Sehr geehrte Universitätsprofessoren, Lehrer, Journalisten und andere Sprachkritiker!

Sie verzeihen, dass ich mich in Ihren Briefwechsel mit Ministerin Heinisch-Hosek und Minister Mitterlehner einmische. Direkt haben Sie mich nicht angesprochen. Aber bei Ihnen weiß man ja nicht genau – manchmal ist man dennoch irgendwie mitgemeint, oder?
Angesprochen fühle ich mich spätestens, wo Sie den „minimalen Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen“ erwähnen, „der der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger nicht länger seinen Willen aufzwingen darf“. Zu den Feministinnen gehöre ich dazu, gell? Zu den Staatsbürgern womöglich auch? Aber wenn ja – dann müssten Sie uns doch schlicht „Feministen“ nennen?
Nun – es ist nicht so einfach, sich immer klar auszudrücken, da sind wir uns einig. Sie kennen das, ich kenne das: Man sitzt am Laptop, versucht, die Wirklichkeit einzufangen und in Worte zu fassen – aber die Wirklichkeit will nicht so recht. Sie sträubt sich, zickt herum, will einfach nicht in den Behälter hinein, den man für sie zurechtgelegt hat. Vielleicht hat sie sich verändert. Ist herausgewachsen. Jedenfalls passen die Worte nicht mehr.
Was tut man dann? Nun, die einen freuen sich über die Irritation, und machen sich auf die Suche nach neuen, passenderen Ausdrucksformen. Finden Is und _s und * am Wegesrand, zupfen und riechen daran, stecken sie sich ein Weilchen an den Hut, probieren aus, ob irgendwas dabei ist, das besser passt.
Die anderen hingegen rufen nach der Obrigkeit. Der Minister und die Ministerin, sagen Sie, sollen eingreifen. Sollen „Verunstaltungen aus dem Schreibgebrauch eliminieren“, sollen dafür sorgen, dass wir nicht mehr „durch gekünsteltes Wortgut irritiert“ werden. Wenn wir nur zurückkehren zur „traditionsgemäßen Anwendung“ der Worte, „zur sprachlichen Normalität“, sagen Sie – dann wird alles gut.
Nun ist es zwar ein bisschen seltsam, dass sich ausgerechnet Wissenschaftler vor Irritationen fürchten (wozu forscht man dann eigentlich?). Auch „was die Mehrheit als richtig empfindet“ zum Maßstab intellektuellen Strebens zu erklären, wie Sie das tun, wäre zumindest Galileo Galilei nicht eingefallen. Aber okay, jeder wie er will. Sie müssten halt noch dazusagen: Welche Normalität soll es denn sein? Jene von vor drei, vor fünfzig, oder vor hundert Jahren? Ist es da „normal“, dass eine Frau Deutschland regiert? Dass ein Schwarzer US-Präsident ist?
Vor hundert Jahren war es normal, dass alle Wähler in Österreich Wähler waren. Weil nur Männer wählen durften. Seit 1918 hingegen wählen auch Frauen. Was für eine großartige Errungenschaft! Was für ein fundamentaler Unterschied! Und wie schön, dass der im Wort „WählerInnen“ auch sichtbar werden darf!
Wenn sich ein Ding oder ein Zustand wesentlich verändert, kann seine Bezeichnung nicht dieselbe bleiben – die Philosophen unter Ihnen wissen das doch. Aus Wasser wird Eis, wenn es gefriert. Aus gelb wird irgendwann grün, wenn man immer mehr blau dazumischt. Für Sie, lieber Herr Taschner, kann man es sogar mathematisch ausdrücken: wenn 5=n gilt, kann nicht gleichzeitig 5+3=n gelten. Dann brauchen wir ein n1. Was doch eh schon fast wie ein I ausschaut. Und fast gar nicht weh tut.
In einem haben Sie grundsätzlich recht: Sprache dient der Verständigung. Sie muss Klarheit schaffen. Sie hilft uns dabei, die Welt zu ordnen, und je präziser sie benennen kann, was sie meint, desto besser. Sprache dient jedoch nicht ausschließlich der Verständigung. Sie erzeugt auch Gefühle, Beziehungen, Bilder im Kopf. Sie steckt die Räume ab, in denen wir denken. Sie kann uns von Denkmöglichem abschneiden. Und, im Gegenteil, Türen öffnen ins bislang Ungedachte.
Lustigerweise ist Ihr Brief genau dafür das beste Beispiel. „Wir, die unterzeichnenden Universitätsprofessoren, Lehrer, Jornalisten und andere Sprachkritiker“ – wie eine grimmige, bärtige Altherrenriege stehen Sie da gleich vor meinem geistigen Auge. Aber da schau her: Stimmt ja gar nicht! Ganz viele Frauennamen bei den Unterschriften! Was für eine interessante, wesentliche Information! Und wie schade, dass die in Ihren Worten völlig untergeht!
Okay, Sie können, wenn Sie innerhalb Ihrer „Normalität“ bleiben wollen, natürlich extra drauf hinweisen. Vielleicht so: Professoren (zum Teil weiblichen Geschlechts). Professoren (mehr als die Hälfte von ihnen übrigens Frauen). Klingt halt alles ein bissl nach Krampf, „Verunstaltung“ und „gekünsteltem Wortgut“ in meinen Ohren. Aber das ist vielleicht bloß bei einem „minimalen Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen“ so.
Ein kurzes, elegantes „ProfessorInnen“ hätte Ihre Botschaft vielleicht klarer ausgedrückt? Aber jeder wie er will. Jede wie sie will. Ich zwinge Ihnen nichts auf. Ich merke nur gerade, dass mir das Binnen-I, das ich nie sehr mochte, seit Ihrem Brief erst so richtig ans Herz zu wachsen beginnt.
Mal schauen, ob es mir schwer fallen wird, mich dereinst wieder davon zu lösen, wenn wir etwas noch Besseres gefunden haben, um unsere Vielfalt auszudrücken. Werde ich irritiert sein? Die Obrigkeit um Hilfe rufen? Mich in meine „Normalität“ zurückwünschen? Am besten, ich schreib Ihnen dann wieder einen Brief.
Bis dahin herzlich,
Sibylle Hamann
Journalistin, Autorin, Feminist.

