Eine Ganztagsschule übernimmt für Kinder und ihren Lernerfolg Verantwortung. Das ist ehrlicher, gerechter und angenehmer für alle – Kinder, Eltern, Lehrer, Wirtschaft.

Die bürgerlichen Eliten haben es immer schon gewusst. Wenn sie wollten, dass ihre Sprösslinge gut aufgehoben sind, schickten sie sie in bürgerliche Eliteschulen. Die hatten verschiedene Eigenheiten, schöseliger die einen, alternativer die anderen, mit musischem, sprachlichem oder sportlichem Schwerpunkt. Nur eines hatten sie in der Regel gemeinsam: Sie waren Ganz- oder Halbinternate. Oder – wie man letztere heute schlichter nennt – Ganztagsschulen. Rätselhaft, warum die bürgerliche ÖVP sich jahrzehntelang politisch derart erbittert gegen etwas wehrte, das ihre Wähler privat durchaus zu schätzen wussten. Dass der neue Parteichef dieses Paradox nun entsorgen will, ist eine gute Nachricht. Es macht hoffentlich neue Türen auf.
Die Ganztagsschule, ernst gemeint, ist nämlich mehr als eine Halbtagsschule, die ein bisschen länger dauert (viel Zeitunterschied gibt es ja gar nicht: zwischen einem 14-Uhr- Unterrichtsschluss und einem um 15.30 oder 16 Uhr liegen grade mal 90 oder 120 Minuten). Ihr liegt ein anderes Denken zugrunde. Ein anderes Lehrer- und ein anderes Familienbild. Und eine andere Idee, was Schule leisten soll.
Das hat vor allem mit Verantwortung zu tun. Die Ganztagsschule ist explizit dafür zuständig, dass Kinder tagsüber körperlich versorgt sind – dass sie essen, trinken, sich waschen, sich umziehen. So selbstverständlich das sein sollte (und im Kindergarten längst ist), so leicht wurde es Schulen bisher gemacht, sich dieser Selbstverständlichkeit zu entledigen: Dein Magen knurrt? Ist eh ein McDonalds um die Ecke. Das Leiberl ist nass, die Nase gehört geputzt? Nicht unser Problem. Soll sich die Mama drum kümmern, oder wer halt sonst zu Hause ist.
Für ihr Mehr an Verantwortung braucht eine Ganztagsschule mehr Ressourcen und mehr Platz – Sportplätze, Gärten, Garderoben, Bibliotheken, Freiräume, Rückzugsräume, zum Essen, Ausruhen, Quatschen, Musizieren, Lesen, Alleinsein. Mit nebeneinander aufgereihten Klassenzimmern wird man nicht auskommen. Lehrende müssen gleichzeitig ihre Job Description erweitern. Mit dem eigenen Fach ist es nicht getan. Man begegnet den Kindern nicht nur in Geschichte oder Physik, sondern in vielen Rollen – beim Essen, Aufräumen, Basteln, Toben. Man verbringt Zeit mit ihnen, lernt sie besser kennen, entdeckt an ihnen neue Seiten, gibt eventuell mehr von sich selbst preis. Das kann allen nur guttun.
Sportvereine, Clubs, Musikschulen, Sprachkurse – Nachmittagsangebote müssen sich, wenn sie nicht austrocknen wollen, in einem Ganztagssystem stärker mit den Schulen absprechen oder gleich dort andocken. Damit werden Geige oder Taekwondo jenen Kindern eher zugänglich, deren Eltern an Geige und Taekwondo völlig desinteressiert sind. Auch für den Lernfortschritt übernimmt eine Ganztagsschule ausdrücklich Verantwortung. Keine Hausaufgaben. Keine private Nachhilfe. Kein Delegieren des Referate-Schreibens oder Häkelns an Onkel, Oma, Nachbarin. Gelernt und geübt wird in der Schule. Alles, was man zur Bewältigung des Stoffs braucht, findet sich dort, und jedes Problem, das dabei auftaucht, wird dort gelöst.
All das ist erstens gerechter (weil nicht jene Kinder profitieren, deren Eltern die meiste Zeit aufwenden, sondern jene, die intelligenter oder eifriger sind). Zweitens ist es für ihre Körperhaltung besser (weil sie nicht täglich kiloschwere Taschen schleppen). Drittens für die Eltern logistisch einfacher (weil man nicht ständig kochen, Betreuung organsieren oder ein Kind irgendwo hinbringen muss). Viertens der Arbeitswelt zuträglicher (weil nicht ständig jemand davonrennt, um ein Kind irgendwo hinzubringen).
Aus Familiensicht am allerwichtigsten jedoch ist: Es mindert den Stress, und tut der Stimmung gut. Weil nichts lähmender ist, als über Hausaufgaben streiten zu müssen. Und nicht netter, als Zeit füreinander zu haben.

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