Sie machen ein queer-feministisches Barcamp. Und reden über Gewalt und Körper, Fernsehen und BHs.

Ein Selbstversuch für den Falter

Das „Aux Gazelles“ in Mariahilf ist ein Hamam. Glitzerspiegellampen, orientalisches Dekor, schummriges Licht, Kerzen. Normalerweise lassen sich hier, nach Büroschluss, blondierte Sekretärinnen verwöhnen.
In einem Hamam sind Frauen traditionell unter sich. Was sie dort drin bloß tun, unbeobachtet? Diese Ungewissheit ist für Männer schwer auszuhalten, ihre Phantasien dazu sind ausschweifend, schon seit Jahrhunderten. Wie die aggressiven Twitter-Debatten im Vorfeld dieses Camps zeigten, wird es auch heute noch als Provokation empfunden, wenn junge Frauen selbst bestimmen wollen, mit wem sie sich beschäftigen und mit wem nicht. Es gab schlüpfrige Witze, derbe Drohungen, den Vorwurf der „Ausgrenzung“ und „Diskursverweigerung“. Solange bis nicht mehr die Frauen, sondern wieder die Männer im Zentrum der Aufmerksamkeit standen.
Entziehen wir uns dieser Logik. Schauen wir lieber nach, was vor Ort tatsächlich passiert.
Am Eingang zum Hamam steht in diesen beiden Tagen eine Button-Maschine, an der man die gewünschte Anrede wählen kann: lila steht für „sie“, gelb für „er“, pink für „frag mich“. Die meisten hier sind nicht älter als 25. Sie tragen Rastazöpfe oder Stoppelglatzen, Batikzeug oder Lederjacken, Schlabber-T-Shirts oder Designer-Corsagen. Sie sind Männer, Frauen und alles dazwischen. Man kennt einander oft nicht unter dem richtigen, sondern unter dem Twitter-Namen.
Jeder, jede darf Workshops über alles anbieten; morgens wird abgestimmt, was wann stattfindet. Das Programm umfasst Comics und faire Mode, BDSM und geschlechteroffene Kindererziehung, Fatshaming und Science Fiction. Die Agenda unterscheidet sich deutlich von jener der heute 40-bis 60jährigen Feministinnen: Hier ist kaum von Arbeit, Arbeitsteilung, Macht und Geld die Rede. Umso mehr von Identitäten, Sex, Körper und Kommunikation. Wenn sie „Netzwerke“ sagen, meinen sie nicht Karriere. Sondern soziale Medien.
Unverhofft finde ich mich im Workshop „Bartkleben“ wieder. K., auf der Reise zwischen den Geschlechtern unterwegs, mit erst wenig eigenem Flaum am Kinn, zeigt, wie es geht: die Wolle, die richtige Farbmischung, das Schnippeln der Stoppel, das Gel, der Pinsel. K. macht das jeden Abend, bevor er ausgeht. Ich zum ersten Mal. Das Ergebnis schaut betörend echt aus, fühlt sich gut an.
Mit Bart gehts weiter zum „BH-Fitting“. Wie funktionieren BHs, warum passen sie so selten, und worauf muss man achten, um den richtigen zu finden? Es wird vorgeführt, betastet, gelacht. Bei 70C ist das Körbchen gleich groß wie bei 75B und 80A, erfährt die staundende Runde, und ein entgeisterter, erlöster Aufschrei erfüllt den Raum: „Warum hat man uns das nie gesagt?“ Die Antwort ist so banal wie tiefgründig: Weil über so etwas, trotz Unterwäsche-Werbungen an jeder U-Bahn-Station, nie geredet wird. Und weil Frauen halt so erzogen sind, den Fehler stets bei sich und dem eigenen Körper zu suchen, wenn dieser mit der vorgegebenen Norm nicht zusammenpasst.
