Für den Falter

Dieser Ausblick ist in Wien normalerweise ein paar tausend Euro pro Quadratmeter wert. Grünblick, Weitblick. Schaut man geradeaus, dreht sich träge das Riesenrad. Unten rascheln die Blätter der Kastanienbäume im Wind. Manchmal zieht von den Hochschaubahnen des Wurstelpraters ein Wölkchen Gedudel und Gekreische herüber. Aber im Moment zieht es den Blick eher auf den Himmel im Westen: Dort haben sich die Wolkentürme schon dramatisch drohend gelb gefärbt, jeden Moment wird das Gewitter losbrechen.
Meist ist es den Reichen, Schönen und Mächtigen vorbehalten, der Welt aus dieser erhabenen Penthouse-Perspektive zuzuschauen. Tatsächlich stand hier, in der Laufbergergasse gleich neben der Prater Hauptallee, früher eine prächtige Jugendstilvilla der Musikerfamilie Harnoncourt. Doch in ein paar Monaten kriegen diese Perspektive experimentierfreudige Billigtouristen und Asylwerber.
„Magdas“ wird das Hotel heißen, in dem diese unter einem Dach wohnen sollen. Die Caritas richtet es ein. Es soll ein Ort der Begegnung werden, wo Wien sich seinen Gästen von einer ungewohnten Seite zeigt; ein temporäres soziales Experiment mit Retro-Schick. Doch noch braucht man Phantasie, um sich das vorzustellen.
Seit die Jugendstilvilla 1972 abgerissen wurde, steht hier nämlich bloß noch ein schlichter, grauer, dreistöckiger Betonbau, den die Caritas als Pensionistenheim nutzte. Niedrige Decken, Linoleumböden, dunkle Einbauschränke aus Spanplatten: Viele Demenzkranke wohnten hier, viele zu arm, um sich ein mondäreres Heim leisten zu können. Vor einem Jahr zogen die Pensionisten aus, ließen ein paar Teddybären zurück. Im vergangenen Winter war hier dann eine Notschlafstelle für die Obdachlosen vom Praterstern untergebracht. Staub liegt in der Luft, einige Fensterscheiben sind kaputt, viele Türen ausgehängt.
Doch Clemens Foschi, der Projektleiter, kann sich alles schon ganz genau vorstellen, wie es in ein paar Monaten werden soll. Da, der Speisesaal, genau solche Stühle sind doch gerade wieder in! Die Terrasse in den Garten hinaus, ideal für Veranstaltungen geeignet! Dort drüben reißen wir zwei Wände raus, dann gibt’s eine offene Bar mit Bibliothek, mit allem, was man zum Thema Asyl und Migration wissen muss. Und die Lampen, sind die nicht super? Echt Siebzigerjahre, dafür zahlt man heutzutage in Vintage-Shops viel Geld, die lassen wir genau so hängen!
Das legendäre Hotel Kiev in Bratislava sieht Foschi vor seinem geistigen Auge, wenn er das alte Zeug sieht. Die Ost-Berliner Platte, wo man für DDR-Flair inzwischen viel Geld ausgibt. Nur die Thujen – die müssen natürlich noch weg. Drei Meter hohe düstere Ungetüme verstellen derzeit rundherum den Ausblick in den Prater. „Stattdessen kommt dort ein Radlverleih samt Werkstatt hin. Und schon wieder haben wir einen Job!“
Einen Job? Wenn Foschi von der Werkstatt spricht, hat er nicht nur Radler von der Hauptallee im Sinn, die eine Pumpe brauchen – sondern auch Asylwerber, die Beschäftigung brauchen. Während Hotels üblicherweise versuchen, mit so wenig Personal wie möglich auszukommen, tut Magdas das Gegenteil. Küche, Service, Wäsche, Werkstatt, Garten: Je mehr sinnvolle Jobs und Lehrstellen man hier schaffen kann, desto besser. Denn für Asylwerber ist Arbeit ein rares Gut.