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22 Responses to Liebe 800!

  1. Alexander Basnar sagt:

    Das älteste Beispiel des Genderns kommt überraschenderweise aus dem Schöpfungsbericht der Bibel: Als Adam seine Frau sah, gab er ihr zuerst den Namen „Männin, denn vom Mann ist sie genommen.“ Damit wird die Identität der Frau in Ableitung vom Mann beschrieben. Genau das will das Gender Mainstreaming jedoch nicht! Im volkstümlichen Sprachgebrauch wird auch seit Jahrhunderten gegendert: Der Huber hatte seine Huberin, wodurch zum Ausdruck kam, dass die Frau ihrem Mann zugeordnet war. Eine Bäuerin wurde nicht deshalb Bäuerin genannt, weil sie dieselben Arbeiten tat wie ihr Mann, sondern weil ihr Mann der Bauer war. Als Frau des Bauern hatte sie aber, auch bei unterschiedlicher Aufgabe am Hof, eine Autoritätsposition gegenüber dem Gesinde. Auch „Bauer“ wird hier als Funktionsbeschreibung sichtbar, „Bäuerin“ hingegen nicht als gleichartig gegenderte Funktion, sondern als Beziehung der Frau zu ihrem Mann. Auch das entspricht meines Wissens nicht ganz dem Idealbild des Gender Mainstreaming. Nun aber macht man genau das, was man nicht will! Man macht feminine Ableitungen von (vermeintlich) auf das männliche Geschlecht reduzierten Funktionsbeschreibungen! Genau dadurch wird zum Ausdruck gebracht, dass die Frau nicht unabhängig vom Mann ist, bzw. all ihre Funktionen sich von den Funktionen der Männer ableiten. Es bleibt der Nachgeschmack hängen, dass es doch nichts Eigenes, sondern nur etwas Abgeleitetes ist.

    Anders gesagt: Den Befürwortern der Gender-Sprache fehlen einfach grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache, der Unterscheidung zwischen Genus und Sexus, der Unterscheidung von Funktionsbezeichnungen und personenbezogenen Aussagen etc etc. Zudem – Überraschung – gibt es auch das „generische Femininum“, wie z.B. die Person, die Fachkraft die Kunde (in Österreich weiblich!), welc he allesamt Männer einschließen und auch gar nicht männlich inklusiv gegendert werden können.

  2. […] als Teil eines Falter-Schwerpunktes zum Gendern zusammen mit einem Essay von Matthias Dusini, einem Brief von Sibylle Hamann und einem FAQ zum […]

  3. […] Teil eines Falter-Schwerpunktes zum Gendern zusammen mit einem Essay von Matthias Dusini und einem Brief von Sibylle […]

  4. Gabriele Kienesberger sagt:

    Brilliant! Ein literarischer Genuss! Ich sehe dabei vor mir, wie die Hälse der Professoren und ihrer weiblichen Pendants anschwellen, der Kopf rot wird, sie jedoch ihren Federn und Computertasten keine gleichwertige Erwiderung abzupressen im Stande sind. Vielen Dank, Sibylle Hamann!

