Das Schulsystem ist undurchlässig wie eh und je. Bildung wird vererbt. Die Initiativen „Arbeiterkind“ und „Teach for Austria“ versuchen, das zu ändern.

Eine Reportage für den Falter

Wien, 1956. Wien ist eine graue Stadt, und der kleine Erwin, 7 Jahre alt, lebt auf ihrer finsteren Seite. Eine Zimmer-Küche-Wohnung im vierten Bezirk, Substandard, Klo und Bassena am Gang. 20 Quadratmeter für Erwin, seinen Halbbruder und die Mutter. Die Mutter ist nach ihrer Scheidung aus Niederösterreich hierhergezogen, sie ist Hilfsarbeiterin. Ab und zu jobbt sie als Packerin im Kaufhaus Gerngroß, die meiste Zeit ist sie arbeitslos.
Einmal in der Woche fährt Erwin an der Hand seiner Mutter in die Thaliastraße, das Arbeitslosengeld am Amt abholen, in bar. Es ist immer zu wenig. Bei der Milchfrau müssen sie anschreiben. Es gibt wenig zu essen, nur abgetragene Hosen, überall Schulden. Was Erwin in der Schule macht, ist der Mutter egal. Hauptsache, er wird bald fertig mit der Schule und kann endlich Geld verdienen.
Erwin ist ein intelligentes Kind. Aber 1956 ist es sehr wahrscheinlich, dass er es nicht weit bringen wird. Seine Volksschullehrerin mag ihn nicht. Um das Einmaleins zu lernen, sollen die Kinder den Wochenlohn der Eltern mit vier multiplizieren, und so das Monatseinkommen errechnen. Das lächerlich geringe Ergebnis, das Erwin bringt, macht die Lehrerin böse. „Du sollst rechnen, nicht irgendwas erfinden“, schreit sie, und zerreißt den Zettel. Für die Lehrerin, die Mutter und alle anderen ist klar: Erwin gehört nicht ins Gymnasium. Für einen wie ihn ist höhere Bildung nicht vorgesehen.
Wien 1993. Wien ist inzwischen lebendiger geworden, aber im 20. Bezirk ist es noch grau. Der kleine Hakan, 7 Jahre alt, wohnt mit Eltern und drei Brüdern auf Zimmer-Küche-Kabinett, Dusche in der Küche, Klo am Gang. Der Vater kam als Textilarbeiter aus der Türkei, hat sich mit einer kleinen Änderungsschneiderei selbstständig gemacht, doch es läuft schon das Konkursverfahren. Die Mutter geht putzen, damit sie über die Runden kommen. Weil die Eltern Heimweh haben, ist oft Besuch da. Erst wenn der weg ist, können sich die drei Buben auf der Ausziehcouch schlafenlegen.
Hakan ist ein intelligentes Kind. Übersetzt Briefe für die Eltern, zahlt Erlagscheine ein, begleitet sie zum Arzt, fährt ins Fachgeschäft, um Knöpfe und Zipps für die Schneiderei zu kaufen. Seine Schulaufgaben schreibt er mittags am einzigen Tisch der Wohnung, schnell, bevor die Mutter das Essen draufstellt.
Österreich hat in den Siebzigerjahren eine Bildungsreform erlebt. Viele Arbeiterkinder haben inzwischen Aufstieg durch Bildung geschafft – Franz Vranitzky, Brigitte Ederer, Barbara Prammer. Schulbücher sind kostenlos, die Aufnahmeprüfung am Gymnasium ist abgeschafft, doch hier in der Brigittenau, im Alltag der neuen Arbeiterkinder, sind diese Veränderungen nicht angekommen. Hakans Noten würden fürs Gymnasium reichen. Doch niemand kommt auf Idee, ihn dort anzumelden.
Für Eltern, Lehrerin und Hakan selbst ist klar: Das Gymnasium ist die Schule für jene Schulkollegen, die daheim deutsch reden. Die mit den teuren Federpenalen, dem modischen Spielzeug, den gesunden Jausenbroten, den Müttern im Elternverein. Einer wie Hakan gehört dort nicht hin.
Erwin Greiner, heute 65, und Hakan Aksüz, heute 27, haben es dennoch geschafft. Auf Umwegen, gegen Widerstände, dank glücklicher Zufälle. Erwin half eine neue Volksschullehrerin, die an ihn glaubte, und sein Deutschprofessor, der Ernst Jandl war. Dass er ein guter Basektballer war, verschaffte ihm Respekt. Heute ist er Gymnasialdirektor in Pension.
Hakan Aksüz half, dass er selbstständiger war als andere. Als Hauptschüler suchte er sich die Adresse der Handelsakademie heraus, meldete sich an, lieh in der Bücherei Bücher aus, fand ein Jugendzentrum, in dem es billige Nachhilfestunden gab, und ging Samstags beim Billa Regale schlichten, um das Geld dafür zu verdienen („es war ein Billa in der Innenstadt, die kannte ich bis dahin gar nicht.“) Er schaffte die Matura, ein BWL-Studium, begann eine Karriere in der Finanzabteilung eines Autokonzerns.
Aber beide Männer wissen, wie knapp das war. Wie schnell sie hätten scheitern können, und wie viele vor ihnen, nach ihnen, neben ihnen gescheitert sind – Brüder, Schwestern, Nachbarn. Die Statistik sagt: Die Hälfte der Akademikerkinder werden selbst Akademiker, aber nur 5% der Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss. Greiner und Aksüz haben am eigenen Leib erfahren, wie schnell das österreichische Schulsystem aussortiert, wie viel Willkür dabei herrscht, und wie wenig struktuelle Hilfe es für Kinder gibt, denen das „richtige Milieu“ und das nötige Selbstbewusstsein nicht in die Wiege gelegt sind.
Heute, im Jahr 2014, wohnen in den Zimmer-Küche-Wohnungen nicht mehr die Arbeiterkinder, sondern die Kinder von Zeitungszustellern, Pflegehelferinnen, Asylwerbern, Putzfrauen, Taxifahrern. Doch es gelten immer noch dieselben Regeln.
Nawal zum Beispiel ist 11, ein intelligentes Mädchen in Favoriten. Vor zwei Jahren erst kam die Familie aus Ägypten, doch an der Mittelschule schreibt sie in allen Fächern außer Deutsch Einser. Ihr Klassenlehrer erkennt ihre Ambition, weiß, dass sich das Fenster bald schließen wird, ruft im Gymnasium an, findet sogar einen Platz dort. Nawals Mutter geht hin, um sie anzumelden. Sie spricht wenig deutsch, trägt ein Kopftuch und ausgetretene Schuhe, sie hat Nawals keinen Bruder an der Hand, der behindert ist. Mutig betritt die Frau das Gymnasium, findet sogar die Tür zur Direktion, traut sich anzuklopfen und einzutreten, erklärt, dass sie ihre Tochter anmelden will. Dann wird sie weggeschickt.