In Österreich sind sie nämlich vom Gesetz zum Nichtstun gezwungen. Sie werden vom Arbeitsamt nicht unterstützt, dürfen nur in ganz wenigen Bereichen arbeiten, als Saisonniers in der Landwirtschaft, oder in der Prostitution. Jugendliche dürfen zwar in die Schule gehen und eine Lehre machen – aber das Gelernte anschließend nicht umsetzen. Wer mehr als 110 Euro im Monat dazuverdient, läuft Gefahr, aus der Grundversorgung herauszufallen und den Anspruch auf eine staatliche Unterkunft zu verlieren.
Vor diesem Problem steht auch Hayat Hoseini, der fast jeden Tag hierher auf die Baustelle kommt. Er hat ein bisschen Bart, ein scheues Lächeln, eine sanfte Stimme. Demnächst wird er 18. Er kommt aus Zentralafghanistan. Dort ging er in die Schule und arbeitete nebenher in einer Bäckerei. Bis er sich, 15 war er da, entschloss, ganz allein nach Europa aufzubrechen. Drei Monate war er unterwegs, die klassische Route: Über den Iran, die Türkei, Griechenland. Dann das schlimmste: die Überfahrt nach Italien, mit 78 wildfremden Menschen drei Tage lang auf einem kleinen schwankenden Boot. Hayat hatte große Angst. Er kann nicht schwimmen. Ständig war er seekrank. Das Meer hatte er vorher noch nie gesehen.
Inzwischen ist er in Wien „subsidär schutzberechtigt“, hat ein Visum, das jedes Jahr erneuert werden muss, wohnt in einer Caritas-WG für minderjährige Flüchtlinge. Aber lieber als den ganzen Tag untätig dort herumzuhängen, ist er hier und packt an. Eben schleppt er gemeinsam mit drei anderen Burschen mannshohe dunkelbraune Spanplatten von einem Stockwerk ins andere. Dutzende Laufmeter Einbaukästen haben sie zerlegt, nun werden die Platten zersägt und zu neuen Möbeln zusammengesetzt.
Hayat klopft die staubigen Arbeitshandschuhe aus und wischt sich den Schweiß von der Stirn. lm September will er eine Lehre als Bürokaufmann beginnen. „Ich mag es, wenn es sauber ist“, lächelt er.
Marek Kammerer klopft ihm auf die Schulter. „Muss dir nicht peinlich sein, ich versteh das“, sagt der ältere Mann jovial. Kammerer trägt Brille, Gesundheitssandalen und einen Aktenkoffer, er spricht mit polnischem Akzent, auch er ist jeden Tag hier, freiwillig, in gleich vierfacher Funktion: Erstens ist er gelernter Hochbauingenieur. Zweites Pensionist mit sozialem Gewissen. Drittens Nachbar aus der Laufbergergasse. Und viertens „kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mit den Burschen hier zu arbeiten. Es ist so eine Freude. So viel Talent, so viel Energie.“
Seine Rührung verrät, dass sich der polnische Emigrant in diesen Burschen irgendwie wiedererkennt. 1978 kam Kammerer als 22jähriger nach Wien, „mit neun Dollar in der Tasche, und einer einzigen Hose, die hatte ich an.“ Er zog mit einem Putzkübel und einem Fetzen durch die Straßen des 15. Bezirks, diente sich Geschäftsleuten als Fensterputzer an. Vergeblich. Bis er schließlich, über eine Zwischenstation als Autohändler, bei der UNO landete, wo er sich jahrelang um die Gebäudetechnik kümmerte.
