Opinion Leader: So haben Sie mich eben genannt. Dieses Wort ist mir hängengeblieben, weils mir anfangs beinahe absurd vorkam. Ich hab mich nie als Opinion Leaderin gefühlt, im Gegenteil. Ich kenn mich nicht aus in solchen Räumen wie hier (der Präsidentschaftskanzlei), in den Zentren der Macht, ich fremdle an Orten, wo viele Kollegen sind. Ich war immer eher im Abseits daheim.
Die Auslandsberichterstattung, wo ich so gern und so lang war, ist ja quasi das Abseits per Definition, in der Redaktion. Auch im Ausland vor Ort war ich selten mittendrin im Geschehen. Sondern meistens am falschen Ort, zur falschen Zeit. Zu früh, zu spät dran, niemand von den Kollegen da, alle schon weg. Umgekehrt – bei den lokalen Geschichten, die in den letzten Jahren so gern mache, bewege ich mich häufig überhaupt nicht vom Fleck. Sondern schau mir bloß das normale Leben um mich herum an – meine Nachbarn, die Geschäfte, die Schulen meiner Kinder.
Ich fand dieses Abseits immer sehr super. Hatte das Glück, dass es Chefs gab, die mich dort sein ließen (Kurier, profil, Falter, Presse). Über eins war ich mir immer sicher: dass ich im Abseits immer Geschichten finden würde. Oft sogar die schönsten.
Und jetzt steh ich hier, in der Mitte von allem, krieg diese Auszeichnung, und lese darin eine wunderbare Botschaft: Dass dieses Draußen auch für andere eine Bedeutung hat. Die Erfahrungen, die aus dem Abseits kommen. Die Ideen, die manchmal vielleicht sogar nur deswegen entstehen, weil man nicht Teil des Betriebs ist, weil man nicht jeden Tag in einer Redaktion verbringt. Weil man frei ist.
So, hier könnte diese Rede jetzt zu Ende sein.
Aber jetzt hab ich schon das Wort „frei“ gesagt, und da darf ich nicht in Gefälligkeit aufhören. Wir müssen nämlich darüber reden, unter welchen Bedingungen Geschichten aus dem Abseits zustandekommen. Über Geld. Über Zeit. Über Unabhängigkeit. Und über die Frage, ob wir grade dabei sind, den Journalismus als Berufsstand abzuschaffen.
Es ist nämlich so: Mir geht es wunderbar. Besser als wahrscheinlich fast allen freien Journalisten in Österreich. Ich lebe gut, weil ich unterrichte, diskutiere, als Zirkuspferd gebucht werde, ein dutzend andere Dinge tue, und – mit Presse und Falter – besonders supere Auftraggeber habe, die mir mehr zahlen als anderen. Aber sogar ich könnte vom Schreiben nicht leben. Vor allem nicht von dem, was mir am wichtigsten wäre: nämlich Geschichten, für die man hinausmuss, Geschichten, bei denen man sich auf Menschen, unerwartete Situationen, Seltsamkeiten einlässt. Für die man Zeit braucht. (Ich hab bei der Einreichung für diesen Preis geschaut, was ich dieses Jahr geschrieben habe, und bin ehrlich erschrocken. Reportagen waren da gar nicht mehr viele dabei.)
Das ist nicht mein persönliches, individuelles Problem. Das betrifft die ganze Branche. 2,45 cent pro Anschlag, also 120, 150 Euro Honorar für eine einseitige Geschichte: Das ist der KV-Satz für freie Journalisten, und den kriegen die allermeisten auch, nicht nur Anfänger. Sondern Leute in meinem Alter. Die etwas können, erfahren sind, Familien ernähren und Preise gewinnen.
Wer 150 Euro zahlt, muss wissen, was man dafür fairerweise kriegen kann: Einige Stunden Onlinerecherche, ein paar schwungvolle Formulierungen; man kriegt Content zum Seitenfüllen. Was man für 150 Euro nicht kriegen kann: Die ganz neue, die irgendwie riskante, die irgendwie besondere Geschichte. Man kann für 150 Euro ncht kriegen, dass jemand drei Tage lang wohin fährt, und dann noch zwei, drei Tage damit verbringt, eine originelle Form und eine präzise Sprache zu finden.
Wer 150 Euro zahlt, muss auch wissen, welche Art Journalisten man damit erzeugt: Solche, die eigentlich einen anderen Beruf haben, für die Schreiben halt ein Hobby ist. Solche mit gut verdienenden Partnern oder schönen Erbschaften. Solche, die mit dem Schreiben vor allem in den Wert ihrer Marke investeren, um diesen Markenwert dann in anderen Feldern zu Geld machen – in der Werbung, in der Politik, in der Beratung. Man erzeugt Journalisten, die nebenher PR-Jobs machen, um sich den Journalismus damit quasi selber querzufinanzieren. Oder aber Journalisten, die sich selbst ausbeuten, tägliche Existenzangst haben, ausbrennen, und irgendwann alles hinschmeißen. Ich fürchte: Es sind manchmal die allerernsthaftesten, die wir da verlieren.
Wollen wir das? Es gibt ganz sicher einige in diesem Land, denen genau diese Entwicklung sehr gelegen kommt.
Aber wenn wir unabhängigen, angstfreien, unbestechlichen, selbstbewussten Journalismus wollen, müssen wir es Journalistinnen und Journalisten ermöglichen, unabhängig und halbwegs angstfrei leben zu können – sowohl die angestellten als auch die freien. Und wenn wir neue, besondere Geschichten lesen wollen, die noch niemand erzählt hat – dann müssen wir irgendjemandem die Zeit und die Ressourcen in die Hand geben, um diese Geschichten auch suchen zu gehen.
So, jetzt ist das alles eine Gewerkschaftsrede geworden. Was ja gar nicht so unpassend ist, wo die Gewerkschaft doch diesen Preis vergibt.
Mir scheint, dass es kein Zufall ist, dass nun gleich auch die wunderbaren Kollegen und Kolleginnen vom Dossier ausgezeichnet werden. Das sind auch so Menschen, die selbstständig sind, die von draußen kommen, die machen wollen, was kaum jemand anderer macht, die dafür neue Formen der Kooperation ausprobieren, und eine neue materielle Existenzgrundlage für ihre Arbeit suchen. Ich finde das mutig. Ich finde es sehr spannend. Und ich hoffe, dass es uns, mit Hilfe der Gewerkschaft und der Herausgeber, auch gelingt.

