Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger: Ein Doppelportrait für den Falter

Facebook geht fast immer. Zumindest, wenn es eine Stunde Strom gegeben hat, und die Kurden dran gedacht haben, in dieser Stunde ihre Akkus aufzuladen. E-Mails schicken, telefonieren, alles schwierig. Aber Facebooken übers türkische Mobilfunknetz, das über die Grenze strahlt – geht tadellos.
Die Nachrichten aus dem belagerten Kurdistan sind dieser Tage nicht so, dass man sie mit „gefällt mir“ quittieren möchte. Sie kommen von Kämpfern, die fest entschlossen sind, in Kobane auszuharren. Von Aktivistinnen, die hinter der Front Schlafplätze an erschöpfte Vertriebene vermitteln, und verzweifelt versuchen, einen Rest an normalem Leben aufrechtzuerhalten, während der Kampfeslärm näherrückt. Sie kommen von Flüchtlingen, die mit ein paar Habseligkeiten auf der anderen Seite des Stracheldrahts in der Türkei stehen. Oder schon an der Mittelmeerküste, bereit zur gefährlichen, illegalen Überfahrt nach Europa. Die Nachrichten kommen von alten Bekannten, von Freundinnen und Freunden. Mit denen man einmal Raki getrunken, Schaschlik gegessen, getanzt, gestritten hat, oder mit klapprigen Jeeps über staubige Sandpisten gefahren ist.
In einer kleinen, von 12.000 Büchern beinahe zugewachsenen Währinger Wohnung laufen all diese Nachrichten in diesen Tagen zusammen. Hier wohnen Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger, ein Politikwissenschaftler und eine Politikwissenschaftlerin, die derzeit in einem Real-Life-Experiment ausprobieren, wie das zusammengeht: Politik und Wissenschaft. Freundschaft und Expertentum. Konkrete Hilfe und abstrakte Solidarität.
Kreutzer und Schmidinger schlafen schlecht, seit die IS-Kämpfer durch Kurdistan marschieren. Besser: Sie schlafen kaum noch.
Da war zum Beispiel der Moment im August, als die Sache mit den Jesiden passierte. Jesiden wer? fragten die österreichischen Journalisten, fragte die New York Times, fragten Militärs und Politikerinnen. Schmidinger, der „Experte mit dem Minderheitentick“, wie er selbstironisch sagt, war einer von wenigen auf der ganzen Welt, die die kurdischen Jesiden im regionalen Gewirr aus Ethnien, Sprachen, Partei- und Religionszugehörigkeiten einzuordnen wusste. Eben erst hatte das Ehepaar in einer abenteuerlichen Fahrt das wichtigste Jesiden-Heiligtum im Sindschar-Gebirge besucht. Jetzt saßen die Menschen, die sie damals kennengelernt hatten, gemeinsam mit tausenden anderen in sengender Hitze auf dem kargen Berg fest, durstend, verzweifelnd, ungeschützt. „Da war halt dann unser Urlaub vorbei“, sagt Kreutzer knapp.
Da war der Moment, in dem Schmidinger seine Dissertationsprüfung hatte – „Defensio“ heißt das im Akademikerjargon, das Thema war Kurdistan. Zur selben Stunde verlor der Musiker Taha Xelil, einer seiner besten kurdischer Freunde, bei einem Selbstmordanschlag der IS seine Tochter. Wunderschön war Helepce, eine intellektuelle Zukunftshoffnung Kurdistans, 18 Jahre alt, hochschwanger. Die kritische Distanz zum Forschungsobjekt, die Unparteilichkeit, die in der Wissenschaft so wichtig sind – wo soll man die hernehmen, wenn man es mit Terroristen zu tun hat?
Und da war und ist Leeza. Man könnte sagen: Leeza, das gemeinsame Kind der beiden. Eine NGO, die seit zehn Jahren in verschiedenen Teilen Kurdistans versucht, „emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit“ zu machen. Konkret heißt das: Frauen einen Raum und Infrastruktur zu finanzieren, in dem sie sich treffen und organisieren können – weil der öffentliche Raum in den kurdischen Dörfern und Kleinstädten traditionell den Männern gehört, und die Frauen keinen Ort für sich haben.
Leeza ist winzig. Derzeit gehen etwa tausend Euro im Monat an das Frauenzentrum Kolishina im syrisch-kurdischen Amude. Kreutzer schickt es auf geheimnisvollen, aber wundersam effizienten Wegen („ich rufe jemanden an, überweise auf ein Konto, zwei Stunden später rufen mich die Frauen aus Kurdistan an und sagen, sie haben das Geld schon in der Hand“). Aber es sei „unglaublich, was die damit alles machen“, sagt sie, und scrollt die Bilder auf der Facebook-Seite durch: Erste-Hilfe-Training für Gesundheitshelferinnen („es gibt dort ja keine Ärzte mehr“), Hilfe für alleinstehende Kriegsvertriebene („die brauchen ja irgendeinen Job, um sich über Wasser zu halten“), Workshops zu häuslicher Gewalt und gegen die Verheiratung minderjähriger Mädchen („das hört ja nicht auf, nur weil Krieg ist“).