Während gleichzeitig der Mittelschullehrer von seiner Direktorin eine Rüge für seinen Alleingang einfängt. Wie er sich unterstehen könne, Nawal wegzulocken, ihr falsche Hoffnungen zu machen? Wo es doch eindeutig sei, dass eine wie sie nicht ins Gymnasium gehöre, sondern „hierher zu uns“?
„Ich kann es nicht fassen, wie viel Potential hier jedes Jahr verloren geht!“ sagt Hakan Aksüz. „Es ist eine fundamentale Ungerechtigkeit, die ich einfach nicht wegstecken kann, immer weniger, nach all den Jahren, in denen ich sie miterlebe“, sagt Erwin Greiner.
„Arbeiterkind“ heißt eine 2008 in Deutschland gegründete NGO. Sie steht jenen, die es als erste ihrer Familien auf die Uni schaffen, mit Coaching und Tipps zur Seite. Eben entsteht mit Greiners Unterstützung der österreichische Ableger des Vereins. Weil das Problem aber nicht erst beim Studium, sondern schon in der Schule beginnt, ist Greiner auch bei „Teach for Austria“ dabei. Das ist eine NGO, die Spitzenkräfte aus verschiedensten Berufen für jeweils zwei Jahre als Lehrkräfte an sogenannte „Problemschulen“ schickt. Um dort nicht das Problem, sondern das Potential zu suchen – was mit einem Blick, der außerhalb der klassischen Lehrerausbildung geschärft wurde, vielleicht ein bisschen besser gelingt.
Die sogenannten Fellows bekommen dafür eine mehrmonatige Ausbildung und werden intensiv begleitet. Aksüz wird ab Herbst einer von ihnen sein – „weil es mir wichtiger ist, etwas zu verändern, als Karriere zu machen.“ Er freut sich drauf. Es wird spannend. Aber leicht wird es nicht.
Das beginnt man zu ahnen, wenn man den drei „Teach-for-Austria“-Fellows zuhört, die an einem Frühsommertag in einem Wirtshaus ihre Erfahrungen austauschen. Aus ihren Geschichten aus Ottakring, Favoriten und Simmering setzt sich ein komplexes Geflecht aus Gefühlen und Gesetzen, Ängsten und Dünkeln zusammen, das Aufstiege in Österreich so schwer macht.
Es beginnt bei den Kindern: Wie klein die Ziele oft sind, die sie sich selbst gestatten. Ein Mädchen in der Mittelschule träumt davon, Zahnarztassistentin zu werden. Warum denn nicht Zahnärztin? Auf diese Idee käme sie nie. Wie denn auch – in ihrer Familie, ihrer Klasse, im Park ist noch nie jemandem begegnet, der Ambitionen hätte.
Es geht weiter mit Eltern, die wissen, dass sie ihren Kindern nicht helfen können, weder bei der Integralrechnung, noch mit Geld für Nachhilfe oder den Sprachkurs in England. Und deshalb froh sind, wenn höhere Ziele gar nicht zur Debatte stehen. „Ist er denn brav?“ lautet ihre wichtigste Frage beim Elternsprechtag.
Es gibt Volksschullehrerinnen, die mit ihrer Schlüsselrolle bei der Sortierung der Kinder überfordert sind. Wer Akademikerkinder ins Gymnasium schickt und Arbeiterkinder in die Mittelschule, bleibt auf der sicheren Seite; umgekehrt könnten Konflikte entstehen. Es gibt Mittelschullehrer, die es gut meinen, „ihren“ Kindern Enttäuschungen ersparen wollen, und ein Eigeninteresse haben, „Einserkinder“ in ihren Klassen zu behalten. Es gibt Gymnasiallehrerinnen, die sich „homogene“ Klassen wünschen. Und offen aussprechen, dass ein Kind, das daheim keine Hilfe bekommt, „bei uns nichts verloren hat“.
Und dann gibt es den riesigen Rucksack an Verantwortung und Problemen, den manche Kinder mit sich herumschleppen. Und damit alleingelassen werden – selbst wenn sie alle anderen Hürden meistern.
Ninda etwa wollte Ärztin werden. Vor acht Jahren kam sie mit ihren Eltern aus Tschetschenien, wider jede Wahrscheinlichkeit schaffte sie es sogar ins Gymnasium. Doch „das war grad eine schweirige Zeit“, erzählt sie: der Aufenthaltsstatus ungeklärt, ständig Umzüge, Anwaltstermine, Amtswege, bei denen sie übersetzen musste, und dann waren noch die fünf kleinen Geschwister zu versorgen. „Ich konnte einfach nicht lernen“, sagt sie entschuldigend, „und ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich Hausaufgaben machen soll.“
Ninda landete schließlich, wie so viele Arbeiterkinder, in einer „Rückfluterklasse“. Dort sammeln sich alle, die sich getraut haben, die es probieren wollten, doch noch an einer höheren Schule den Anschluss zu schaffen, vielleicht sogar Matura? Und dann, oft schon nach den ersten verwirrenden paar Monaten, wieder ausgeschieden werden, demoralisiert, gedemütigt.
Es gibt hunderte solcher Kinder, jedes Jahr. „Ich hatte einen in einer Rückfluterklasse, der monatelang nicht mehr gesprochen hat“, erzählt eine Lehrerin. Man kann es Traumtisierung nennen. Oder auch eine Lehre fürs Leben in Österreich: Achtung, es kann gefährlich werden, wenn du dir mehr zutraust, als dir zugedacht ist. Vielleicht versagst du, und dann rappelst du dich nie wieder auf.
Ninda hat die Niederlage weggesteckt. Sie ist jetzt 15, und hat sich damit abgefunden, auf die Krankenpflegeschule gehen, zu der ihr alle Lehrerinnen raten. „Das passt schon so“, sagt sie. Den Traum von Gymnasium, Studium und Ärztin hat sie abgehakt. Mit demselben Satz, der Erwin und Hakan und all die anderen ihr Leben lang begleitet: „Ich glaube, ich gehöre dort nicht hin.“