  5. Waltraud sagt:

    Super Artikel, der mich als Angehörige des „minimalen Prozentsatzes kämpferischer Sprachfeministinnen“ sehr amüsiert hat 😉 Eine wahre Freude nach dem gekünstelten Wortgut, das uns die ominösen 800 zugemuntet haben…

  6. Wunderbare Antwort! Danke! 🙂

  7. Paul Brugger sagt:

    Es ist interessant zu sehen, wie manche Frauen – und viele Männer sowieso – die Leiter, auf der sie emporgeklettert sind, ganz cool wegstoßen und mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen … Frauen haben entscheidend, meist sogar überwiegend, dazu beigetragen, dass wir sind, wer wir heute sind, dass unsere Gesellschaft prosperiert. Und nach einer kurzen Zeit der Berücksichtigung sollen sie nun nicht mehr genannt werden?
    Sprache schafft Bewusstsein, egal, ob das die unterzeichneten ProfessorInnen usw. nun verstehen können oder nicht! Gerade der angesprochene Briefwechsel zeigt, wie wenig Bewusstsein für Demokratie, Freiheit und Gleichheit manche ÖsterreicherInnen noch immer haben.
    Und darum geht es dabei in Wahrheit.

    Dr. Paul Brugger, auch Lehrer und auch Sprachkritiker …

  8. Susi Bali sagt:

    Liebe Frau Hamann!
    Vielen Dank für diesen Brief. Er ist so schön und leicht formuliert, dass ich ihn schon mehrmals gelesen habe.
    Ich war von der Debatte jetzt einigermaßen überrascht, weil ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass es eine Minderheit ist, die sich an geschlechtergerechter Sprache stösst. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass es viele Menschen geben kann, die die Argumente die mir schon so lange so logisch sind – nämlich wie sehr Sprache ein Abbild von Gesellschaft ist und sich also natürlich auch parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen wandelt – nicht überzeugen. Vermutlich hat es auch damit zu tun gehabt, dass ich meine kontroversiellen Diskussionen meist auf anderen Terrains führe. Jedenfalls war ich jetzt relativ ratlos – einerseits finde ich die Diskussion wichtig und andererseits will ich sie gar nicht mehr führen, weil wir doch wirklich andere Dinge angehen sollten – das mit der Sprache sollte doch schon gegessen sein 🙂 Trotzdem habe ich gemerkt, dass mich, wenn ich es dann doch mit jemandem diskutieren möchte, der da ganz woanders steht – mich relativ schnell die Gelassenheit verlässt und ich in meinem Diskussionsverhalten dann den Vorurteilen entspreche und vermutlich kämpferisch und verbissen werde, weil mir nicht einleitet, wie jemand das noch immer nicht verstehen kann. Diese Gelassenheit, die mir dann fehlt, hab ich, noch dazu, genießerisch und zielsicher formuliert in Ihrem Brief gefunden – und das hat gut getan. Danke noch mal.

  9. clara sagt:

    Danke! Danke! Danke!

  10. J. M. Perschy sagt:

    Brava! Bravissima!!

  11. Katharina Tiwald sagt:

    Ich sag einfach nur DANKE. Mit noch vielen Dankes dran. Liebe Grüße!

  12. Prieschl Margot sagt:

    Einfach grandios und absolut treffend
    dieser Artikel
    von Sybille Hamann,
    Journalistin, Autorin und Feministin.
    DANKE! lg, Margot Prieschl

  13. Nikolaus Stockert sagt:

    Liebe Frau Hamann,
    ich kenne mich bei Ihnen nicht ganz aus, – sind in Ihrem ausgezeichnet geschriebenen Brief bei „Wissenschaftlern“ und „Philosophen“ nur Männer gemeint??
    Mit freundlichen Grüßen
    Nikolaus Stockert

  14. Grossartig! Danke und liebe Grüsse Evelyn

  15. Gudrun Lerchbaum sagt:

    Diesen Brief würde ich mit Vergnügen unterschreiben!

  16. Gut argumentiert und sehr, sehr fein geschrieben.

  17. mario semo sagt:

    Liebe Frau Hamann,

    Ich hätte die 800 ja mit „sehr geehrte Herren…“ angesprochen. Die Frauen die unterschrieben haben, fühlen sich bei „Herren“ ja wohl auch mitangesprochen….

    Aber eigentlich ist mir ein Zitat eingefallen:
    Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen. Mark Twain.

    In diesem Sinne gehöre ich sehr gerne zu den Nicht-unterzeichnern und habe mich sehr über Ihren Artikel gefreut. Danke.

  18. Liebe Frau Hamann,
    Vielen viele vielen Dank für Ihren wunderbaren Brief!!!!!
    mit frauenfreundlichen Grüßen
    Claudia Spring

  19. In aller Kürze: „wunderbar“

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