Vielleicht ein Roboter mit GPS-Steuerung, vielleicht gar niemand. Denn über Lösungen des Pflegeproblems weigern wir uns nachzudenken, so lange es geht.

presse-kolumne

„Äkta människor“ („Echte Menschen“) heißt eine großartige Produktion des schwedischen Fernsehens. Es ist Sience Fiction, doch so wirklichkeitsnah, dass man zuschaut wie den Nachbarn im richtigen Leben.
Die Schweden von „Äkta människor“ haben Hubots erfunden – Roboter, die ihnen den Alltag erleichtern. Werbespots preisen ihre Vorzüge an: Sie sehen aus wie normale Menschen, bloß schöner. Sie benehmen sich wie normale Menschen, bloß berechenbarer. Sie kommunizieren wie normale Menschen, bloß bleiben sie stets höflich. Erhältlich sind sie in verschiedenen Modellen, mit verschiedenen Charakteren, was sie in unterschiedlichsten Bereichen einsetzbar macht – im Haushalt, in der Fabrik, im Service, für Sex. Essen brauchen sie keins. Abends, wenn die richtigen Menschen schlafen, setzten sie sich brav neben die Steckdose und laden sich auf.
Dank ihrer ausgeklügelten Software können Hubots sich erinnern, spezielle Eigenheiten entwickeln, von ihren Besitzern lernen und sich ihren Bedürfnissen anpassen. Ihre Vermenschlichung geht so weit, dass einige Menschen mit Hubots echte Liebesbeziehungen eingehen. Diese Art „gemischte Beziehungen“ sind im fiktiven Schweden jedoch gesellschaftlich verpönt. Es kommt vor, dass solche Pärchen verächtlich angeschaut oder aus der Disco geworfen werden.
Klingt das bizarr? Absurd? Weithergeholt wie die die Abenteuer der Besatzung der „Raumschiff Enterprise“? Keineswegs. Was „Äkta människor“ so beklemmend macht, ist, wie nah es am Vorstellbaren ist.
Insbesondere bei der Betreuung pflegebedürftiger Menschen ist die Verwirklichung der Vision schon weit gediehen. In Japan, der am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt, sind Hubot-ähnliche Prototypen in Altersheimen bereits im Einsatz, und es wird, mit großzügigen staatlichen Förderungen, auf Hochtouren geforscht, um sie massentauglich zu machen. Sie haben ein weites Betätigungsfeld: Sie helfen beim Aufstehen, Gehen und Essen. Sie können Demente überwachen, suchen und per GPS heimbegleiten, wenn sie sich verirrt haben. Sie bieten, was die meisten Patienten dringend brauchen, aber nur wenige bekommen: dauerhafte Anwesenheit, permanente Ansprechbarkeit, berechenbare Reaktionen, und unendliche Geduld. Ohne jemals genervt zu sein.
In Japan ist die demographische Schieflage noch dramatischer als in Europa. Es gibt immer weniger junge Leute, hunderttausende Pflegekräfte fehlen schon jetzt, doch standhaft wehrt sich das Land dagegen, diesen Mangel mit Einwanderung auszugleichen. Roboter statt Ausländer, heißt die Devise.
In den reichen Gegenden Europas haben wir noch das Glück, dass uns zugewanderte und aus dem Ausland einpendelnde Arbeitskräfte helfen. Insbesondere die selbstständigen 24-Stunden-Betreuerinnen aus Osteuropa füllen die riesige Lücke, die sich bei der Pflege alter Menschen auftut. Diese Frauen sind rund um die Uhr im Dienst, oft unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Als wären sie Hubots, sollen sie allzeit verfügbar, unendlich anpassungsfähig, bedürfnislos und stets bei Laune sein – und ihre Batterien irgendwie immer selber wieder aufladen, damit ihnen nur ja nie die Energie ausgeht.
Dieses Modell hat uns bisher den Einsatz japanischer Roboter erspart, doch es ist eine Scheinlösung. Lang wird es nicht mehr funktionieren: Es ist nur eine Frage von wenigen Jahren, bis das Lohngefälle innerhalb Europas sich ausgleicht. Und deutlich wird, dass der Osten Europas noch rascher altert als der Westen.
Wer wird sich also um uns, die zahlreiche Generation der heute 45- bis 65jährigen kümmern, wenn wir alt, gebrechlich und dement sind? Schweden stellt sich dieser Frage mit viel größerer Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Phantasie. Was nicht nur sehenswerte Fernsehserien, sondern auch eine große Vielfalt an Modellen betreuten Alterns hervorgebracht hat.
Höchste Zeit, dass wir uns beides anschauen.

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