Im Dschungel von Steuerausnahmen und Förderungen finden sich nur jene zurecht, die Berater bezahlen können. Ein Plädoyer für eine Steuerreform, die alles einfacher macht.

presse-kolumne

Das österreichische Steuerrecht füllt ein dickes Buch. 558 Ausnahmen und Begünstigungsmaßnahmen listete der Rechnungshof schon vor eineinhalb Jahren auf – Sonderregeln, die allesamt ihre Geschichte haben, aber kaum jemand wirklich überblickt. Ähnlich unübersichtlich wird es, wenn der Staat das Füllhorn umdreht und über seinen Bürgern wieder ausschüttet. Zumal neben den staatlichen ja auch noch Länder- und EU-Förderungen existieren. Haben Sie etwa schon einmal eine Förderung für den Einbau schalldichter Fenster beantragt? Oder für die 24-Stunden-Betreuung Ihrer Schwiegermutter? Dann wissen Sie, was ich meine.
Es gibt zwei Arten, mit Unübersichtlichkeit umzugehen. Die eine Sorte Menschen freut das. Sie schwimmen da wie Fische im Wasser. Sich das Maximum dessen holen, was einem theoretisch zusteht, und umkehrt nur das absolute Minimum dessen abliefern, was man muss; möglichst viel kriegen, möglichst wenig hergeben: Diese Herausforderung weckt bei ihnen beinahe sportlichen Ehrgeiz. Nächtelang brüten diese Menschen über der Buchhaltung, durchforsten das Internet nach Tipps und Tricks, und rechnen alle Varianten der Steuer- und Förderungsoptimierung so lange durch, bis sie die Ideal-Kombi gefunden haben. Menschen dieser Sorte schlafen wenig. Oder – häufiger – sie delegieren diese Arbeit. Lassen ihr Geld professionell verwalten, beschäftigen Heerscharen von Steuer- und AnlageberaterInnen, die es behände zwischen Konten, Depots, Mutter- und Tochterfirmen hin- und herschicken, um jede Höchstgrenze, jedes Schlupfloch, jede Standortförderung, jede Verlustabschreibung ideal auszunützen.
Für diese Komplexitätsprofis gilt: Je komplizierter die Rechtslage, desto besser für sie. Denn jede Ausnahme, jede Sonderregelung muss ja verwaltet und kontrolliert werden, das kostet den Staat Zeit und Ressourcen, die ihm dann wieder bei der Steuerfahndung fehlen. Und selbst wenn am Ende irgendwas strittig bleiben sollte – egal. Kann man gern durch alle Instanzen durchfechten. Gute Anwälte hat man ja.
Dann gibt es die zweite Sorte Menschen. Die befällt beim Anblick von Formularen eine seltsame Lähmung. Selbst wenn ihnen etwas theoretisch zusteht – sie schaffen es einfach nicht, ihre Ansprüche auch geltend zu machen. Oja, wahrscheinlich verdient man wenig genug, um ein ermäßigtes Schulessen beantragen zu können – aber wo krieg ich das Formular, was muss ich beilegen, wer stellt meine Gehaltsbestätigung aus, wo ist ein Copy-Shop, und was heißt eigentlich das Wort „Bemessungsgrundlage“, das da in der dritten Zeile steht? Dann ist der Papa krank oder der Geschirrspüler kaputt, es gibt Stress im Büro, das Mailprogramm spinnt oder die Druckerpatrone ist leer. Und dann hat man es wieder nicht auf die Reihe gekriegt. Weil die Sprechstunde am Amt xy war schon vorbei war, als man endlich hinkam; weil man zu lang in der telefonischen Warteschlange hing; oder weil das Kuvert, das wochenlang frankiert am Vorzimmertisch lag, schließlich doch versehentlich im Altpapier landete, als die Kinder ihre Schulsachen aussortierten.
Jede kleine Komplikation, jeder zusätzliche Nachweis, der gefaxt oder gescannt werden muss, wächst sich vor den Augen dieser Komplexitätslaien zu einer neuen, unüberwindlichen Hürde aus. An jeder Hürde wird wieder einer von ihnen aufgeben. Am Ende wird nur ein Bruchteil aller, denen eine Förderung oder eine Beihilfe zustünde, sie tatsächlich beantragen. Und nur ein Bruchteil aller, die etwas von der Steuer absetzen könnten, tun das auch.
Gut möglich, dass die Unübersichtlichkeit unseres Steuer- und Förderungssystems am Ende ein Nullsummenspiel ist. Dass der Staat die Löcher, die ihm die Komplexitätsprofis ins Bugdet reißen, durch Gewinne bei den Komplexitätslaien wieder stopft. Aber gerecht? Gerecht ist das nicht.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.