1700 Polizeibeamte, ein paar Punks und ein skrupelloser Immobilienspekulant: Eine richtige Wiener Geschichte.

eine Falter-Reportage von Sibylle Hamann und Bernhard Odehnal

Gestern abend sind Katharina und ihr Freund noch in einem beschaulichen Wohnviertel in der Leopoldstadt eingeschlafen. Aufgewacht sind sie in einer Szenerie wie aus einem Kriegsfilm. Ein lautes Knattern, heulende Sirenen wecken sie auf. Was ist da los? Katharina und ihr Freund ducken sich vorsichtig am Schlafzimmerfenster, schauen hinaus, und sehen: Ihr Innenhof ist belagert. Dutzende Einsatzwagen der Polizei an der Hausmauer, Mannschaftszelte mit Ausrüstung und Verpflegung in der Mitte. Die Polizisten stehen in Reih und Gleid und hören eine Rede in schneidendem Kommandoton.
„Sehr gefährlich“ sei die Situation, und „sehr gewalttätig“ die Leute, mit denen man es gleich zu tun bekäme, „wir müssen uns gut schützen“, hämmern die Kommandanten den Beamten ein. An den genauen Wortlaut kann sich Katharina nicht mehr erinnern. Wohl aber an das Gefühl: „Mir haben die Knie geschlottert. Allein der Tonfall! Wenn ich als Polizistin nach dieser Ansprache auf die Straße hinausgehen hätte müssen – ich hätte eine Riesenangst gehabt.“
Die Straße: Das ist die Mühlfeldgasse im zweiten Bezirk. Und die Angst ist an diesem Vormittag tatächlich überall. Sie wird durch Geräusche erzeugt: Über dem Gebiet zwischen Praterstern und Augarten kreisen Hubschrauber. Die Linienbusse werden umgeleitet, in der ganzen Gegend liegt der Verkehr lahm, an jeder Ecke Krisenberater der Wiener Linien, Einsatzwagen. Sechs Straßen sind mit Tretgittern abgesperrt, die Polizisten dahinter, mit Vollvisierhelm, Schutzschilden, Pistolen oder Schlagstöcken am Gürtel, benehmen sich, als gehe es dahinter um Leben und Tod.
1700 Beamte sind es – diese Zahl wird später das Innenministerium bestätigen. Es schaut aus, als wolle man den Gegner durch die Demonstration unendlicher Überlegenheit lähmen und zur Aufgabe zwingen. „Shock and Awe“ sagen die Amerikaner dazu, wenn sie Weltkriege führen.
In der Mühlfeldgasse wird aber kein Weltkrieg gefühlt. Es geht um ein Haus. Um ein paar Dutzend Punks, die dort seit zweieinhalb Jahren wohnen. Es geht um einen Immoblilienspekulanten, seine Mieter, seine ehemaligen Mieter, einen Räumungsbefehl. Und, dahinterliegend, um große Fragen: Auf welcher Seite steht der Staat? Welche Methoden wendet er an, um dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen? Welche sind dabei angemessen, welche klug?
Es ist zehn Uhr Vormittags, noch weiß keiner genau, was los ist. Menschentrauben sammeln sich an den Tretgittern, Gerüchte machen die Runde. Der Presse wird eine Stunde lang der Zutritt verboten. Warum? „Gefahr an Leib und Leben“, lautet die Antwort. Gefahr durch wen?
Von „den Deutschen“ hat man hier allseits gehört. „Die Deutschen“ sind 300 angeblich gewaltbereite Anarchisten, angeblich zur Verstärkung angerückt, angeblich dort drin verschanzt. „Die Deutschen“, zumindest ihre Fama, werden einem noch öfter an diesem Tag begegnen. Von 300 Deutschen, die im Anmarsch seien, schrieb nämlich am Vortag die Gratis-Zeitung „Heute“.
Anrainer kommen ins Plaudern. Viele von ihnen kennen den Feind, um den es geht, persönlich. Sie seien „eh ganz nett gewesen, die Punks,“ sagt ein Nachbar. „Halt so Leute, die nix arbeiten wollen, aber getan haben sie keinem was.“
Plötzlich fällt den Plaudernden auf, dass von hinten einer ein Mikrophon in das Gespräch hält. Gefilmt wird ebenfalls. Von Männern, die anschließend hinter der Polizeiabsperrung verschwinden, offenbar Beamte in Zivil. Inkognito, Vermummung nicht nur bei den Beamten, sondern auch bei den Autos: Mehrere Einsatzwagen haben abmontierte Kennzeichen.
