Ein Bericht für „Falter“und „Emma“

Wahrscheinlich ist es gar nicht so einfach, ein Mann zu sein. Die Erwartungen – die tatsächlichen wie die bloß eingebildeten – sind allgegenwärtig: Im Job muss man täglich Leistung bringen, im Bett ebenso, am Stammtisch darf man nicht der erste sein, der schlappmacht, und auf der Autobahn überholt zu werden, empfindet man als Niederlage. Immer muss man funktionieren. Cool bleiben. Und wenn sich doch einmal Selbtzweifel einschleicht, ein kurzer Moment der Schwäche, dann gibt es nur eins: Augen zu und weitermachen. Der Körper hält das schon aus. Vielleicht geht es ja einfach vorbei.
Soweit das Klischee. „Das Klischee ist leider immer noch sehr lebendig“, sagt Romeo Bissuti, Leiter des Wiener Gesundheitszentrums MEN. Er sieht jeden Tag, wohin das führt. Zu ihm kommen Übergewichtige und Herzkranke, Depressive und Alkoholsüchtige, Gewalttätige und Selbstzerstörer, verschlissene Körper, ausgebrannte Seelen. 2700 Beratungsgespräche werden hier pro Jahr geführt, die Hälfte davon in anderen Sprachen als deutsch.
Der Bedarf ist offenbar riesig. Die Wartelisten für einen Therapieplatz sind monatelang. „Aber wenn die Männer erst einmal den Weg zu uns gefunden haben, dann bleiben sie auch“, sagt Bissuti.
Das Grundproblem der Männergesundheit ist vielfach dokumentiert. Männer sterben im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen. Sie haben mehr Unfälle, nehmen sich öfter selbst das Leben, verzeichnen mehr vermeidbare Todesfälle vor dem 65. Lebensjahr durch Rauchen, Bewegungsmangel, Fehlernährung. „Die enge Verbindung von seelischem Leid, ungesundem Verhalten und körperlichen Erkrankungen ist das zentrale Thema“, heißt es im 2. Bericht der deutschen „Stiftung Männergesundheit“, der im April 2013 erschien. Was Männer von Frauen unterscheidet: Sie haben weniger gelernt, ihren Körper zu beobachten, über ihn zu reden. Es ist ihnen eher peinlich, Rat zu suchen.
Da trifft es sich gut, dass MEN auf einem Krankenhausgelände untergebracht ist. Das Kaiser-Franz-Joseph-Spital liegt nicht in der besten Gegend von Wien, zwischen Hauptverkehrsstraßen und der Gleisen der S-Bahn, am Rand der Arbeiterbezirke Favoriten, Margareten und Meidling. Hier wohnen Menschen, die nur selten Yoga, Ayurveda und Selbsterfahrung praktizieren – Menschen mit Migrationshintergrund, in prekären Arbeitverhältnissen, mit oft schmutzigen, körperlich anstrengenden Jobs. Doch der Stress, die Statusängste, die Gesundheitsrisiken sind dieselben wie in wohlhabenderen Verhältnissen.
Auch Franz Joseph I., den vorletzten Kaiser Österreich-Ungarns, der in strammer soldatischer Tradition erzogen wurde, kann man sich kaum als glücklichen Mann vorstellen. Er starb 1916, mitten im Weltkrieg, den er selbst mitverursacht hatte, im Alter von 78 Jahren. Das nach ihm benannte Spital ist ein weitläufiges Gelände mit teilweise baufälligen Pavillions, an manchen Stellen stehen Bauzäune, an anderen bröckelt der Putz. „Es ist der ideale Ort für uns“, sagt Bissuti. „Viele unserer Klienten würden niemals eine Beratungsstelle aufsuchen – die Hemmschwelle wäre viel zu hoch. Aber dafür, dass sie ins Spital gehen, müssen sie sich nicht schämen.“
Dienstags zum Beispiel schleppen sich die Dicken schnaufend die Treppen hoch in den dritten Stock. Ein schlichter Raum, Linoleum, drei Fenster, ein Tisch und Stühle: Hier trifft sich die Adipositas-Gruppe. Es gibt eine deutsch- und eine türkischsprachige. Sie mussten Bissuti, einen schlanken, langhaarigen, wendigen Mittvierziger, erst drauf aufmerksam machen, den Wasserkrug bitteschön nicht in die Mitte des Tisches zu stellen – da kämen sie nämlich wegen ihrer Bäuche nicht dran. Oft rennt in diese Runde der Schmäh. Doch dann blitzen zwischen den Scherzen große Nöte durch: Einsamkeit, Selbsthass, das permante Gefühl zu versagen.
Bissuti erzählt von einem seiner Lieblingsklienten: einem 50jährigen mit Schnauzbart, Besitzer eines Kebapladens, einem richtiger Patriarchen, der an diesem Tisch begriff, dass er die Grenze zwischen einem „stattlichen Mann“ und einem Fettsüchtigen überschritten hatte. Heute kann er atmen, gehen, sich bewegen – und neuerdings auch kochen. „Der bringt uns ständig neue Klienten aus seinem Bekanntenkreis. In den türkischen Supermärkten läuft er den Leuten hinterher, greift in ihre Einkaufswagen und erklärt ihnen, wie viel Zucker in den Zwei-Liter-Colaflaschen drin ist.“
Zu seinen Patienten gehört aber ebenso ein Untergewichtiger, der nicht essen kann. Ein schlafloser Workoholic, und ein Depressiver, der tagelang nicht aus dem Bett kommt. Einer, der darunter leidet, dass er manchmal gegen Frauen übergriffig wird, und einer, der gegen seiner Porno-Sucht ankämpft. Einer, der lernen muss, Nein zu sagen. Einer, der lernen muss, seine Wohnung aufzuräumen. Und ein Psychotiker, der Stimmen hört.