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One Response to In welche Schule gehörst du, Hakan?

  1. Sonni Stribrny sagt:

    bin vollkommen derselben Meinung, aber es kommt noch einiges dazu…meine Tochter war Legasthenikerin und kam trotz gutem logischem Verständnis nicht ins Gymnasium…wir Eltern, beide selbst Lehrer, konnten ihr nicht helfen:” zu viele Fehler–nicht genügend”…..das österreichische Schulsystem funktioniert noch immer nach dem Motto “aussieben, die schlechten raus” statt alle Talente und Fähigkeiten der Kinder zu fördern….und dann, das sage ich als Mutter, Großmutter und pensionierte Lehrerin, die Entscheidung mit 10 Jahren über den weiteren Schulweg ist viel zu früh…seit Jahrzehnten wird(mit unseren Steuergeldern) darüber diskutiert, ob etwas, was überall im Ausland üblich ist, für uns Österreicher möglich ist. An Finnland könnte man sich ein Beispiel nehmen…soviel ich weiß,wird dort viel mehr Geld für Bildung ausgegeben, die Lehrer sind motiviert und nehmen es auf ihre Kappe,wenn ein Kind nicht mitkommt, es wird dann noch mehr gefördert….da gehört bei uns noch einiges getan und geändert….Liebe Grüße

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