Die Absiedlung der ORF-Radios auf den Küniglberg ist ein schwerer Fehler. Wenn die Hörer es merken werden, wird es zu spät sein.

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Oja, man merkt einem Medium schon manchmal an, wo es hergestellt wird. Das ORF-Fernsehen am Küniglberg zum Beispiel: Das befindet sich auf einem Hietzinger Hügel, fernab vom Leben der Hauptstadt. Rundherum Villenviertel (wo einige der ORF-Granden sich praktischerweise gleich ihre Häuser gekauft haben), ein paar verschlafene Gemeindebauten, viele Bäume, einige Wildschweine, ein schöner Ausblick auf die Stadt hinunter, viel Platz, viel Ruhe.
Wer zum ORF-Fernsehen will, sollte Zeit haben und für den Weg eine gute Stunde einplanen. An der Kennedybrücke wartet man ewig auf den Bus, am Wochenende und abends fährt der gar nicht. Bergauf mit dem Fahrrad wird’s mühsam. Dann doch lieber gleich ins Auto. Oder ins Taxi.
Ist man erst einmal oben angekommen, hat man die Stadt jedenfalls schon vollkommen abgestreift. Und taucht in eine eigene Welt ein: mit ORF-Portier, ORF-Kantine, ORF-Maske, ORF-Dienstplänen, ORF-Luft, ORF-Konflikten, ORF-Kollegen. Ist man den anderen ORF-lern in den ORF-Gängen oft genug begegnet, wird man nach vielen ORF-Jahren vielleicht zum ORF-Star. Und darf bei „Dancing Stars“ mittanzen.
Man kann sich, aus journalistischer Perspektive, gut vorstellen, wie sehr die Abgelegenheit des ORF-Zentrums die Kollegen und Kolleginnen manchmal nerven muss. Will man kurz etwas außer Haus recherchieren, jemanden treffen, ein Foto machen, ein Dokument übergeben, eine kurze Szene filmen, etwas nachschauen, besorgen, nachfragen, eine Veranstaltung besuchen – es ist mit Zeit und Mühe verbunden. Wahrscheinlich überlegt man sich’s zweimal, ob es sich auszahlt. Und manchmal lässt man’s wohl auch bleiben und bleibt stattdessen einfach auf dem Hügel.
Beim ORF-Radio ist das anders. Ö1, FM4 und Radio Wien werden im Funkhaus gemacht, in der Argentinierstraße. Radio ist ohnehin ein schnelleres, unmittelbareres Medium als das Fernsehen. Man braucht weniger Ausrüstung, muss weniger tragen, ist schneller vor Ort, kann spontaner disponieren. Dazu kommt im Fall des Funkhauses allerdings noch ein wesentlicher Vorteil: Man ist mitten in der Stadt, und nah dran an all den Menschen und Ereignissen, über die man berichtet. Im Radio kann es ja um alles gehen – um Events und Essen, Schule und Society, Kriminalität und Kunst, Alltag und Arbeit. All das ist im Überfluss vorhanden, sobald man in der Argentinierstrasse einen Fuß vor die Tür setzt. Man schöpft aus dem Vollen, setzt sich dem prallen Leben aus.
Genau das hört man bei den genannten Sendern und ihren vielen spannenden Sendungen auch durch: Wie gern die Kollegen und Kolleginnen von FM4, Ö1 und Radio Wien hier arbeiten. Wie viel sie erleben. Wie produktiv sie hier sind. Gemeinhin nennt man das einen „Standortvorteil“.
Nicht so hingegen beim ORF. Dessen Führung hat beschlossen, auf den Standortvorteil zu verzichten, das Funkhaus in der Argentinierstraße aufzugeben und die Radioleute, gegen ihren erbitterten Widerstand, ins ORF-Zentrum zu übersiedeln. Hinaus aus der Stadt, hinauf auf den Hügel. Es geht, wie immer im Mediengeschäft, um „Synergieeffekte“, und wohl auch ums Sparen. Fernsehen, Radio und Online sollen stärker gebündelt werden, „trimediales Arbeiten“ nennt man das. Was dabei hergestellt wird, heißt „Content“. Man darf sich das wie die Rohmasse einer Wurst vorstellen, die in einer zentralen Zentrifuge gesammelt, immer wieder anders zusammengemischt und für die Konsumenten der verschiedenen Medienkanäle in verschiedene Portionen abgepackt wird.
Was im Radio heute noch unverwechselbar, eigenständig, eigenwillig, sperrig ist, wird dabei verloren gehen. Uns Hörerinnen und Hörern wird das leid tun. Spätestens wenn die Radiokollegen anfangen, in den ORF-Gängen ORF-Stars zu interviewen. Und zur Belohung dafür dann ebenfalls bei „Dancing Stars“ mittanzen dürfen.

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