MEN geht außerdem in die Obdachlosenasyle – zu jenen, die das Leben völlig aus der Bahn geworfen hat. „Leider reißen Männer, die den Halt verlieren, oft noch andere in die Scheiße mit – ihre Eltern, Partnerinnen, Kinder“, sagt Bissuti.
Zwei Risikomomente identifiziert der deutsche Männergesundheitsbericht im Leben eines Mannes: Das Jugendalter mit Mutproben, Unfällen, Aggressionen und Depressionen; sowie das Alter um Fünfzig, wenn hormonelle Veränderungen geleugnet werden und Jobverlust, Burnout oder Scheidung zu Krisen führen. Arbeitsstress und Arbeitslosigkeit wirken sich auf Männer offenbar gravierender aus als auf Frauen. Und auch Gewalt erleben sie öfter, sowohl in der Täter- wie auch in der Opferrolle. Männerrechtler führen diese Unterschiede immer wieder an, um zu belegen, wie sehr Männer in der Gesellschaft benachteiligt werden.
Wer jedoch ist „schuld“ an diesen Unterschieden – die Männer selbst, die Frauen, die Hormone, die Politik? Müssten sich Männer bloß anders verhalten, um gesünder zu bleiben, und um so alt zu werden wie Frauen? Solche Fragen sind ähnlich müßig wie jene, ob Frauen an ihren vielfältigen Diskriminierungen „selber schuld“ seien, indem sie täglich mittun.
Bissuti hat sich dieser Frage auf vielen Wegen angenähert. Er ist Psychologe, Psychotherapeut, Genderforscher und Musiker, er engagiert sich in der Jungenarbeit ebenso wie in Anti-Gewalttrainigs. Was „typisch männliche“ Verhaltensweisen betrifft, sieht er komplexe Kräfte am Werk: Erziehung, Konkurrenzdruck, tradierte soldatische Ideale, sowie ein mediales Umfeld, das Jungen und Männern nicht beibringt, in sich hineinzuhören.
Ein Blick in Männerzeitschriften ist da sehr aufschlussreich. Frauenzeitschriften beschäftigen sich beinahe obsessiv mit Frauenkörpern. Männerzeitschriften beschäftigen sich ebenfalls mit Frauenkörpern – und mit Dingen. Computern, Autos, Statussymbolen, Heimwerkerbedarf. Prototypisch ist „Men’s Health“, das das Wort „Gesundheit“ sogar im Titel führt. Sixpacks, Power, richtige Kerle, Abenteuer und Sex: Die Bilder hegemonialer Männlichkeit werden hier ausgiebig bedient. Was in Frauenzeitschriften „kolehydratarmer Ernährungstrend“ genannt wird, heißt hier „Steinzeitdiät“.
Solche Bilder, sagt Bissuti, erzeugen Stress. Angst, nicht zu genügen, nicht mithalten zu können. „Ein großes Problem sind die Pillen, die Männer sich im Internet in riesigen Mengen bestellen und ohne jede Diagnose oder begleitende Kontrolle einwerfen. Anabolika zum Muskelaufbau.
Aber kann man ihnen helfen? Will man ihnen helfen? Oder lassen sie sich nicht helfen?
Das ist eine schwierige Frage. Richtig ist, dass sowohl in Österreich als auch in Deutschland die Ressourcen etwa 10:1 verteilt sind, was frauen- und männerspezifische Programme betrifft. Das gilt für den Girls’- bzw Boys’ Day ebenso wie für Beratungsstellen oder genderspezifische Projekte. Männergesundheit sei ein „Stiefkind “, klagt der Männergesundheitsbericht; „Gender-Mainstreaming ist faktisch immer noch Frauen-Mainstreaming“. Ist hier tatsächlich systematische Benachteiligung am Werk?
Auf den ersten Blick könnte es auch bei MEN so ausschauen. MEN teilt sich das Gebäude mit „FEM Süd“, einem von drei Wiener Frauengesundheitszentren, dessen Angebot hier sich speziell an Migrantinnen richtet. MEN verfügt nur etwa über ein Zehntel des FEM-Budgets und muss mit 12 Mitarbeitern auskommen (die sich vier Vollzeitstellen teilen). Was öffentliche Gelder betrifft, befindet man sich in direkter Konkurrenz zu Frauenprojekten – da beide aus den Genderbudgets bezahlt werden.
„Die knappen Ressourcen sind eigentlich ein Skandal“, sagt Bissuti, der selbst nur halbtags bezahlt wird. Doch keine Sekunde lang ist er bereit, sich gegen die Feministinnen ausspielen zu lassen. Immerhin entstand die Idee zur Gründung von MEN vor 12 Jahren genau hier, im FEM. Durch Männer, die ihre Ehefrauen oder Freundinnen in die Frauenberatung begleiteten. Am Rand mitkriegten, dass man sich von Profis helfen lassen kann. Und fragten: „Warum gibt es so etwas nicht auch für Männer?“
Jahrelang teilte man sich mit den FEM-Frauen geschwisterlich die Räume im ersten und zweiten Stock des Pavillons. Bis heute arbeitet man zusammen, berät einander, braucht einander – so wie ja auch die Probleme der Patientinnen und Patienten oft ineinandergreifen. „Oft hab ich das Gefühl, die Feministinnen sind die einzigen, die sich wirklich für uns interessieren“, sagt Bissuti.

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