Ist das, was in der Zeitung steht, etwas wert? Dann braucht es einen Preis. Oder nicht? Dann können wir gleich zusperren.

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Ich bin ein Zeitungsmensch. Nicht nur, dass ich mit In-der Zeitung-Schreiben einen Teil meines Lebensunterhalts verdiene. Ich lese Zeitung auf Papier, ich lese Zeitung auf dem Bildschirm. Ich lese sie auf dem Sofa, ich lese sie in der Straßenbahn. Ich habe Papier-Abos und iPad-Abos. Und in all diesen Zeitungen liest man dieser Tage einiges über Zeitungen. Kollege Michael Fleischhacker hat eben ein ganzes Buch darüber geschrieben. Der „Standard“ entlässt 30 Leute, in der „Presse“ wird in ähnlichem Umfang gespart, in Deutschland haben die „Financial Times“ und die „Frankfurter Rundschau“ zugesperrt, die „Münchner AZ“ demnächst auch. Irgendetwas geht sich da nicht mehr aus. Was? Das spüre ich als Zeitungskäuferin deutlicher als als Zeitungsschreiberin.
Es ist nämlich so: Wie fast alle Konsumenten zahle ich für manche Dinge gern. Wenn ich Schuhe kaufe, von denen ich weiß, dass sie ordentlich produziert wurden, aus gutem Material sind und mehrere Jahre halten werden, ohne dass ich Schweißfüße kriege, dürfen sie teuer sein. Gleichzeitig habe ich nichts gegen ein bisschen Billig-Trash einzuwenden, ab und zu. Wenn ich im Ein-Euro-Shop Plastiksandalen um 3,99 Euro erstehe, ist mir allerdings klar, dass sie nichts wert sind. Dass sie wahrscheinlich unter unwürdigen Bedingungen hergestellt wurden. Lang halten werden sie wohl auch nicht.
Beide Arten Produkte haben ihren Markt und ihre Käufer. Beides ist ein logisches Geschäftsmodell.Was hingegen nicht funktionieren wird: Wenn in der Auslage des Geschäfts zwei Paar Schuhe stehen, die einen teuer, die anderen quasi geschenkt, doch beide identisch. Ob man viel oder nichts bezahlt, hängt einzig von der Farbe der Schachtel ab: rot oder blau.
Dieser Anblick wird Verwirrung auslösen, oder gar Ärger. Denn jetzt fühlen sich gleich beide Arten Konsumenten irritiert. Wer die teuren Schuhe bereits trägt, weil sie ihm wichtig waren, fühlt sich übers Ohr gehauen, wenn er merkt, dass er dieselben, in anderer Verpackung, auch umsonst bekommen hätte. Er kann sich über seinen Besitz nicht mehr recht freuen, beginnt an der Qualität zu zweifeln. Dem Junksüchtigen hingegen kommt das Angebot ebenfalls verdächtig vor: Warum bloß drängt mir der Händler ein Produkt gratis auf, für das er anderen Geld abgenommen hat? Ist da ein Haken dran? Will er etwas anderes von mir als mein Geld – meine Schuhgröße, meine Adresse, meine Liebe? Oder ist gar an der roten Schachtel etwas faul, ist sie derart giftig, dass der Händler sie so rasch wie möglich loswerden will, egal mit wechen Schuhen drin?
Ähnlich wie dem verstörten Schuhkäufer geht es heute jedem, der Zeitungen konsumiert. Wer unabhängige Information will; informative, kontroversielle, spannende, gut recherchierte, schön geschriebene Geschichten, ist meistens bereit, dafür etwas zu zahlen (schließlich ist es jedem einsichtig, dass jene Menschen, die sich alles ausdenken, recherchieren, schreiben auch bezahlt werden müssen). Wem hingegen bloß gerade langweilig ist, wer zwischendurch Zerstreuung oder eine schnelle Info übers Fernsehprogramm sucht – dem reicht auch, was man zufällig zwischen die Finger kriegt, von Suchmaschinen, Online-Portalen oder den Inserenten der Gratis-Zeitungen ausgewählt.
Beide Arten Produkte haben ihren Markt, beide haben ihre Konsumenten. Nur eines geht nicht: Dieselben Geschichten gleichzeitig verschenken und verkaufen, mal in der roten Zeitungsverpackung, mal in der blauen Onlineverpackung. Sich dann wundern, dass die Kunden irritiert sind, immer weniger kaufen und immer weniger Geld hereinkommt. Und als Konsequenz daraus bloß immer mehr sparen, immer mehr Leute entlassen, das Produkt immer dünner, billiger, beliebiger machen, und immer weniger Geschichten herstellen, die es am Ende zu kaufen und zu lesen lohnt.
Dann nämlich können wir ebenso gut gleich zusperren.

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