„Macondo“ heißt der neue Film von Sudabeh Mortezai. In die Geschichte der Simmeringer Flüchtligssiedlung mischt sich auch ihre eigene.

Ein Ortsbesuch für den „falter“

Die Zwischenwelt beginnt gleich hinter dem Huma-Supermarkt, am Parkplatz. Männer, Frauen, alte, junge schieben geschäftig Einkaufswagerln zu ihren Autos, beladen ihre Kofferräume. Cornflakes, Klopapier, Katzenfutter. Der Wind weht von der Donau herüber, ab und zu hört man auf der Alberner Hafenzufahrtsstraße einen schweren LKW vorbeidröhnen. Sehen kann man ihn nicht, denn den Parkplatz umgibt eine leuchtend gelbe Wellblechwand.
Nur wenigen Huma-Kunden fällt die Lücke in der gelben Wand auf. Ein von vielen Füßen gestampfter Trampelpfad führt hindurch, grade breit genug für ein Einkaufswagerl. Durch die Lücke schlüpfen ab und zu Frauen, Männer, alte, junge, die bunte Saris, gehäkelte Mützen, Dschellabas oder Flipflops tragen. Die Parkplatz-Menschen schauen ihnen kurz irritiert nach, klappen ihre Kofferraumdeckel zu und fahren nach Wien. Die Menschen, die durch die Lücke schlüpfen, gehen nach Macondo.
Macondo, der fiktive Sehnsuchtsort aus dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Macondo, die Siedlung in der Simmeringer Peripherie, zwischen Freudenauer Kraftwerk, Südost-Tangente, Kläranlage und Friedhof der Namenlosen. Macondo, wo 3000 Menschen aus 18 Ländern in 500 Wohnungen gemeldet sind: Nach den Ungarn (50er Jahre) kamen Vietnamesen (60er), Lateinamerikaner (70er), Afghanen (80er), Bosnier (90er), Somalier (2000er), Tschetschenen (10er). Jetzt sind die Syrer da, und Übriggebliebene aller anderen Gruppen ebenfalls.
Als Sudabeh Mortezai zum ersten Mal nach Macondo kam, vor drei Jahren, mit dem erratisch verkehrenden 73A-Autobus, wunderte sie sich über zweierlei: „Wie ist es möglich, dass ich dreißig Jahre in Wien lebe, ohne je hier gewesen zu sein? Und wie ist es möglich, dass noch niemand einen Film über diesen Ort gemacht hat?“
Inzwischen gibt es den Film „Macondo“, Mortezai hat ihn gedreht, eben ist er in den Kinos angelaufen. Es ist ein Spielfilm, erzählt aus der Perspektive von Ramazan, einem zehnjährigen tschetschenischen Buben, der sich vorzustellen versucht, wer sein getöteter Vater war. Der eifersüchtig seine Mutter bewacht. Der seine Grenzen austestet – die Grenzen familiärer Solidaritat, die Grenzen des Erlaubten, und die physischen Grenzen von Macondo: Der Huma-Parkplatz. Der Baumax. Der Bagger-Spielplatz an der Hafenstraße, wo gut gelaunte Wiener Kinder um 60 Euro pro Stunde Schutt schaufeln.
Es wäre leicht gewesen, die Siedlung bloß als Kulisse zu nützen; das seltsame Gebäudekonglomerat aus Gründerzeit-Kaserne, Schrebergärten und Siebzigerjahre-Wohnblock, die Gstättn dazwischen, die Musik, die bunten Kleider auf den Wäschständern, die exotischen Gerüche. Doch die Filmemacherin wollte mehr. Sie wollte Vertrauen. Sie wollte verstehen. Deswegen machte sie mit den Kids von Macondo zuerst einen Film-Workshop, einen ganzen Sommer lang. „Es war nicht leicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie testen mich aus, ob ich es ernst meine. Ob ich durchhalte.“
Mortezai hielt durch, entschlüsselte die Codes, lernte die Regeln. Wie die Kids gegeneinander ihre Reviere abstecken, aber nach außen zusammenhalten. Wie die Eingesessenen jeweils die Neuankömmlinge taxieren. Wie der Kräutergarten die Herkunft verrät („An der Minze erkennst du die Afghanen. Das weiß ich als Perserin.“) Und wie der geheimnisvolle Kreislauf des Sperrmülls funktioniert. Derzeit steht ein blitzblaues Fauteil gleich hinter der Busstation, einer Portiersloge gleich: Eine der Armlehnen ist kaputt, die Füllung schaut heraus. Irgendwer hat es abgeladen, dann hat es jemand hierhergestellt, wo die jungen Männer nachmittags, wenn es warm ist, quatschen und mit ihren Handies spielen. Irgendwann wird jemand das Fauteil in eine Wohnung tragen, zerlegen, zum Trampolin umbauen, sonstwie weiterverwerten oder wieder zurückstellen.
