Diesmal hat Andrej Kurkow keinen Roman geschrieben, sondern ein Tagebuch der Revolution. Es ist sehr nah, sehr persönlich, sehr mitfühlend.

Eine Rezension für den Falter: Sibylle Hamann

Am 24. Februar, kurz nach dem Aufstehen, ging Andrej Kurkow ins Badezimmer und erschrak. „Heute wusch ich mir das Gesicht, blickte in den Spiegel. Wie es aussieht, bin ich in den letzten drei Monaten rund fünf Jahre gealtert.“ Die letzten drei Monate in Kiew: Das war der Euromajdan. Ein Winter voller Euphorie, Nervosität, Gewalt – und am 21. Februar schließlich das Blutbad. Über hundert Menschen wurden an diesem Tag auf dem Majdan erschossen. Kurkow war von all diesen Ereignissen nur ein paar Schritte entfernt.
Kurkow ist Schriftsteller, einer der berühmtesten seines Landes. Mit seiner britischen Ehefrau, einer fast erwachsenen Tochter und zwei halbwüchsigen Söhnen lebt der 53jährige im Zentrum Kiews, in einer geräumigen Wohnung im dritten Stock. Er hat Romane geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden („Picknick auf dem Eis“) und führt das prekäre, spannende Leben eines erfolgreichen Freiberuflers: Lesereisen, Diskussionsveranstaltungen, Buchmessen. Auf dem Schreibtisch türmt sich die unerledigte Post, der Verlag drängt auf Abgabe eines Manuskripts, ab und zu rufen ausländische Journalisten an, wenn sie die Ukraine erklärt haben wollen.
Doch dann passiert die Revolution. Vom Arbeitszimmer aus kann Kurkow die brennenden Reifen riechen, den aufsteigenden Rauch sehen. Anfangs hört man die wummernden Bässe der Rockkonzerte auf dem Majdan, am Ende die Schüsse. Und plötzlich ist Kurkow nicht mehr Schriftsteller, sondern vor allem Bürger. „Ich habe immer häufiger das Gefühl, dass mir die Worte fehlen“. Er ist Augenzeuge. Mehr noch: Er ist Teil der Bewegung. Er fiebert mit, leidet mit, hofft, verzweifelt, hofft wieder. Und er führt Tagebuch.
Dieses hat der Haymon-Verlag nun herausgebracht. Wer es liest, begreift vieles, das sich aus den Fernsehnachrichten oder Zeitungsberichten nicht erschließt: Wie sich ein Umsturz im Alltag niederschlägt, wie er sich anfühlt, wie er Gewohnheiten verändert. Zum Beispiel so: Kurkow schaute nomalerweise jeden Morgen aus dem Fenster, um zu kontrollieren, ob sein Auto noch im Hof stand. Nach dem Blutbad hörte er schlagartig damit auf. „Ich habe keine Angst mehr. Ich habe das Gefühl verloren, dass das Auto einen Wert darstellt.“
Was ein Tagebuch von einem historischen Roman unterscheidet, ist genau das, was es so aufregend macht: Der Autor weiß in dem Moment, in dem er die Geschichte niederschreibt, selbst noch nicht, wie sie weitergehen wird. Sie beginnt im November, mit dem Gefühlt lähmender Enttäuschung, als sich das Regime Janukowitsch von der EU abwendet: „Das Wetter weht Traurigkeit heran, Regen, feuchter Schnee, nasse Flocken.“ Kurkow begleitet die Studenten auf den Maidan, wo sie erste Straßensperren errichten und Zelte aufbauen, und spürt, wie die Lähmung in verbissene Entschlossenheit umschlägt. Es ist ein sehr körperlicher Widerstand, der hier passiert, unter widrigsten Bedingungen. Die Aktivisten wärmen die klammen Finger an offenen Feuern. Wasser rinnt aus Wasserwerfern und Hydranten, es gefriert sofort, sie zerhacken es, schaufeln es in Säcke und befestigen damit ihre Barrikaden. Sie halten durch, wochenlang, bei minus 20 Grad. Alte Frauen bringen ihnen handgestrickte Pullover und kochen Getreidebrei in großen Kesseln.
Je kälter es wird, desto mehr liegen die Nerven blank. Kurkow dokumentiert die Angst, die Verwirrung, Gerüchte, die gezielte Desinformation. Schwarz gekleidete Männer schleichen durch die Gassen, Spezialeinheiten, Milizionäre, Geheimpolizei? Wer hat da geschossen, wer sind die Täter, wer die Opfer? Menschen verschwinden. Aktivisten werden nachts entführt und in Autos mit falschen Nummernschildern verschleppt. „Ich weiß nicht, was das ist – ‚normal’. Normal ist jetzt, den Präsidenten des eigenen Landes zu hassen“, schreibt Kurkow.
Er bleibt aber auch dann ein scharfer Beobachter, als Janukowitsch flieht und der Umsturz gelingt. Die Tage werden länger, das Eis in den Barrikaden schmilzt, tausende Blumen und Kerzen liegen immer noch auf dem Majdan, um der Toten zu gedenken, doch irgendwann „beginnt das Territorium der Anarchie zu nerven“. Gleichzeitig bricht „die Zeit der Rache und der Umverteilung von Eigentum“ an: Dmytro Jarosch, Chef des rechten Sektors, fährt ein in Janukowitschs Garage erbeutetes Auto, Bürger stürmen Büros und verjagen Beamte, „all das vollzieht sich schnell, laut, unerbittlich und nicht immer gerecht.“
Die Ukrainer und Ukrainerinnen haben Großes geleistet in diesem Winter. Kurkov war einer von ihnen. Er war von Anfang bis Ende dabei, ist erschöpft, gealtert, geläutert, ernüchtert, aber auch stolz. Er ist ethnischer Russe und gleichzeitig ukrainischer Bürger aus Überzeugung. Als solcher hat er sich, insbesondere aus Russland, als „Faschist“ beschimpfen lassen müssen – bloß „weil ich mich gegen eine Besetzung der Ukraine durch Putins Armee ausspreche, gegen die totale Korruption; weil ich will, dass das Land, in dem ich lebe, ein Rechtsstaat ist.“
Inzwischen ist es Frühsommer geworden in Kiew. Der Konflikt im Osten des Landes ist noch nicht ausgestanden. Die Präsidentenwahl ist geschlagen, Petro Poroschenko hat gewonnen, kein Heiliger, aber ein Mann, dem man zutraut, Normalität herzustellen im Land. „Der Himmel ist von einem leichten Wolkenschleier überzogen“, schreibt Kurkow, „doch er ist hell, was hoffen lässt, dass die Sonne doch ab und zu durch durchkommen wird.“
Schöner könnte man es kaum sagen.
Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch, Haymon Verlag

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