Wozu die Einschränkung der Pressefreiheit, wozu die Geheimniskrämerei? Wird hier eine Untergrundkonspiration enttarnt? Dem Haus Mühlfeldgasse 12, um das es geht, sieht man vorerst keine Geheimnisse an. Es hat drei Stockwerke und eine hübsch gegliederte Fassade. Es dürfte einmal schönbrunnergelb Farbe verputzt worden sein, aber das kann man jetzt nicht mehr so genau erkennen. Man sieht dem Haus an, dass es lange vernachlässigt wurde. Dass es ein Spekulationsobjekt ist.
Heute ist das Erdgeschoß mit Grafitti besprüht, aus dem dritten Stock hängen wehende Stoffbahnen, ab und zu reckt eine vermummte Gestalt den Kopf aus dem Fenster. Viele scheinen es nicht zu sein, aber wer weiß, vielleicht haben sich die berüchtigten Hundertschaften gut versteckt. Es stinkt. Am Straßenrand aufgetürmt der Rest von Barrikaden, die vor ein paar Stunden noch die Straße versperrten: Matratzen, Einkaufswagerln, Sperrmüll. Vor dem Haustor hat ein froschgrünes Panzerfahrzeug Stellung bezogen. „Krokodil“ nennt es die Polizei. Offenbar wollte man damit das Eingangstür eindrücken, doch es ist zu breit.
Dafür machen sich jetzt eine Dutzendschaft Beamte mit einer Flex an der Tür zu schaffen. Es raucht und quietscht, eineinhalb Studen arbeiten sie sich durch die Barrikaden. Eine eigene Lüftung musste installiert werden, es war zu viel Rauch im engen Stiegenhaus.
Die Wega steht bereit, in voller Montur, mehrere verschiedene Einheiten, an den grellbunten Strichsymbolen am Rücken erkennbar. Einige Mann mit Spezialhelmen, wahrscheinlich zur Abwehr chemischer Gefahrenstoffe. Eine Hundeführerstaffel wartet ebenfalls auf den Einsatz, zwei der Männer tragen brusthohe wattierte Hosen, „wir gehen voran, damit die anderen Beamten nicht gebissen werden, wir haben ja gehört, die haben scharfe Hunde dort drin.“
Was ist hier das Problem, Herr Hahslinger? Ist das nicht alles ein bisschen übertrieben?
Alert, wendig wuselt der blonde Mann herum, das weiße T-Shirt kaum verschwitzt, nur die Uniformjacke hat er abgelegt. Er lächelt zuvorkommend, Hahslinger ist das professionell-freundliche Gesicht der Polizei. Er spricht in gewählten Worten, von „Assistenzdienstleistung“, und von einem „gültigen Räumungsbefehl“. „Wir sind zum Vollzug einer Entscheidung des Bezirksgerichts hier“. Wenn bei einer Wohnungsräumung mit Widerstand zu rechnen sei, nimmt der Gerichtsvollzieher halt die Polizei mit.
Aber wieviel Polizei denn? 1700 Mann? Hubschrauber? Wega? „Das zu entscheiden, liegt nicht bei mir“, lächelt Hahslinger.
Man erwarte jedoch starken Widerstand, sagt er. Man habe Punks in den vergangenen Tagen beobachtet, wie sie Ziegelsteine ins Haus trugen. „Es ist damit zu rechnen, dass mit schweren Gegenständen geworfen wird.“ Auch Fallen könnten im Inneren des Hauses angebracht worden sein. Und es sei wohl auch „gewaltbereite Verstärkung aus Deutschland“ geholt worden, „die organisieren sich ja übers Internet“. Da ist sie wieder, die „deutsche Gefahr“. Offenbar liest auch die Polizei „Heute“, wenn sie sich auf ihre Einsätze vorbereitet.
Doch der Polizeisprecher hat den Konflikt mit diesen Worten auf seinen Kern zurückgeführt: Es geht heute gar nicht um einen politischen Konflikt. Es geht schlicht um Immobilienspekulation.
