Ebay, AirBnB, UberPop: Was „Sharing Economy“ genannt wird, hat mit „Teilen“ nichts zun tun. Sondern mit Geldverdienen, und oft auch mit Schwarzarbeit

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Es ist ein so weiches, fluffiges Wort: „Sharing“. „Share“ sagen die Amerikaner, wenn Freundinnen zusammensitzen und intimste Geheimnisse austauschen. „Share“ sagen Kinder, wenn sie Süßigkeiten geschenkt bekommen und untereinander aufteilen. „Share“ sagt man, wenn man ein Ding, das man selten braucht, gemeinsam anschafft und abwechselnd benützt; sei es eine Dreschmaschine, ein Sechspersonenzelt oder ein Kärcher. „To do one’s share“ sagt man auf englisch, wenn man seinen Anteil an einer gemeinsamen Aufgabe leistet.
„Sharing“ ist also eine wichtige, gesellschaftlich wertvolle Angelegenheit. In der Natur der Sache liegt allerdings, dass man dabei keine gewerblichen Absichten verfolgt. Zwar haben alle Partner, die etwas teilen, einen Vorteil davon – genau deshalb tut man es ja. Aber dass Geld von Hand zu Hand geht, ist nicht Teil des Deals.
Eine Bäuerin, die im Seitentrakt ihres Hauses „Urlaub am Bauernhof“ anbietet, wäre deswegen nie auf die Idee gekommen, selbiges „Teilen “ zu nennen. Ebensowenig wie ein englischer Zimmervermieter sich mit seinem „Bed&Breakfast“ je als Bestandteil der „Sharing Economy“ gefühlt hätte – selbst wenn er beim Frühstück mit seinen Gästen oft persönlich ins Plaudern kommt. Es ist zwar richtig, dass in der ersten Juliwoche jemand anderer im selben Gästebett schläft als in der zweiten Juliwoche. Aber „geteilt“ wird ein Bett normalerweise erst, wenn man gemeinsam drin liegt (ohne einander zu bezahlen). Wenn einer dem anderen gegen Entgelt ein Zimmer, ein Auto, seine Zeit, Kraft, Expertise oder eine Schiausrüstung leiht, verwendet man dafür korrekter ein anderes Wort: „mieten“.
Die Begriffsverwirrung, die hier offensichtlich wird, kommt nicht von ungefähr. Wer „Sharing economy“ sagt, legt damit oft absichtlich eine falsche Fährte. Will mitnaschen am fluffigen Klang des Wortes. Will so tun, als ginge es nicht um Jobs, Arbeit und Geldverdienen, sondern um private Beziehungen. Um Hobbies, die man unter Freunden pflegt.
Doch diese Fährte führt ziemlich rasch in die Irre. Begonnen hat es bei Ebay: Wer einst in der Nachbarschaft altes Zeug sammelte, um es beim jährlichen Pfarrflohmarkt zu veräußern, verwandelte seine Garage in ein Warenlager und sich selbst in einen hauptberuflichen Ebay-Verkäufer – so geschehen mit tausenden Hartz-IV-Empfängern in der deutschen Provinz. Es folgte das Geschäftsmodell von AirB&B: Prekär Beschäftigte in attraktiven Großstädten erhofften sich ein dauerhaftes krisenfestes Zweiteinkommen, indem sie Wohnungen kauften oder mieteten, möblierten und als Ferienwohnungen tageweise an Touristen untervermieten. Nun folgt, mit UberPop, der dritte Streich: Statt auf dem Sofa zu sitzen, mit dem parkenden Auto vor der Tür, setzt man sich mit dem Handy ins Auto und hält sich bereit, um Leute gegen Geld von A nach B zu fahren.
Das Tückische an diesen Dienstleistungen: Sie schauen aus wie Zeitvertreib, fühlen sich bisweilen auch so an – man erledigt sie zwischendurch, in der Mittagspause, in den Lücken zwischen Hausarbeit und Arbeitsaufträgen, abends, wenn die Kinder schlafen. Doch genau hier steckt die Lüge. Es handelt sich – wie einst bei den Heimnäherinnen – um Arbeit. Arbeit, für die es ordentliche Stunden- oder Stücklöhne braucht, von denen man leben kann. Arbeit, die als solche angemeldet und versteuert werden muss. Arbeit, für die man Krankenversicherungsbeiträge zahlt und Pensionsansprüche erwirbt. Und für die auch die Vermittlungsplattformen, mit ihren teils riesigen Profitmargen, ihren fairen Obulus an die Allgemeinheit abliefern müssen.
Gesellschaftlich gesehen ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn Fremdenzimmer am Bauernhof oder Autofahrten nicht mehr über Taxi-Funk oder gedruckte Zeitungsannoncen vermittelt werden, sondern über Handy-Apps oder Online-Plattformen. Alles okay. Solange man es nicht „Sharing“ nennt und Schwarzarbeit darin versteckt.

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