In ihrem Brotberuf leitet Kreutzer das Projekt „Missing Link“ der Caritas, wo sie Österreicher, Flüchtlinge und Asylwerber zusammenbringt. Auch sie merkt, wie sich das Persönliche und das Politische immer mehr ineinanderschieben, je länger dieser Krieg dauert. Noch halten die tapferen Leeza-Frauen in Syrien durch. Noch hat die IS die Kleinstadt Amude nicht im Visier. „Aber ich frag mich schon: Was, wenn die fliehen müssen? Wie kommen sie dort heil raus? Wie kommen sie heil nach Europa rein? Und wenn ich ihnen dabei nicht helfen kann?“
Kreutzer und Schmidinger bestellen sich je noch ein Bier. In Momenten wie diesem kann man ahnen, warum sie schlecht schalfen. Und wie schwer es sein muss, sich abzugrenzen, wenn man sich erst einmal auf alles eingelassen hat.
Wie wird man so? Einiges davon lässt sich vielleicht aus der Biographie erklären. Sie: Kärntnerin aus konservativem Haus, aufgewachsen in Guatemala, wo der Vater an der elitären österreichischen Schule unterrichtete. „Eine Militärdiktatur und drei Putsche haben wir erlebt. Der Schulbus fuhr morgens an den Leichen vorbei, die man dort zur Abschreckung hingelegt hatte. Jeder hat es gesehen. Aber keiner hat je drüber geredet.“ Aus Rache für das Schweigen zog sie in Wien dann mit lateinamerikanischen Studenten in die WG, sammelte Geld für Indios und Witwenorganisationen, gründete Solidaritätskomitees und zerstritt sich wieder mit ihnen.
Er: Der verrückte Radikale aus der kleinbürgerlichen Vorarlberger Kleinstadt, Schulversager, Elektriker, Anarchist, ein langhaariger, bloßfüßiger Hippie, der Bakunin las und kiffte. „Die Vorarlberger Linke am Ersten Mai: Das waren vier Trotzkisten, 30 Hippies, 5 Punks, ein KZ-Überlebender von der KPÖ und 150 Kurden.“ Das sollte der Beginn seiner großen Liebe werden. Um die Kurden zu verstehen, lernte er türkisch auf der Volkshochschule – ausgerechnet beim türkischen Honorarkonsul, mit dem er sich prompt in der Kurdenfrage überwarf.
Zusammengebracht hat die beiden der Tod des Schubhäftlings Marcus Omofuma. Mary Kreutzer schaute in den TV-Nachrichten die parlamentarische Debatte, als jemand Flugblätter von der Galerie ins Pleum warf. „Abschiebung=Mord“, stand drauf, geworfen hatte sie „Schmidi“, jener Typ aus dem Arabisch-Kurs, der in der letzten Bank immer vor Erschöpfung einschlief. „Das gehört belohnt“, dachte sie.
Seither üben die beiden gemeinsam den Balanceakt. Machen Forschung mit der einen Hand, Aktivismus mit der anderen, schreiben Bücher: Kreutzer (gemeinsam mit Corinna Milborn) den Besteller „Ware Frau“ über Prostitution und Menschenhandel; Schmidinger soeben „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan“. Und wenn das Manuskript hundert Seiten zu viel hat – weil es eben so viele Minderheiten und so viele Details gibt, die unbedingt noch vorkommen müssen – dann zahlt er die zusätzlichen Druckkosten halt aus eigener Tasche.
Nicht immer geht so viel Hingabe ohne Blessuren ab. Anlass für Zoff findet sich immer, speziell in sozialen Medien. Die Liste der Konfliktthemen, bei denen Schmidinger oder Kreutzer oder beide sich regelmäßig Feinde machen: Der strukturelle Antisemitismus der Linken (der immer dann durchschlägt, wenn es um Israel geht). Der unreflektierte Antiamerikanismus (der dann bizarr wird, wenn die USA, wie aktuell im Krieg gegen die IS, wichtige Verbündete sind). Der universelle Antifeminismus (in allen Machtfragen). Und jene religiös-inbrünstige Spielart des Atheismus, die jede Religiosität prinzipiell verdammt.
Nein, da können sie nicht mit. Da denkt Schmidinger lieber an das biblische Land mit seinen vielen Geschichten, an die sinnlichen Rituale der Sufis, und an die vielen von Raki begleiteten Nächte, in denen er mit seinen frommen Freunden den abstrakten Gottesbegriff durchdiskutierte. Und Kreutzer hält sich an den Erinnerungen an die PKK-Kämpferinnen fest, „die Kalaschnikow in der einen und die Tschik in der anderen Hand“, wie sie gemeinsam über die Männer in der Partei lästerten, und sich ausmalten, wie ihr Land dereinst ausschauen würde – wenn das Patriarchat ebenso besiegt sein würde wie Kaptalismus und Islamimus.
Es ist auch an diesem Abend spät geworden im Etap, einem kurdischen Lokal in Ottakring. Obwohl es so viel zu tun gäbe: Die Rede von den EU-Parlamentariern, die Schulung für die Flüchtlingshelfer, ein Fernsehauftritt, ein Buchbeitrag, Spendengelder sammeln. „Burnout?“ steht noch auf meiner Liste vorbereiteter Fragen. Burnout? Thomas Schmidinger und Mary Kreutzer schauen einander an. Schweigen.
Was für eine seltsame Frage, wenn gerade eine eine Welt zuammenbricht.

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