Die Asylwerber aus dem Servitenkloster sind wieder frei. Was bleibt, ist Unbehagen: Wie schnell das mit ihrer Verleumdung ging. Und wie folgenlos es blieb.

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Acht Gefängnismonate sind also jetzt vorbei. Am Ende der acht Monate stand eine Staatsanwältin, die einen Antrag auf Enthaftung stellte, weil eine noch längere Untersuchungshaft „unverhältnismäßig“ sei. Eine Richterin, die sagte, mit dem vorliegenden Akt könne sie „nicht arbeiten“. Anwälte, die über Schlamperei, Fehler und falsche Übersetzungen in den Vernehmungsprotokollen klagen. Wenn dieser Prozess fortgesetzt wird, wird allenfalls noch darüber geredet, wer wem ein Döner Kebap bezahlt, und wer wen im Railjet von Budapest nach Wien begleitet hat.
Alles okay also? Nichts gewesen, nicht passiert? Doch, da war schon noch etwas. Es ist allerdings acht Monate her.
Die ersten Augusttage des vergangenen Jahres: Hochsommer. Der Juli hatte einen neuen Rekord an Sonnenstunden gebracht. Die Salzburger Festspiele begannen. Im Servitenkloster warteten einige von der Caritas betreute Flüchtlingsaktivisten auf ihre Abschiebung. Ganz Wien lag ermattet im Freibad. Und es war Wahlkampf.
Da kam die Spitzenmeldung in den Nachrichten: „Schlepper als Asylwerber getarnt!“ Da war eine Presseaussendung des Bundeskriminalamts: Man ermittle gegen eine „große kriminelle Organisation… Die Erhebungen haben ergeben, dass pro geschleppter Person bis zu 10.000 Euro verlangt wurden. Bis jetzt konnten der Organisation Schleppungen von mindestens 300 Personen nachgewiesen werden“, somit sei „ein Umsatz von mindestets drei Millionen Euro nachgewiesen“, hochgerechnet sogar bis zu „zehn Millionen Euro“.
Da war eine Innenministerin, die dem KURIER ein ganzseitiges Interview gab: „Wir wissen, dass es sich hier um einen Schlepper-Ring handelt, der auf brutalste Art und Weise vorgeht. Bis jetzt gab es sieben Verhaftungen, davon fünf allein im Umfeld des Servitenklosters.’ ‚Mit welchen brutalen Methoden hat der Schlepperring agiert?’ ‚Sie haben äußerst unmenschlich agiert. Wenn es etwa Probleme mit schwangeren Frauen auf der Schlepper-Route gab, dann wurden diese Frauen hilflos auf der Route zurückgelassen.“ So stand es da, ungekürzt, autorisiert von der Ministerin.
Und dann waren da die Schlagzeilen der Kronenzeitung, in fetten Lettern: „So brutal war das Schlepper-Syndikat! Wer als Bedrohung galt, wurde seinem Schicksal überlassen, einfach aus fahrenden Zügen geworfen. Bedrohungen – das waren schreiende Schwangere, Alte, Kranke. Die Schlepperbanden aus dem Wiener Servitenkloster gingen mit menschenverachtender Brutalität vor. Wer schwächelte wurde ausgesetzt. Auf offener Strecke aus Zug oder PKW geworfen. Schwangere in Wehen, Kranke – sie mussten sehen, wie sie am Leben blieben mitten im Nirgendwo.“
Aus heutiger Sicht kann einem da das Frösteln kommen. Wie schnell das alles geht. Wie schnell aus Zeitungsausträgern und politischen Aktivisten in der öffentlichen Wahrnehmung brutale Gewalttäter werden. Wie die „Schwangeren“ einfach von einer Geschichte in die nächste weitergereicht – geschleppt! – werden, egal ob sie wollen oder nicht; egal, ob sie überhaupt je existierten. Wie rasch zum Mittel der absichtlichen Desinformation gegriffen wird, wenn sich jemand kurzfristige PR-Vorteile davon verspricht. Geschmeidig greift da eins ins andere, eifrig spielt einer den Ball an den anderen weiter, um die Erregung zu steigern – die Polizei, die Polizeireporter, der Boulevard, die Ministerin, der ganze Apparat.
Dann ist die Stimmung vergiftet, die Wahlen sind geschlagen, der Herbst geht ins Land, acht Menschen sitzen in U-Haft, ihr Ruf ist ruiniert. Sechs von ihnen bleiben dort den ganzen Winter hindurch, bis Donnerstag letzter Woche, ohne dass sich jemand je bei ihnen entschuldigt hätte – Polizei, Polizeireporter, Boulevard, Ministerin oder sonstwer aus dem ganzen Apparat.
Alles okay, alles normal. Ist ja nichts gewesen. Ist ja öfters so.

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