Gerhirnwäsche, Verschleppungen, Folter, Sippenhaft, Hunger und Mord: Der UN-Bericht über Nordkorea lässt keine Fragen offen. Nur diese: Was tun?

Rezension für den falter

Diese „Falter“-Seite heißt „das politische Buch“. Was ist das eigentlich? Eines, das Politik beschreibt? Oder eines, das politisch etwas bewirken will? Physische Buchdeckel braucht ein Buch jedenfalls keine, deswegen geht es hier heute um einen 372seitigen Download von der UNO-Homepage, die Nordkorea-Studie des Hochkommissariats für Menschenrechte. A/HRC/25/63 heißt das Dokument.
Wer es gelesen hat, ist erschöpft, erschüttert, und weiß, wie Politik in Nordkorea funktioniert. Aber was folgt aus diesem Wissen? Müsste nicht sofort jemand handeln? Aber wer – und wie?
Zum Beispiel wissen wir nun, was im Anhaltelager von Chongjin passierte. Die Zeugin Jee Heon erzählt von einer hochschwangeren Frau: „Sie arbeitete den ganzen Tag, die meisten Kinder wurden ja tot geboren. Dieses Baby aber lebte. Da hörten wir Schritte. Der Wächter kam herein.Er sagte uns, wir sollten das Baby kopfüber ins Wasser tauchen. Die Mutter bettelte, aber der Wächter hörte nicht auf sie zu schlagen, und das Baby hörte nicht auf zu schreien. Dann nahm es die Mutter und hielt es mit zitternden Händen ins Wasser. Es hörte auf zu schreien, und wir sahen eine Luftblase aus seinem Mund aufsteigen. Eine alte Frau, die bei der Geburt geholfen hatte, nahm das Baby aus dem Kübel und verließ leise den Raum. Solche Dinge geschahen öfters.“
Dank des Zeugen Jeong wissen wir über Foltermethoden Bescheid: „Am schmerzhaftesten war die ‚Taubenfolter’: Deine Hände sind hinter dem Rücken gefesselt, und dann hängen sie dich daran so auf, dass du weder stehen noch sitzen kannst. Niemand schaut auf dich. Du hängst drei Tage, vier Tage lang, urinierst, bist völlig dehydriert. Das war die schmerzhafteste von allen Methoden, so dass du lieber sterben wolltest.“
Und wir wissen nun, was Hunger mit Menschen macht. Eine Zeugin erzählt, wie sie in „Camp Nr 18“ versuchte, aus dem Kuhdung unverdaute Getreidekörner herauszuklauben. Als ein Wächter sie dabei erwischte, trat er ihr in den Kopf, sie verlor mehrere Zähne. „Ein Häftling wurde totgeschlagen, weil er gestohlene Maiskörner in seinem Mund versteckte. Als ein anderer den Mund der Leiche öffnete, um die Körner herauszuholen, prügelte man ihn.“
Nordkorea ist, was Nachrichten betrifft, ein schwarzes Loch. Jede Kommunikation mit der Außenwelt – Telefon, Internet, Reisen – ist verboten. Die wenigen Ausländer, die Visa bekommen, stehen unter ständiger Beobachtung und bekommen, wie in einer Filmkulisse, einen Scheinalltag vorgespielt. Nur einzelne Erzählungssplitter drangen nach draußen: Über Flüchtlinge, die sich nach China absetzten, oder Überläufer aus der Nomenklatura. Was sie berichteten, war schrecklich – aber kaum überprüfbar. Manches klang wie Gräuelpropaganda. Und der Zusammenhang fehlte.
Der UN-Bericht setzt nun erstmals das Puzzle zusammen. Die Recherchekommission befragte in einjähriger Arbeit 320 Zeugen, 80 davon in öffentlichen Hearings, 240 in vertraulichen Interviews. Systematisch zusammengefügt, ergibt sich daraus das Bild eines Systems, das „sich nicht damit zufriedengibt, Menschen zu beherrschen, sondern jeden Aspekt ihres Lebens durchdringen will“.
Huldigung des Führers ist oberster Daseinszweck des Volkes – etwa in den berühmten „Massenspielen“. Wer sich fügt, bekommt Wohnort, Arbeit und Essensrationen zugewiesen – die allerdings selten reichen. Zeuge Ji erzählt aus einem Hungerwinter: „Wir aßen Baumrinden, gruben die Wurzeln aus der Erde heraus, aber es reichte nicht. Unsere Großmutter und die anderen schwachen Leute bewegten sich überhaupt nicht mehr.“ 38 Prozent der Kinder sind wegen chronischer Mangelernährung kleinwüchsig. Wer sich jedoch selbstständig verpflegt, sich „Staatsbesitz aneignet“ oder als sonstwie unzuverlässig eingestuft wird, dem droht Zwangsarbeit, Deportation oder Exekution. Strafen gelten stets für die gesamte Familie, um das „Übel“ bis in die dritte Generation auszumerzen.
Pjöngjang leugnet bisher die Existenz von Straflagern. Das Buero Nr 7, das diese verwaltet, heißt offiziell „Farming Bureau“; die Häftlinge werden „ejumin“ („Übersiedelte“) genannt. Mit diesem Bericht bekommen die Lager nun Orte, Namen und Beweise zugeordnet: Es gibt Aussagen von Ex-Häftlingen und von Ex-Aufsehern, es gibt Landkarten und Satellitenbilder. Und es gibt Zeichnungen: Sie zeigen Gestalten mit riesigen Schädeln, die Schlangen und Insekten essen. Sie zeigen Foltermethoden. Und klapperdürre Leichen, wie Mumien nebeneinandergelegt, denen Ratten die Ohren abknabbern. Zwischen 80.000 und 120.000 Menschen dürften in vier großen Lagern (Nr14, Nr15, Nr16, Nr25) eingesperrt sein. Im Fall eines Kriegs haben die Wächter Befehl, alle zu ermorden, um die Spuren zu tilgen.
Die Zeugen und Zeuginnen sind ein großes Risiko eingegangen. Die Videos mit ihren Aussagen liegen verschlüsselt auf geschützten Servern, doch absolute Datensicherheit gibt es nicht. Kein Zeugenschutzprogramm und keine neue Identität kann sie sicher vor dem langen Arm des Geheimdienstes schützen, und jeder hat Verwandte in Nordkorea, an denen sich das System rächen kann. Gemeinsam haben sie dennoch eine Indizienkette zusammengetragen, die systematische Menschenrechtsverletzungen beweist.
Nordkorea, Miglied der UNO, verfolge diese Art Politik seit Jahrzehnten, und die Reaktion der Staatengemeinschaft darauf sei bisher „inadäquat“ gewesen, so das Resumee von Michael Kirby, dem Vorsitzenden der Kommission. „Die UN müssen sicherstellen, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden.“
Wie? Das wäre jetzt die Frage für die Politik. Die sich zumindest nicht mehr darauf ausreden kann, man habe nichts gewusst.

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