Viele haben mitgeholfen bei diesem Film, viele kommen vor, und alle sind sie jetzt sehr stolz. Mortezai muss nur dasitzen, sie gehen alle vorbei: Da sind Marika und Dragan Danilovic, das bosnische Hausmeisterehepaar, das seit 16 Jahren versucht, in der Siedlung ein paar Regeln durchzusetzen. Da ist Rahma, eine füllige Somalierin, großes Hallo. Rahma hat, statt einer Cateringfirma, für die Filmcrew gekocht. Längst wohnt sie nicht mehr hier, sondern in einem Favoritner Gemeindebau, dort ist es ruhiger als hier. Doch wie viele ehemalige Bewohner hat auch Rahma sich nie richtig aus Macondo lösen können und kommt alle paar Tage zum Quatschen vorbei.
Und da sind die Kinder, die im Film auf Matratzen Salti machen und in Huma-Einkaufswagerln durch die Gegend düsen. Ravina ist eine von ihnen. Als „Macondo“ in Macondo gezeigt wurde, hat sie sich auf der Leinwand gesehen, „in der Szene mit der Polizei, da bin ich auf dem Klettergerüst.“ Es ist Mittag, eben kommt sie aus der Schule, in die Nachmittagsbetreuung darf sie nicht, „dafür bin ich zu gut“, sagt sie kokett. Nur Einser und Zweier hat sie. Nächstes Jahr wechselt sie ins Gymnasium. Ravina will Ärztin werden.
„Macondo kann eng werden“, sagt Mortezai, die sich eben aus der überschwänglichen Umarmung der kleinen Afghanin entwindet. „Insbesondere für die Mädchen. Man ist hier halt keine Sekunde unbeobachtet.“
Auch Mortezai war einmal ein Flüchtlingsmädchen. Zwölf war sie, als sie mit Bruder und Eltern aus dem Iran kam, auf der Flucht vor den Mullahs und dem Iran-Irak-Krieg. „Wir hatten es leichter. Wir kamen mit dem Flugzeug und einem Touristenvisum.“ Doch vieles von dem, was Ramazan in ihrem Film erlebt, ist ihr vertraut. Auch sie kann sich an die bösen Blicke in der U-Bahn erinnern. An die Fremdheit. An die Angst, nicht verstanden zu werden, und die Unsicherheit, ob man die Botschaften der Umgebung richtig deutet.
Mortezai, heute 45, sitzt auf der Bank, setzt sich die Sonnenbrille auf und schaut auf die Gebäudemauer gegenüber. Mitten im Zentrum Macondos hat das Innenministerium hohe Zäune hochgezogen, mit Überwachungskameras. Was vor ein paar Jahren noch das Kardinal-König-Haus war, ein Wohnheim mit Beratungszentrum, wurde zum Familien-Schubhaftzentrum umgebaut. Dreistöckig, in mattem Orange, thront es über den Schrebergärten. Die Zäune durchschneiden die Siedlung, blockieren den Durchgang zum Fußballfeld und zum Huma-Supermarkt. Bewaffnete, Uniformierte fahren nun täglich an dem dem blauen Sperrmüllfauteuil und den handyspielenden Kids vorbei.
Was man sich dabei gedacht hat, ein Schubhaftgefängnis ausgerechnet mitten in eine Flüchtlingssiedlung zu stellen? Vor die Nase von Menschen, die eben erst erfahren haben, dass sie in Österreich bleiben dürfen, die ihre erste eigene Wohnung beziehen, zur Ruhe kommen? Mortezai weiß es nicht. „Vielleicht hat man es bloß praktisch gefunden, dass es nicht weit zum Flughafen ist“, meint sie.
Aber vielleicht ist es auch als perfide Botschaft gemeint: Seid euch eurer Sache nicht allzu sicher. Ihr seid erst in Macondo. Ihr seid noch nicht ganz da.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.