Die Belegschaft von Ö1, FM4 und Radio Wien wehrt sich gegen die Übersiedlung auf den Küniglberg. Zurecht.

ein kommentar für den falter

Wo kommen die Dinge her, die wir konsumieren? Ein wesentliches Kennzeichen unserer globalisierten Gegenwart ist: Dass wir ebendas nie wissen. Die Buchstabentasten, auf denen dieser Text getippt wird, kommen wohl aus China, Google schickt seine Links über Serverfarmen irgendwo in Iowa, der Strom fließt aus undefinierter Quelle ins Netz. Der „Halsfreund“-Tee, den ich dazu trinke, kommt aus Indien. Angeblich. Doch da geben wir uns ja meistens mit der bloßen Behauptung auf der Verpackung zufrieden.
Für die Qualität eines Produkts ist der Herstellungsort tatsächlich nicht ausschlaggebend. Es gibt Junk-Produkte aus der unmittelbaren Nachbarschaft und Hochwertiges aus fernen Klimazonen. Das konkrete Arbeitsumfeld, in dem die Dinge produziert werden, wird höchstens dann zum Thema, wenn die Misstände himmelschreiend sind und Fabrikshallen einstürzen. Ob Staubsaugerhersteller, Näherinnen, Schlachter oder Grafikerinnen in gediegenen Innenstadtimmobilien oder in zugigen Containern an der Peripherie werken, in der Zentralslowakei oder in Bangalore, tut in der Regel nichts zur Sache. Hauptsache der Kundendienst hebt ab.
Wenn uns egal ist, wo unser Staubsauger herkommt, warum sollte uns dann interessieren, wo unser Radioprogramm produziert wird? Ob im 4. oder im 13. Wiener Gemeindebezirk, in der Argentinierstraße oder auf dem Küniglberg, im Dreißigerjahre-Funkhaus von Architekt Clemens Holzbauer oder im Roland-Rainer-Bau von 1972?
Mit Händen, Füßen, Facebook und allen sonstigen zur Verfügung stehenden Mitteln sträubt sich die Belegschaft von Ö1, FM4 und Radio Wien dagegen, zu ihren Fernsehkollegen auf den Küniglberg zu übersiedeln. Beinahe aussichtslos scheint ihr Widerstand inzwischen, denn Ende vergangener Woche hat sich Generaldirektor Alexander Wrabetz nach monatelangem Hin und Her auf das ORF-Zentrum als künftigen Zentralstandort aller ORF-Sender festgelegt. Wir sollten den Radioleuten dennoch die Daumen drücken, dass sie sich durchsetzen. Wenn uns an der Qualität des Programms etwas liegt.
Das hat mit den Art des Produkts zu tun, das sie herstellen: Kultur und Information. Kultur und Information sind heikle Güter. Sie ähneln eher Pflanzen als Industrieerzeugnissen. Sie gedeihen nicht unter allen Bedingungen. Sie brauchen ein spezielles Klima, einen guten Boden und viel Nahrung, damit sie ihre ganze Pracht entfalten. Ihre Nahrung, das sind: Ereignisse, Begegnungen, Überraschungen, geplante Events und zufällige Zusammenstöße. Kultur und Information werden umso interessanter, je vielfältiger die Erfahrungen sind, die in sie einfließen. Schließlich müssen sie immer auch noch lebend eingefangen werden, direkt vor Ort, mit einem Mikrophon.
In einem verschlafenen Villenviertel am Stadtrand ist das mühsam. Wie mühsam – das sieht man am ORF-Fernsehprogramm. Denn bei aller Wertschätzung für die gute Arbeit, die viele Kollegen und Kolleginnen am Küniglberg leisten – ein lebendiges, atmendes Programm gelingt ihnen nicht wegen, sondern trotz der geographischen Umstände. Wie kultur- und kommunikationsfeindlich die sind, merkt man schon beim Weg zum ORF-Zentrum, der diametral von allem wegführt, was in Wien passiert: Erst muss man nach Hietzing, von dort weiter mit dem Bus 58B, der fährt alle zwanzig Minuten. Abends und am Wochenende fährt er gar nicht.
Nein, am Künglberg ist noch nie jemand zufällig vorbeigekommen. Dort kann man sich niemals mit Informanten spontan auf einen Kaffee oder auf ein Bier treffen. Niemals wird es vorkommen, dass einem branchenfremde Bekannte beim Mittagsimbiss Neuigkeiten erzählen. Nie geht man zwischendurch schnell einmal zum Friseur, zum Arzt, auf die Post, ins Fitnessstudio oder auch nur zum Billa. Wie in einer Raumkapsel schwebt die ORF-Belegschaft seit Jahrzehnten auf ihrem Hügel, fern der Stadt. Um von der Wirklichkeit überhaupt etwas mitzubekommen, braucht man Zeit, muss sich anstrengen und Umwege machen. Wer bequemer ist (oder keine Zeit hat), bewegt sich von der Maske in die Kantine, zur hauseigenen Bankfililiale in den hauseigenen Supermarkt und wieder zurück, und kommuniziert ausschließlich mit anderen ORFlern.
Kein Wunder, dass das TV-Programm manchmal den Eindruck erweckt, in einer Zeitschleife festzuhängen. Dass in Debatten stets dieselben Leute auftauchen. Ja doch, es gibt die Initiative „New Faces“: Da werden ORF-Mitarbeiter vom Hügel hinunter in die Stadt geschickt, um dort Kaffee- und Veranstaltungshäuser zu durchkämmen und interessante neue Leute zu suchen, die im Fernsehen auftreten könnten. Das Projekt ist lobenswert, beinahe rührend. Aber dass es überhaupt notwendig ist, verrät das ganze Defizit des Standorts.
Die Leute von FM4, Ö1 und Radio Wien kannten solche Probleme nie. Bei ihnen in der Argentinierstraße kamen immer alle vorbei – freiwillig, absichtlich oder auch nur zwischendurch, am Weg von hier nach dort. Im Radiocafe isst man gut, abends gibt es Konzerte und Diskussionen, sowohl im Haus als auch in der unmittelbaren Nachbarschaft. Man befindet sich direkt an der neuen Kulturachse zwischen Karlsplatz und Hauptbahnhof – am einen Ende Wienmuseum, Künstlerhaus, Kunsthalle, Naschmarkt, Chinatown, Galerien, Geschäfte, Partyzone. Am anderen Ende Belvedere, Einundzwanzigerhaus, der neue Hauptbahnhof und das aufstrebende Kulturzentrum um die Ankerbrotfabrik. Wer sich in dieser Gegend mit offenen Augen bewegt, kann gar nicht anders, als auf Schritt und Tritt über Geschichten zu stolpern.
Würde der ORF einen idealen Ort für die Herstellung von Kultur und Information suchen – er könnte kaum einen idealeren finden. Und er könnte kaum etwas Seltsameres tun, als einen solchen Ort ohne Not aufzugeben.

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