Vom Workshop über TV-Serien, der einer Runde anonymer Alkoholikerinnen gleicht („Ich hasse ‚Game of Thrones’, aber ich kann nicht aufhören!“), dann zu A., einer Sexarbeiterin, die aus ihrem Berufsalltag erzählt. Wie sie Grenzen setzt und Grenzen verteidigt. Warum ein „Mindfuck“ (ein Kunde, der reden will) anstrengender sein kann als ein Blowjob. Was für und gegen Verrichtungsboxen spricht. Und wie sie sich in ihrer Würde verletzt fühlt, wenn andere ihre Arbeit als „würdelos“ bezeichnen. Nein, hier sitzt kein Talkshow-gestählter Medienprofi, der voyeuristische Erwartungen bedient. Sondern eine bemerkenswert ehrliche junge Frau, die viel übers Leben weiß und sich selbst nicht schont. Auch A. betreibt „Ausgrenzung“– sie will nicht mit Menschen diskutieren, die Sexarbeit prinzipiell ablehnen. Doch nach diesem Workshop versteht man, dass solche „Diskursverweigerung“ sinnvoll sein kann. Sie hat uns die hundertste Debatte über ein Prostitutionsverbot erspart – und Raum geschaffen für Anderes.
Rigide Regeln sind auch sonst allgegenwärtig. Die Frage „Passt das so für dich?“ fällt pro Minute zweimal, ein „Awareness Team“ mit blauen T-Shirts achtet darauf, dass niemand sich unsicher fühlt. Das Buffet (Tofu und Kichererbsen, Melanzani und Humus) ist strikt vegan. Plötzlich jedoch findet jemand ein Knochenstück, das verrät, dass der Couscous mit Rindssuppe aufgegossen wurde. Sofort ziehen besorgte Menschen einen schützenden Cordon um die dampfende Schüssel: Alle, denen das vegane Prinzip wichtig ist, sollen davor bewahrt werden, es unfreiwillig zu brechen.
Selbstverständlich kann man das alles übertrieben finden. Wie auch jene Eltern, die ihr Baby abwechselnd mit „er“ und „sie“ anreden, „damit es später die Identität frei wählen kann.“ Spott darüber wäre billig, wird ohnehin ständig betrieben, online ebenso wie im wirklichen Leben. Die Frage ist bloß: Wozu? Warum sollte man über Menschen herziehen, bloß weil sie sich darum bemühen, ihre Prinzipien zu leben? Die versuchen, achtsam zu sein, und Eigenheiten des/der anderen zu respektieren?
Immer stärker wird dieses Gefühl im Lauf dieser beiden seltsamen Tage: Wie unpassend es ist, sich aus der Perspektive einer etablierten, vielleicht schon etwas zynischen Existenz über jene lustig zu machen, die noch auf der Suche sind. Die womöglich Verhaltensweisen einer Zukunft ausprobieren, die wir allesamt noch nicht kennen. Man kann auch einfach mal zuzuhören.
Das FemCamp neigt sich dem Ende zu. Ich muss mich auf den Weg machen, die Kinder beim Eissalon Tichy abholen. Ich stehe in der Toilette („all genders“ steht handgeschrieben an der Tür), schaue in den Spiegel. Mein Bart, der sich hier und heute, in der sicheren Zone, so angenehm und aufregend angefühlt hat, steht mir noch im Gesicht. Tichy, U1, Reumannplatz, Viktor-Adler-Markt, geht mir durch den Kopf; Favoriten, die Wirklichkeit, das echte Leben. Ich zögere. Ich denke an K., seinen täglichen Blick in den Spiegel, sein Ringen darum, wie weit er heute wieder gehen will, wie sehr er sich den Blicken, dem Spott der anderen aussetzen will. Aber ich bin zu feig.
Es ist ein kurzer Moment der Demut. Dann wasche ich mir den Bart weg.

Getagged mit
 

2 Responses to Was treiben Frauen im Hamam?

  1. Markus sagt:

    Sehr geehrte Frau Hamann!
    Wie Sie habe auch ich an besagtem FemCamp teilgenommen. Dem Großteil Ihres Artikels kann ich auch völlig zustimmen, jedoch frage ich mich warum Sie dermaßen herablassend über Sekretärinnen schreiben (“Normalerweise lassen sich hier, nach Büroschluss, blondierte Sekretärinnen verwöhnen.”)? Fühlen Sie sich als Journalistin diesen überlegen?
    Die Ungewissheit, was Frauen in einem Hamam so treiben hält sich übrigens in Grenzen – relaxen, was auch Männer tun. Das “Aux Gazelles” ist übrigens nicht nur ein Hamam, sondern auch eine Bar, ein Café, ein ganz normaler Veranstaltungsort. Ansonsten sehr treffend beschrieben – wenn auch der Rindssuppenvorfall an mir vorbeigegangen ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>