Die Punks von der Pizzeria Anarchia haben, strafrechtlich gesehen, nicht viel angestellt. Bis an diesem Montag die Polizei in die Mühlfeldgasse kam, wohnten sie bloß. Und sie wohnten – was dieser Geschichte den Dreh ins Absurde gibt – hier sogar auf ausdrückliches Ersuchen des Hausbesitzers.
Dieser Teil der Geschichte beginnt im Winter 2011. Die Gegend zwischen Praterstern und Augarten, wo eben noch schäbige Peepshows eingemietet waren, erlebt damals einen Imobilienboom. Dachböden werden ausgebaut, die Preise steigen rasant. In dieser Zeit erwirbt die Castella GmbH die Mühlfeldgasse 12. Der Investor, Avner Motaev, besitzt schon mehrere Häuser in der Gegend. Und versucht mit allen Mitteln, die Altmieter loszuwerden. „Bestandsfreiheit“ ist viel wert, wenn man ein Haus sanieren und in Eigentumswohnungen umwandeln will.
Vlasta Osterauer-Novak, Leiterin der Gebietsbetreuung, lernt die Methoden in allen Details kennen. Türen werden aufgebrochen, das Gas abgedeht, dann steht der Innenhof unter Wasser, oder stinkende Buttersäure wird auf die Stiege geleert. Drei oder vier Parteien halten trotz allem durch. Da verfällt Motaev auf die ultimative Räumungsidee: Punks sollen die restlichen Altmieter vertreiben. Er schickt einen Unterhändler in die Pankahyttn, mit einem Angebot: Freies Logis für ein halbes Jahr. Mit dem Auftrag, dort alles zu tun, was man will.
„Anfangs haben sich einige so aufgeführt, wie man erwartet hätte“, erzählt Osterauer-Novak. Bis man, bei mehreren gemeinsamen Mieterversammlungen, feststellte: Wir sitzen im selben Boot, der gemeinsame Feind ist der Eigentümer. Woraufhin im Frühling 2012 ein Sommermärchen begann – die Verbrüderung von Punks und Normalos, Seite an Seite vereint im Kampf gegen den Spekulanten (siehe Falter xx). Die jungen Leute mit Dreadlocks, Piercings und bunten Haaren begleiteten ihre Nachbarn gewissenhaft zu Behördenterminen. Man benennt, mit Möbeln aus dem Sperrmüll, die Pizzeria Sorento in „Pizzeria Anarchia“ um und befeuert den Pizzaofen. Die Mieter fühlten sich durch die Punks an ihrer Seite sicher.
Als der befristete Vertrag im Juni 2012 ausläuft, macht Eigentümer Motaev einen ersten Anlauf, die Geister, die er rief, wieder loszuwerden. Er schickt ein Dutzend muskelbepackte ungarische Bauarbeiter, die den Hauseingang verbarrikadieren und zumauern. Schon damals tritt die Polizei in der Mühlfeldgasse in Aktion. Einige Beamte kommen, schauen ratlos zu. Sie müssen lange überredet werden, eine Anzeige wegen Nötigung aufzunehmen. Zum „Falter“ sagt eine Polizeisprecherin damals: „So wie sich das der Hausbesitzer vorstellt, geht das nicht. Man kann doch nicht einfach die Polizei rufen und sagen – haut mir die Leute raus.“
Heute, genau zwei Jahre später, geschieht nun jedoch genau das. Motaev brachte inzwischen eine Räumungsklage ein, das Bezirksgericht gab ihm recht, setzte einen Termin fest, ersuchte die Polizei um Hilfe bei der Durchsetzung.
Deswegen kämpfen sich jetzt die Flex durch die Eingangstür. Deswegen steht jetzt das „Krokodil“ vor dem Eingang. Deswegen kreisen die Hubschrauber. Deswegen fliegen jetzt Konfetti, Federn, Kot, Urin und Federn aus dem dritten Stock. Und deswegen werden hier und heute viele tausend teure Überstunden gemacht.
Als die Polizei sich durch das Nachbarhaus an die Rückseite der Pizzeria durcharbeitet, versteht sie, warum in all dieser Zeit keine Ziegelsteine aus den Fenstern geflogen sind: Die Punks haben die Steine verwendet, um den Hintereingang zuzumauern. Als sich die Polizei, Schicht für Schicht, durch die Eingangstür schneidet, stellt sie fest, dass es auch bei Punks Traditionen gibt, die über Generationen gepflegt und vererbt werden. „Die auseinandergeschnittenen Penny-Einkaufswagerln, die in die Wand geschweißt werden, die gab es schon in der Ägidigasse“, feixt ein Veteran. „Die sind sehr wirksam.“ Kurz vor drei sind die Brennschneider endlich durch.