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9 Responses to Was man um 150 Euro kriegen kann – Meine Dankesrede zum Kurt-Vorhofer-Preis

  1. Tina Goebel sagt:

    Danke für diese tolle Rede, du sprichst mir aus der Seele!

    Ich werde das heute auch einem Rudel Jungjournalisten vorlesen…

  2. Franziska Bukowsky sagt:

    Liebe Frau Hamann,
    ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Preis und bewundere Sie für den leider ach so wahren Zeit zeugenden Bericht.
    Bin selbst keine Journalistin, habe eine Tochter dieses Genres, kenne den Um- und Zustand, die Haltung der (eigenen) Gewerkschaft und finde es schlichtweg schlimm und untragbar.
    Wohin geht die Meinungsfreiheit der Journalisten?
    Wohin die ungebundene Information an die Umwelt?

    Ich wünsche Ihnen und allen Journalisten eine Gewerkschaft und Verlage, die sich nicht abschütteln und euch auch noch “leben lassen”.

  3. […] den Robert-Hochner-Preis 2014. Wir freuen uns über die Anerkennung. Hier geht es zu den Reden von Sibylle Hamann und Dossier-Chefredakteur Florian […]

  4. gerald pernitsch sagt:

    vielen dank frau hamann für diesen wunderbaren konzisen artikel. es möge gelingen – um unser aller willen.

  5. mir.70 sagt:

    Wow.
    Und: Danke!

  6. Dem ist nichts hinzuzufügen. Genau so ist es.
    (in extremis: SZ-Reportage/Buch für 50 € Honorar,
    habe als Resultat 2013 das Handtuch geworfen)
    Danke und Alles Gute.

  7. rainer krispel sagt:

    danke, einfach danke.

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