersten elektrischen Bahnen der Monarchie. Vor genau hundert Jahren, im Februar 1914, ging sie in Betrieb.
Karl Kraus schrieb darüber launig in der „Fackel“: „Die elektrische Bahn Wien-Pressburg ist eröffnet worden, das ist praktisch. Mitglieder des Wiener Männergesangvereins trugen dabei einen Chor vor, das ist unpraktisch. Der österreichische Eisenbahnminister hielt drei Reden, eine bei der Abfahrt des Zuges, eine an der Grenze und eine beim Ziel. Das ist viel.“ Der Minster sagte: „Es kann nicht Sache der Regierung sein, den technischen Fortschritt aufzuhalten, und was das Interesse der Allgemeinheit ist, ist schließlich auch das Interesse des Staates.“ „Das ist einsichtig“, schrieb dazu Karl Kraus.
Einsichtig ist es – aber selbstverständlich ist es nicht. Nur allzu oft behindern Regierungen den technischen Fortschritt und sperren sich gegen ökonomische oder soziale Interessen der Allgemeinheit. Aus eigennützigen Gründen, die sich aus Ideologie speisen, aus kurzsichtigem Geiz oder nationalistischer Rivalität.
In der Monarchie war das nicht anders. Die Regierung in Budapest wehrte sich gegen eine neue Bahnverbindung zwischen Pozsony und Wien, und verzögerte den Bau deshalb, so lang sie konnte. Weil die Ungarn auch niemals eine österreichische Eisenbahngesellschaft auf ihrem Territorium akzeptiert hätten, durfte die österreichische nur bis zur Grenze fahren.
Die Verbindung zwischen Wien und Bratislava überlebte zwar den Zusammenbruch der Monarchie. Doch 1935 regierte in der tschechoslowakischen Republik Edvard Benes, in Wien die Austrofaschisten, und die Bahn wurde eingestellt. Nach 1945, als sich der eiserne Vorhang senkte, wurden die Gleise zwischen Wolfsthal und der Staatsgrenze abgetragen. Es war, als würde man die Brücke für immer abbrechen wollen. In der kurzen Euphorie nach 1989 redete man zwar davon, die Pressburgerbahn wieder zu beleben – doch es blieb bei Worten. Die ÖBB tat gar das Gegenteil und verkaufte den alten Gleiskörper östlich von Wolfsthal an die Gemeinde. Heute stehen dort neue Einfamilienhäuser, die Wiederbelebung auf der alten Trasse wäre also gar nicht mehr möglich.
Die Ostbahn Wien – Marchegg – Bratislava ist immer noch nicht elektrifiziert. Auch der zweigleisige Ausbau, der seit 1989 versprochen wird, wird immer wieder verschoben.
Wie also schaut es also heute aus, mit dem technischen Fortschritt, den sozialen und gesellschaftlichen Interessen der Allgemeinheit, und der staatlichen Verkehrspolitik? Die Slowaken sind den Wienern näher denn je. Immer mehr von ihnen siedeln sich in Kittsee und Wolfsthal an, die Gemeinde Bratislava führt deshalb eine städtische Buslinie über Wolfsthal bis Hainburg, die stark frequentiert wird. Slowakische Kinder gegen in Österreich in die Schule, Slowakinnen arbeiten hier in Spitälern, Büros, Gasthäusern, Bäckereien, die Züge zwischen Bratislava und Wien sind voll.
Allerdings vor allem jene, die in der Früh nach Wien und abends in die Gegenrichtung fahren. In die andere Richtung scheint der Weg heute weiter denn je.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.