„Jetzt hab ich hier meine kleine UNO“, zeigt er auf die Burschen. Und: „Wir hatten es damals leichter als die Flüchtlinge heute. Man hat uns die Chance gegeben, uns auf eigene Beine zu stellen.“
Daniel Büchel nimmt im ersten Stock die Spanplattenteile in Empfang. Daniel ist ebenfalls Architekt und hat den Ehrgeiz, so vieles wie möglich aus dem Altersheimfundus einer neuen Bestimmung zuzuführen. An der Flurwand aufgereiht stehen einige seiner Entwürfe, die in Serie gehen sollen: Aus Schrankwänden werden runde Beistelltischchen. Ausgehängte Zwischentüren werden, mit Tapeten beklebt, zu Spiegelrahmen. Zersägte Stühle werden zu Kofferablagen; an die Wand geschraubte Koffer zu zuklappbaren Nachtkästchen. Dazu kommt hier ein Sessel aus dem Hotel Bristol, dort eine Lampe aus dem Caritas-Lager Carla. Das Temporäre, Unfertige ist nicht nur ästhetische Masche, sondern Programm: Schließlich sind sowohl Touristen als auch Flüchtlinge Reisende, die einen freiwillig, die anderen unfreiwillig. Und fremd fühlen können sich sogar WienerInnen in Wien.
Einige der hundert Zimmer sind zum Herzeigen bereits eingerichtet. Drei Dinge darin müssen neu sein: die Badezimmerfliesen, die Teppichböden in gedämpften Fifties-Farben, und gute Matratzen in den Betten. „Das erwarten die Gäste“, sagt Foschi. Doch vieles, von den alten Heizungsradiatoren über die Handtuchhalter bis zur Elektrik, bleibt einfach. „Wir sind ja kein Luxushotel“.
Der Mehrwert für die Gäste, erklärt Caritas-Sprecher Martin Gantner, soll nicht in der Ausstattung liegen, sondern in der Aussage. In den Menschen, die hier wohnen und arbeiten, den Begegnungen, die hier hoffentlich stattfinden, und den Geschichten, die dabei ausgetauscht werden. Mehrere WGs für jugendliche Asylwerber werden in den Seitentrakt des Hauses übersiedeln, einige dieser Jugendliche werden gleich hier als Kellner oder Gärtnerinnen ihre Lehre machen. Ab September werden die Stellen in Küche und Service ausgeschrieben – wer weiß, vielleicht findet sich ein afghanischer Chefkoch oder eine Rezeptionistin aus Nigeria.
Die Botschaft, die die Caritas hier deutlich ausspricht, kann man auch als Rüge an die Politik verstehen: Flüchtlinge sind Teil der Stadt. Man muss sie nicht, wie es das österreichische Asylwesen derzeit tut, in geschlossenen Lagern isolieren und mildtätig durchfüttern. Besser wäre es, sie in die Mitte der Gesellschaft zu holen und ihre Fähigkeiten und Erfahrungen produktiv zu nützen.
Für eine Gruppe braucht es da allerdings stets besondere Überzeugungskunst: die Nachbarn. Ein Sozialprojekt nebenan – das ist in Wien stets Anlass zu Sorge und Misstrauen; obwohl speziell dieses Haus diesbezüglich eine lange Geschichte mitbringt. Schon 1945, als die Wohnungsnot in Wien groß war, diente die Jugendstilvilla als Übergangsquartier für ausgebombte Familien. 1956 waren hier geflohene ungarische StudentInnen untergebracht, anschließend Flüchtlinge aus 23 anderen Nationen. Dass nach den Pensionisten nun wieder „Fremde“ einziehen sollen, behagt zwar Herrn Kammerer – aber nicht allen.
„Magdas“ soll daher speziell auch den Nachbarn offenstehen. Im Garten sollen sie Gemüsebeete bewirtschaften können, man will die Hasenkäfige reaktivieren, als Kinderattraktion für den Familienbrunch.
