Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist auch eine Stunde der Wahrheit: Sie zeigt, auf wen man zählen kann, wenn man Hilfe braucht

Presse-Kolumne

Die Haut kann man mit Plastikfolie schützen, zur Not tut es ein zerschnittener Müllsack. Gummihandschuhe bedecken die Haut der Hände, eine Maske Mund und Nase, eine Schibrille die Augen. Ganz sicher kann man dennoch nie sein, wenn man es mit hochinfektiösen Kranken zu tun hat, die sich mit letzter Kraft, fiebernd, blutend, sich erbrechend, ins Spital schleppen. Ein Restrisiko, sich bei der Arbeit anzustecken, ist für Krankenpfleger, Pflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen immer dabei. Doch mit der richtigen Ausbildung und der richtigen Ausrüstung ist es beherrschbar. Gefährlicher wird es, wenn die Spitalsangestellten die Schutzanzüge ausziehen und nach nach der Arbeit nach Hause fahren. Im Minibus, auf dem Markt, im Geschäft, in der Küche, im eigenen Bett – dort ist die Gefahr, sich mit Ebola anzustecken, größer.
Die Gesundheitsprofis, die in Liberia, Sierra Leone und Guinea in dieser Krisenzeit jeden Tag trotz allem zur Arbeit gehen, verdienen grenzenlose Hochachtung. Selbstverständlich ist ihr Pflichtbewusstsein nicht – angesichts der niedrigen Löhne, die sie bekommen, der schwierigen Arbeitsbedingungen, der oft fehlenden Anerkennung. In vielem, das ihr Risiko senken würde, könnte man sie aus sicherer Distanz unterstützen: Mit Expertise, vor allem aber mit Geld. Geld für Aurüstung, Aufklärung, Transportfahrzeuge, Desinfektionsmittel, Leichensäcke, Gefahrenzulagen. Aber da kommt nicht viel. Der reiche Teil der Welt schaudert zwar gern angesichts existenzieller Gefahren in der Ferne. Mit Hingabe diskutiert er, ob wirklich jedes noch so kleine Restrisiko – durch Flugreisende, Touristen, Flüchtlinge, Staatsbesuche – für einen selbst absolut und ganz sicher ausgeschlossen sei. Erst langsam, sehr langsam fließt Geld von IWF, Weltbank, von einem Sonderfonds der UNO, von der Gates-Stiftung.
In jeder akuten Krise zeigt sich, auf wen Verlass ist. Auf die WHO zum Beispiel – eher nicht. Gegründet 1948, ausgestattet mit einem 2-Jahres-Budget von fast 4000 Millionen Dollar, wäre die Organisation eigentlich genau für Momente wie diesen gedacht: um „Führungskraft in globalen Gesundheitsfragen zu zeigen“, Länder bei Bedarf „technisch zu unterstützten“ und die „kollektive Verteidigung gegen grenzübergreifende Gefährdungen“ zu koordinieren, wie es in der offiziellen Selbstdarstellung heißt. Alles das hätte die Rolle der WHO sein können: die Regierungen beraten, sie bei der Umsetzung von Notfallsplänen, beim Aufbau der Infrastruktur unterstützen, Expertentams schicken. Wirklich geschafft hat sie das nicht.
Stattdessen haben sich als verlässlichste Akteure drei andere hervorgetan: Zuvorderst „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF), jene NGO, die in allen Gesundheitskrisen, seien sie von Kriegen oder Naturkatastrophen verursacht, stets als erste vor Ort ist und ebenso professionell wie furchtlos agiert. 2000 lokale Mitarbeiter hat MSF in den letzten Monaten trainiert, und ist mit 250 ausländischen Experten vor Ort.
Zweitens die von der westlichen Welt geächteten Kubaner: 165 Männer und Frauen, medizinisches Personal mit langjähriger Seuchenerfahrung, kommen Anfang Oktober in Sierra Leone an und sollen ein halbes Jahr bleiben. Es ist das größte Expertenkontigent eines einzelnen Landes, und steht in der Tradition der sozialistischen revolutionären Solidarität, die einst Che Guevara nach Afrika tragen wollte (insgesamt sind heute 55.000 kubanische Gesundheitsspezialisten in 66 armen Ländern im Auslandseinsatz).
Dritter verlässlicher Helfer ist ironischerweise Kubas Erzfeind, die amerikanische Armee. Die wurde von Barack Obama losgeschickt, um in Liberia 17 militärische Seuchenzentren mit je 100 Betten zu bauen. Obwohl man annehmen müsste, die US-Army hätte an anderen Fronten, speziell im Kampf gegen die islamistische IS, derzeit eigentlich genug zu tun.
Es gibt halt immer die einen, die Verantwortung übernehmen. Und die anderen, denen immer tausend Gründe einfallen, es nicht zu tun.

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