Eigentlich war die Idee: Der Staat hilft den Schwachen. Heute ist es umgekehrt: Der Staat hilft den Starken, die sich verspekuliert haben.

presse-kolumne

„There ist no such thing as society!“: Mit diesem Ausspruch hat sich Margaret Thatcher, die legendäre konservative Premierministerin Großbritanniens, in die Annalen eingeschrieben. Der Satz fiel im vergangenen Jahrhundert, 1987, in einem Interview, in folgendem Zusammenhang: „Wir leben in einer Zeit, in der zu viele Kinder und Erwachsene glauben – ich hab’ ein Problem, und es ist Aufgabe der Regierung, sich darum zu kümmern! So laden diese Leute ihre Probleme bei der Gesellschaft ab. Aber wer ist das eigentlich, die Gesellschaft? Die Gesellschaft gibt es nicht!“
Das klang gut. Der Satz wurde in den Achtziger- und Neunzigerjahren zum Schlachtruf der Neoliberalen. Sie erinnern sich vielleicht: Es war die Zeit, in der man schnell reich werden konnte, und Banker und Börsenspekulanten noch Helden waren. Andere versuchten, ihnen nachzueifern, zumindest äußerlich. Sie trugen Gel in den Haaren, genagelte Schuhe und Hosenträger. Michael Douglas im Film „Wall Street“ (ebenfalls aus dem Jahr 1987) war ihr Prototyp.
Jene, die der Börsenboom damals nach oben spülte, nannten sich „Leistungsträger“. Sie sagten: Jeder kann es schaffen, wenn er oder sie nur will. Schaut uns doch an, macht es uns nach: Wir tanzen ohne Netz auf dem Seil. Wir wollen unternehmerische Freiheit. Wir wirtschaften auf eigene Verantwortung, kennen die Risiken, die wir eingehen, und tragen sie bis zur letzten Konsequenz.
Auf weniger Erfolgreiche schauten diese Leute herab, manchmal mit Mitleid, manchmal mit kaum verhohlener Verachtung. Ach, all diese Sozialschmarotzer mit ihren billigen Haarschnitten und ausgelatschten Schuhen! Wahrscheinlich haben sie sich nicht im Griff, können nicht planen, leben über ihre Verhältnisse, treffen falsche Entscheidungen, bauen Mist. Und dann erwarten sie, dass die Allgemeinheit ihnen aus der Patsche hilft! Dass der Staat ihre Fehler ausbügelt, ihre offenen Rechungen bezahlt, für ihre Schulden aufkommt, sie vor der Pleite bewahrt. Aber wie kommen wir, die Leistungsträger, eigentlich dazu? „Die Gesellschaft gibt es nicht!“ Solidarität, staatliche Hilfe – das ist etwas für Feiglinge, für Schwache, für Versager. Wir sind Individualisten. Wir brauchen das nicht.
Michael Douglas ist heute ein alter Mann, Margaret Thatcher ist tot, und siehe da: Die Perspektive hat sich verändert. „Ich hab’ ein Problem, und es ist Aufgabe der Regierung, sich darum zu kümmern“ – so etwas hört man heute seltener von Leuten mit billigen Haarschnitten und ausgelatschten Schuhen. Dafür umso häufiger von Leuten in feinem Zwirn. Die Banker und Börsenspekulanten sind zwar in die Jahre gekommen, Hosenträger tragen sie nicht mehr, Gel im Haar ist out. Doch die einst so sehr verachtete Allgemeinheit steht bei den Erben von Michael Douglas plötzlich hoch im Kurs.
„Die Gesellschaft gibt es nicht“? O doch, jetzt gibt es sie, und auf einmal fühlt sich ihre Existenz sehr angenehm an. Wie war das nochmal mit Individualismus, unternehmerischer Freiheit, mit Eigenverantwortung und den Risiken, die man ganz bewusst eingeht und trägt, bis zur letzten Konsequenz? O nein, ganz so radikal war das doch nicht gemeint. Wenn man sich nicht im Griff hat, wenn man schlecht geplant, sich maßlos überschätzt, falsche Entscheidungen getroffen, Mist gebaut hat – dann ist es sehr fein zu wissen, dass man nicht ganz allein ist. Ist der Staat denn, bitteschön, nicht genau dafür da, dass er jene auffängt, die vom Seil fallen? Dass er unsere Fehler ausbügelt, unsere offenen Rechungen bezahlt, für unsere Schulden aufkommt, uns vor der Pleite bewahrt?
„There is no such thing as society?“ O yes, there is. Es ist die Gesellschaft, die den Schnöseln von gestern die Schulden zahlt. Und es sind die verachteten Sozialschmarotzer von gestern, die das Geld dafür überweisen.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.