Den Nachbarn an der Rückseite des Hauses schließlich ist eine spezielle Rolle zugedacht. Dort grenzen nämlich die Bildhauerwerkstätten der Akademie für bildende Künste an das Grundstück an. Während des Semesters, wenn die Studierenden im Hof ihre Steinblöcke berabeiten, schallt tagsüber ihr ausdauerndes Klopfen und Hämmern herüber. Auch sie sollen nun ihre unmittelbare Nachbarschaft mitgestalten: In einem Wettbewerb wurde die Fassadengestaltung von „Magdas“ ausgeschrieben. Ein Dutzend Entwürfe hängen derzeit an den Wänden des Speisesaals, im Herbst wird eine Jury die Entscheidung treffen.
Die interessantesten Projekte nehmen die Geschichte des Hauses auf, und tragen sichtbar nach draußen, was drinnen passiert. In einem werden die roten Handläufe, die sich durch alle Gänge des Altersheims zogen, außen an die Fassade montiert, und verpassen dem Haus so einen neuen Rahmen. Ein anderes will Portraits von Flüchtlingen und Zitate aus ihren Geschichten in Neonschrift an den Außenwänden montieren.
Ein weiterer Vorschlag schließlich will quadratische Kupferplatten, 15×15 Zentimeter groß, an der Fassade anbringen; ein wachsendes Mosaik aus Wertgegenständen quasi, zu dem auch Hotelgäste beitragen können, in dem sie einzelne Platten erwerben. Eine Art Sparkasse soll das sein. Ein temporäres Investment. Eine auflösbare Rücklage, so wie Flüchtlinge oft alles, was sie besitzen, am Körper tragen.
Das steht sinnbildlich für alles, was „Magdas Hotel“ den Wienern zu sagen versucht: Es ist nichts für immer. Man weiß nie, was draus wird. Auch dieses Haus ist keine Dauerlösung für die Flüchtlingsfrage. Aber wenn es hier, im Prater, zumindest eine Weile lang funktioniert – dann hat es, zumindest hier im Prater und zumindest eine Weile lang, für einige Menschen einen Unterschied gemacht.
Kasten
Social Business in Wien und anderswo
„Magdas“ ist ein Kunstwort. Es bezeichnet alle „Social Businesses“ der Caritas. Basierend auf der Lehre des Nobelpreisträgers Mohamed Yunus, ist das wichtigste Ziel eines solchen Unternehmens die Lösung eines sozialen Problems. Es handelt marktwirtschaftlich, soll sich aus den eigenen Erlösen finanziell selbst tragen, muss jedoch keinen Gewinn abwerfen.
In Vorarlberg gibt es bereits Projekte, wo junge Flüchtlinge in Gastronomiebetrieben ausgebildet werden. In Bad Pirawarth betreibt die Caritas gemeinsam mit „Spar“ einen Supermarkt, in dem nach ähnlichen Grundsätzen Behinderte arbeiten.
„VinziRast mittendrin“ in der Wiener Währingerstraße kombiniert kommerzielle und und soziale Bereiche: In zehn WGs wohnen Studierende und ehemalige Obdachlose, gemeinsam betreibt man ein Gasthaus.
„Michls Cafe“, gleich hinter dem Rathaus, und „Inigo“ in der Wiener Bäckerstraße sind ebenfalls Lokale mit sozialem Auftrag: Hier arbeiten Langzeitarbeitslose.
Auch international gibt es Vorbilder. Das berühmteste ist das „Grand Hotel Cosmopolis“ in Augsburg, in einem ehemaligen Pensionistenheim aus den Siebzigern. Es versteht sich als „gesellschaftliches Gesamtkunstwerk“, als „soziale Plastik“, das in mehrjähriger Gemeinschaftsarbeit zu einem Hotel samt Flüchtlingsherberge, Gastromonie und Ateliers umgewandelt wurde.
Das „Stadthaushotel“ Hamburg-Altona oder das „Hotel Dom“ im Schweizer St.Gallen werden von Menschen mit und ohne Behinderung geführt.

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