Kurz vor halb vier ist der erste Stock erobert. Doch da sind dort keine gewalttätigen Hundertschaften. Immer absurder wirkt die Szenerie, angesichts der Ausbeute. Die Besitzerin des einzigen Autos, das noch in der Straße steht, taucht auf: Über und über ist ihr flaschengrüner Fiesta mit Konfetti, Federn und Staub beklebt. Ein Polizeifotograf lässt sich den Schlüssel geben und das Auto um die Ecke bringen. „Dort hinten können wirs abspritzen auch. Sag ihr, des kost nix“, sagt er. Man könnte beinahe ein schlechtes Gewissen heraushören.
Enttäuscht wirken inzwischen, mangels Eskalation, die FPÖ-Personalvertreter. Die „AUF“ ist mit mehreren Wagen in die Sperrzone eingefahren, sie sehen Polizeiautos ähnlich, tragen aber AUF-Logos. Stämmige Männer steigen aus und verteilen Wasserflaschen an die Kollegen. Sie tragen keine Uniform, sondern AUF-T-Shirts. Dazu aber Waffe. Sind sie im Dienst? Oder in Zivil? Sind sie offizieller Teil des Einsatzes? Oder aus privaten, parteipolitischen Gründen da?
In sicherer Distanz, außerhalb der Absperrungen, steht auch immer noch der Notfallseelsorger und wartet auf jemanden, den er psychologisch betreuen könnte. „Polizisten wollen helfen, und jetzt müssen sie sich das antun lassen“ seufzt der korpulente Beamte. „Schlimm ist das“.
Nur das Gasthaus Wenia hatte einen guten Tag. Hier, schräg gegenüber der Mühlfeldgasse 12, ging der Schinken-Käse-Toast heute besonders gut. Seit dem frühen Morgenstunden haben sich die Journalisten unter dem Hirschgeweih breitgemacht, sie laden hier ihre Akkus auf, hacekn in ihre Laptops, essen so viel, dass der Wirt alle paar Stunden zum Penny muss, um Toastbrot nachzukaufen.
Auch die MA 48, die Müllabfuhr zeigte sich an diesem Tag von ihrer besten Seite. Mulde und Bagger standen bereit, jede aufgelöste Barrikade wurde sofort weggeschafft, unmittelbar nach dem Räumkommando kommt schon der Spritztrupp zum Aufwaschen.
Um sieben Uhr Abends ist es fast vorbei. Im dritten Stock, wo man verbarrikadierte Hundertschaften vermutete, findet man genau drei junge Leute, zwei junge Mädchen, ein junger Bursch. Das „Krokodil“ darf schließlich auch noch etwas tun: Es rammt die Tür zur Pizzeria, weitere 16 Leute kommen heraus. Sie tun nichts. Schreien nicht, wehren sich nicht. Ein paar lassen sich tragen, die meisten allerdings gehen ganz von allein, über die immer noch stinkende, aber beinahe schon blank gespritze Straße.
Um 20 Uhr haben es 1700 Polizeibeamte nach 12stündiger Arbeit geschafft, 19 junge Menschen, die außer Wohnen nicht viel verbrochen haben, aus einem Haus herauszuholen. Niemand war bewaffnet. Niemand hatte Atomsprengköpfe bei sich. Es gab keine Gewalttäter, keine 300 Deutschen. Nicht einmal ein einziger Hund war im Haus.
Vier Arrestantenwagen rasen um halb neun in Richtung Rossauerkaserne, mit Motorradbegleitung. Noch einmal drehen sie die heulenden Sirenen auf, damit nicht alles an diesem Tag ganz umsonst war. „Wenn man im vorhinein wüsste, was man im Nachhinein weiß“, schreibt ein hochrangiger Polizeibeamter in einer SMS.
Nur Avner Motaev, Geschäftsführer der Castella GmbH, weiß etwas ganz genau: Er hat jetzt, mit großzügiger staatlicher Hilfer, ein bestandsfreies Haus. Das kann er jetzt ausbauen. Und teuer weiterverkaufen. Wenn das kein Grund zur Freude ist.

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